Der gewählte Weg

Grad habe ich ein Buch fertig gelesen (The Midnight Library von Matt Haig). Mir gefiel das Buch. Relativ einfach gestrickt, ziemlich vorhersehbar aber trotzdem schön zu lesen. Genau wie vom Twenager angekündigt: ein Feelgood Buch.
Eine junge Frau, am Leben verzweifelt, beendet ihres vorzeitig. Allerdings will ihr auch das nicht so recht gelingen, worauf sie sich in einer mysteriösen Bibliothek wiederfindet, in der sie ein Buch aufs andere aus dem Gestell nimmt bzw. hineinschlüpft: lauter mögliche, ungelebte Leben oder, um es wie im Buch etwas visueller zu machen: lauter mögliche Äste ihres Lebensbaums.

Das «Buch des Bedauerns», quasi das Inhaltverzeichnis der besagten Bibliothek spielt in der Geschichte eine entscheidende Rolle, was naheliegend ist (Stichwort Robert Frost, «The road not taken» oder auch mannigfaltige Umfragen unter Sterbenden).

Allerdings.

Ich hab jetzt nicht soviel Lust, in «meinem» Buch des Bedauerns zu schmökern. Abgesehen davon, dass es wohl sehr umfangreich daherkommt, ich es aber nicht auf meinen Kindle laden kann, würde es mich wohl etwas deprimieren. Viel lieber überlege ich mir, welche Entscheidungen in meinem Leben mich glücklich machten und da gibt es ja schon auch ein paar. Herausgepickt wären da:

  • meine Beharrlichkeit (dem Handyman gegenüber, der mir im Nachhinein bestimmt dankbar dafür ist), Mutter werden zu wollen
  • Die Entscheidung, einen klapprigen Döschwo einem schnittigen Schlitten vorzuziehen (sonst wär das mit dem Handyman womöglich überhaupt nichts geworden)
  • Trotzdem noch zu der Vorstellungsrunde in E. gegangen zu sein, obwohl ich sie zuerst aufgrund akuten Liebeskummers abgesagt hatte
  • Eine Weile lang einen grossen Teil meiner Freizeit in den Tanz zu investieren (obwohl es da schon zu spät für eine entsprechende Karriere war, aber es beschwingte mich zu der Zeit beträchtlich)
  • anzuerkennen, dass Schreiben mich ziemlich glücklich macht (autsch, ich bin ein Nerd)
  • etwas völlig Unvernünftiges zu machen und damit mein Leben in ganz neue Bahnen zu lenken ( The Road Taken)
  • in einem Alter, wo andere sich Designermöbel und einen SUV kaufen, nochmals bei null anzufangen und dem materiellen Luxus ein für alle Mal abzuschwören
  • trotz damit verbundener Panikattacken eine sichere Stelle zu kündigen um dereinst (vielleicht) wieder gerne arbeiten zu gehen (ein Volltreffer)
  • in den «falschen» Bus gestiegen zu sein in dieser schneereichen Samstagnacht. Es war dann, wie sich mittlerweile herausstellte, doch der richtige.

Tja, wer weiss schon, welcher Weg der richtige ist und ob ein anderer uns nicht glücklicher gemacht hätte. Vielleicht liegt das Geheimnis ja darin, den Weg, den man gewählt hat, mit wohlwollenden Augen zu betrachten, anstatt sich zu fragen, wie ein anderer ausgesehen hätte.
Ich bin mit meinem jedenfalls soweit ganz zufrieden.

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4 Antworten zu Der gewählte Weg

  1. anneinsideoffice schreibt:

    Das hat mich heute angeregt selber über die Abzweigungen und Entscheide bei mir nachzudenken und etwas Fazit zu ziehen😉

  2. Yael Levy schreibt:

    Danke für diesen wirklich anregenden Beitrag, über den ich heute morgen “gestolpert” bin und der auch mich veranlasst hat, einige Minuten nachzudenken. Wie du vermutest, gibt es wohl keinen “richtigeren” Weg, der uns “glücklicher” gemacht hätte – es kommt nur darauf an, was wir aus unserem Weg machen. Und du machst genau das Richtige: rückblickend die Rosinen herauszupicken.
    Es ist schon ein faszinierender Gedanke, wie anders ein Leben verlaufen könnte, wenn… wenn ich damals einen anderen Bus genommen/eine andere Türe geöffnet/den Zug nicht verpasst/das Flugzeug nach Israel nicht bestiegen hätte…

    • schreibschaukel schreibt:

      ich mag solche Gedankenspiele. Was war wohl eher dafür verantwortlich, dass WIR uns kennengelernt haben? Dein Flugzeug oder mein Bus? Wobei das eine ohne das andere nicht dieselbe Wirkung gehabt hätte. Und vielleicht, wer weiss, wären wir uns ja sonst im Alpstein beim Wandern begegnet.

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