Wie ein pro-palästinensischer Reporter seine Ansichten über Israel und den Konflikt veränderte

Am Schluss des Artikels wünscht sich der Autor dieses Artikels, dass mehr Menschen bereit wären, ihre Meinung zu überdenken.
Mich würde es schon glücklich machen, wenn einige bereit wären, 10 bis 15 Minuten zu investieren, um den Artikel überhaupt zu lesen.

faehrtensuche

von Hunter Stuart
15. Februar 2017

Originaltext: HOW A PRO-PALESTINIAN AMERICAN REPORTER CHANEGED HIS VIEWS ON ISRAEL AND THE CONFLICT

Ein Jahr Arbeit als Journalist in Israel und in den palästinensischen Gebieten brachte Hunter Stuart dazu, seine Position zu dem Konflikt zu überdenken.

Im Sommer des Jahres 2015, nur drei Tage nach meiner Übersiedlung nach Israel für eine eineinhalbjährige freiberufliche Berichterstattung aus der Region, schrieb ich meine Gefühle über den israelsich-palästinensischen Konflikt nieder. Einer meiner Freunde in New York hatte erwähnt, dass es interessant wäre zu sehen, ob sich die Art und Weise meiner Empfindungen ändern würde, wenn ich in Israel wohnte. Mein Freund vermutete wahrscheinlich, dass die Dinge anders aussähen – sozusagen aus dem Sitz in der vordersten Reihe.

Er hatte ja so recht!

Bevor ich nach Jerusalem zog, war ich sehr pro-palästinensisch eingestellt. Das war fast jeder, den ich kannte. Ich wuchs protestantisch auf in einer malerischen, politisch…

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Selbstreflexionen

Die erste:
Super, die vielen Gedächtnis Trainingsübungen, die ich anhand eines Textes gerade kennengelernt habe. Die kann ich prima einsetzen im Unterricht.
Allerdings – ob ich mich im richtigen Moment daran erinnern werde?
Die zweite:
Ein Bungy Jumping braucht zwar ein kleines bisschen Mut, aber nicht so viel Mut, wie sich im wahren Leben ins Ungewisse fallen zu lassen.
Beim Bung Jumping geht es relativ schnell wieder aufwärts …und hinunter, hinauf, hinunter …alles schön sanft, bis es sich schliesslich ausgependelt hat.
Im wahren Leben dauert der freie Fall ungleich länger.
Ich hoffe mal, dass ich die Seillänge richtig berechnet habe…
Die dritte:
Wer wieder beweglicher werden will, muss auch stille halten können.
Die vierte:
Wie konnte mir bloss entgehen, dass das Kind plötzlich so erwachsen geworden ist?
Die fünfte:
Es ist relativ einfach, die Freundin aus Kindheitstagen zu schockieren:
Indem man während der Suche im Internet bezüglich eines Transfers von A nach B (oder eher nach Q) im fremden Land die Krise bekommt, am liebsten die ganze Reise absagen oder der Einfachheit halber einen Helikopter chartern  möchte und schliesslich so desperat wird, dass ihr ein erstauntes „Du bist  ungeduldig….“ entfährt.
Gut beobachtet, meine Liebe. Und dafür hast du über 50 Jahre gebraucht?

Es ist so: Ich will, dass mir jemand sagt wie. Sofort.
Die sechste:
Ich hab das mit der Synchronisation meiner diversen Gadgets nicht im Griff. Und auch sonst lässt das mit der Synchronisation öfters zu wünschen übrig.
Die siebte:
Man kann jemandem mit wenigen Worten eine Freude machen, selbst wenn die betreffende Person gar nicht (mehr) weiss, wer man ist. Sollte man öfters tun.
Die achte:
Man wird nicht automatisch klüger, selbstsicherer, abgeklärter, gelassener, wenn man älter  wird. Ab und zu streift mich gar der Verdacht, es könnte andersrum sein.
Die neunte:

Valentinstag bedeutet mir nichts.
Die zehnte:

Gibt es nicht. Das wäre vermessen.

 

 

Fast wie damals

Dieser Tage – oder soll ich sagen Nächte? – habe ich ein Déjà vu vom Feinsten. So war es doch auch damals:

Ich wache auf, todmüde, und mein Blick streift sofort den Wecker.
Ist schon ein Erfolg zu verzeichnen?
Doch nein, ein schwerer Seufzer entringt sich meiner Brust; nicht mal zwei Stunden habe ich geschlafen. Tief offenbar, aber nicht so tief, dass mich die Umstände nicht mitten aus einem Traum gerissen hätten. Liegenbleiben bringt nichts, ich beisse die Zähne zusammen und klaube mich aus dem Bett, stelle als erstes meine Füsse auf den Boden und dann, widerwillig, auch den Rest. Schlaftrunken wanke ich durch die Wohnung; „Alle schlafen jetzt, nur ich nicht“, bemitleide ich mich.
Immerhin, nach etwa zehn Minuten traue ich mir zu, weiterschlafen zu können (damals dauerte es manchmal deutlich länger) und lege mich wieder hin.
Weitere zwei Stunden vergehen, fast auf die Minute, dann wiederholt sich das böse Spiel.
Einzig in den frühen Morgenstunden, wenn die Erschöpfung wohl am grössten ist, liegen manchmal zweieinhalb oder sogar, welches Glück, drei ganze Stunden am Stück drin, obwohl ich das im Nachhinein büssen muss und ich mich auf die erste Tablette freue. Gut muss ich im Moment nicht zur Arbeit; ich würde zu nichts taugen. Zum ersten mal im Leben ahne ich, wie sich ein richtig fieses Hangover anfühlt.

Aber ein Déjà vu ist häufig nur Illusion.

Anders als damals kann der Twenager nichts für die nächtlichen Ruhestörungen. Es sind meine schmerzenden Muskeln und die Nachwirkungen der Operation, die mich aus dem Bett treiben, wohl wissend, dass ich mir die nächste Runde Schlaf verdienen muss, indem ich mich erst gebührend bewege. Und während der Twenager sich vor über zwei Jahrzehnten keinen Deut um mein Schlafmanko oder andere Unpässlichkeiten scherte, sondern immer das volle Programm von frühmorgens bis spätabends einforderte, ist er jetzt voller Mitgefühl und tut alles, um mir die Genesungsphase zu erleichtern. 
Mein Glück, dass er gerade Semesterferien hat: Er wäscht, kauft ein, fährt mich zur Physiotherapie, kocht, räumt auf und putzt, was das Zeug hält, man kommt kaum nach mit zusehen.

Der Twenager hat heute übrigens Geburtstag. Und in den letzten Tagen habe ich sehr praktisch erfahren können, was „in die Zukunft investieren“ heisst.

Auch wenn wir seinen Geburtstag feiern: Das grösste Geschenk ist er selber.

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So sei es

Wer hätte gedacht, dass ich elf Tage hier verbringen werde. Eingestellt hatte ich mich im Zusammenhang mit meiner Hüftoperation auf fünf bis sechs und anschliessend, so mein Plan, würde der angenehme Teil meines Zwangsurlaubes beginnen, in dem KInobesuche und Kaffeetreffen vorgesehen waren.

Nun kommt es ja häufig anders als geplant und ich hätte wissen müssen, dass meine Neigung zu blauen Flecken, von denen ich manchmal keine Ahnung habe, woher sie rühren, zu unschönen Nebenwirkungen führen könnte. So war es denn auch, und statt nach einer Woche schon locker flockig mit meinen Krücken herumzuspazieren, ist jede Lageveränderung noch schmerzhaft, was meine Mobilisiserungsphase deutlich verlängert.

Warum bin ich dann trotzdem guter Dinge und fühle mich zumindest auf der psychischen Ebene so gut wie schon lange nicht mehr? Vielleicht deshalb:

Die Operation ist trotz der unschönen Nebenwirkungen gut verlaufen, ich bin an eine tolle Ärztin geraten, die nicht nur fachlich, sonder auch menschlich voll auf Höhe ist (sie hat mich schnell durchschaut, jaja) und die Aussichten auf zukünftige lange Spaziergänge und Wanderungen stehen gut. Was für eine schöne Aussicht!
Der Spitalaufenthalt war alles in allem angenehm. Was für ein Glück ich mal wieder hatte!
Zwei super nette Zimmernachbarinnen, mit denen ich viel Spass hatte und habe. Ein grosses, helles Zimmer mit einer schönen Aussicht. Ein Betreungsteam, von dem man merkt, die haben’s gut miteinander, und das den Patienten trotz der anstrengenden Arbeit ein hohes Mass an Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft entgegenbringt; immer mal wieder ist die eine oder der andere auch zu einem kleinen Scherz aufgelegt. Ganz nebenbei gefällt mir die internationale Atmosphäre hier und öfters denke ich: Wie schön wäre es, würde es im Grossen so gut funktionieren wie im Kleinen.
Auch die vielen guten Wünsche und Gedanken, die ich bekommen habe, die Gewissheit, dass es Menschen gibt, die für mich da sind, wenn ich Hilfe brauche, macht mich glücklich.

Ausserdem habe ich wieder viel gelernt in den letzten Tagen: Dinge über mich, über die Welt im Allgemeinen und manchmal – manchmal waren die Erkenntnisse auch ganz handfester Art:

Ich habe von der Arbeit geträumt?
Verboten!
Von jetzt an werde ich meine Auszeit geniessen – das geht auch ohne Kinobesuche.

Blondfaktor

Anthroposophen glauben: Alle sieben Jahre verändern wir uns.
Ich bin dem nachgegangen und habe gelernt: Mit 56 Jahren tritt man in den Zyklus der Entscheidungen ein, „…setzt Prioritäten, bündelt die Kraft und weiss, worauf es jetzt ankommt…“.
Das hat was. Nehmen wir zum Beispiel meine Haarfarbe. Irgendwann während der letzten Monate guckte ich in den Spiegel und sah: Es war nicht gut. Handlung tat not. Da ich in der Vergangenheit öfters mal falsch gehandelt hatte, wandte ich mich zuerst der obersten Beratungsstelle zu, dem Internet. Und siehe da: Die Trendfarbe, die derzeit ganz oben auf der Liste steht ist …

…GRAU.

Echt jetzt?!

Selbst junge Frauen scheuen offenbar keine Mühe, um zu grauem Haar zu kommen, während ich in den letzten Jahren alles daran gesetzt hatte, genau das Gegenteil zu tun. 

„Jetzt ist aber Schluss mit dem Blondfaktor“, sagte ich mir, „ich bin doch nicht blöd“. 

Es ist aber natürlich nicht einfach, nach so vielen Jahren – also nicht mehr blond zu sein – und es wollte genau geplant sein. Mein Internetratgeber empfahl als Übergang Strähnchen, also ging ich zu meinem Leibfriseur und verlangte nach ebensolchen.

Es ist so: Entweder ist er trendmässig noch nicht auf der Höhe oder er dachte sich ich sei blöd und vielleicht, vielleicht wollte er auch einfach richtig viel Kohle machen.

Er machte also Strähnchen um Strähnchen, stundenlang, tagelang, ich dachte schon, ich käme nie mehr nach Hause, und am Schluss kostete der Spass nicht nur einen halben Monatslohn, sondern es war auch kein Fitzelchen Grau mehr auf meinem Kopf auszumachen.
Ich sah jetzt wie ein Zebra aus.
Ein blondes Zebra.

Nachdem mein „Ich war blond“-Projekt so schmählich in den Sand gesetzt worden war, brauchte ich erstmal Zeit, um den Misserfolg zu verdauen und auch, damit die Haare nachwuchsen.
Zeit wirkt aber bekanntlich Wunder und bald schon zeigte sich ein hoffnungsvoller Grauansatz an meiner Haarwurzel. 
Ein paar Wochen später war der nächste Coiffeurbesuch fällig.

„Heute bitte nur schneiden“, beschied ich dem Coiffeur mit grösstmöglicher Autorität. Es war übrigens derselbe, was der Beweis dafür ist, dass Treue, ohne das jetzt werten zu wollen, eine meiner Charaktereigenschaften ist, auch wenn ich ab und an zu einem Punkt komme, wo ich das Handtuch werfe. Sein Blick, als er mir nach dem Waschen eins um den Kopf wickelte, sprach Bände. „Keine Strähnchen mehr“, doppelte ich nach, „die Haare bleiben von jetzt an, wie sie sind“.
Er schaute mich skeptisch an, was im Spiegel noch etwas dramatischer rüberkommt. Kurze Zeit später entliess er mich mit kummervollem Blick und noch lange blickte er mir nach (vermute ich jedenfalls – ich wagte es nicht, mich umzudrehen).

Die nächsten Wochen waren interessant.
Meinem Umfeld begann aufzufallen, dass ich mich veränderte. Es würde den Rahmen sprengen, hier alle Kommentare aufzulisten, aber mein persönlicher Schlüsselmoment manifestierte sich im Gespräch mit einem Vorgesetzten, als dieser mitten drin den Faden verlor und verwirrt fragte „Hast du eigentlich was mit deinen Haaren gemacht?“
„Eben nicht“, hätte ich natürlich sagen können, stattdessen machte ich geistesgegenwärtig mein traurigstes Gesicht und seufzte bedeutungsvoll und lang. Zu spät kam mir in den Sinn, dass es ja nicht um Lohnverhandlungen ging, aber egal – ich hatte entdeckt, wie ich Kapital aus meiner neuen Erscheinungsform schlagen konnte.

Zwei Coiffeurbesuche später, in denen ich dem Coiffeur mutig die Stirn geboten und sein betrübtes „Man kann jederzeit wieder Farbe draufmachen“ ignoriert hatte, führe ich ein neues Leben.
Ich habe wieder mehr Zeit zum Scheiben, das gesparte Geld investiere ich ins Lottospiel und bis ich mich ernsthaft damit befassen muss, wer meine Finanzberaterin wird, geniesse ich es, dass mir im Bus jeweils ein Platz angeboten wird und mich fremde Leute fragen, ob sie mir die Einkaufstasche tragen oder mich über die Strasse begleiten dürfen.
Niemand stellt mehr ein Statement von mir in Frage; ich bin jetzt nicht mehr das blonde Dummchen sondern umgeben von einer Aura von Weis(s)heit. Es ist wirklich ein ganz neues Leben oder eben  – ein neuer Lebenszyklus.

Und wer jetzt denkt, ich hätte hier ein bisschen übertrieben:
Stimmt.
Aber meine neue Haarfarbe, die gefällt mir bis jetzt prima.

Abendlicher Besucher

So um halb acht war’s, als bei mir die Klingel ging und weil der Teenager fällig war und auch weil ich den verstörenden Albtraum kürzlich verdrängt hatte (ich war darin durch’s ganze Treppenhaus vor einem MÖRDER geflohen), drückte ich ohne nachzudenken auf den Türöffner, flötete mein „haaaallllooooo“ in die Tiefen des Treppenhauses und wartete auf das zu erwartende „hoi Mäh…“ .

Es kam nicht.

Stattdessen tönte ein „Renate ??- nicht erschrecken!!“ mit Akzent herauf und traf voll ins Schwarze: Ich erschrak.

Das Gesicht, das gleich darauf erschien, mit derselben Farbe übrigens, lächelte mich freundlich an, weshalb ich davon absah in die Wohnung zu hechten und mich zu verbarrikadieren, obwohl ich mich unwillkürlich an den Traum erinnerte. Aber politische Korrektheit toppt heute alles. Ja gut, wenn’s ein Schweizer gewesen wäre, aber so konnte ich einfach nicht. Ich hätte mich sehr schlecht gefühlt dabei. Und obwohl man sich angesichts eines Mörders vermutlich auch nicht gut fühlt – dieser sah nun wirklich nicht aus wie einer (obwohl sie das ja selten tun!).

Ich erwartete das obligate Anpreisen irgendeiner Ware, aber nein, der Mann wollte Genaueres über mein Auto erfahren. „Aha, dachte ich, das ist einer aus der Nachbarschaft, dem mein putziges Gefährt aufgefallen ist und er überlegt sich, auch so eins zu kaufen.

Ich gehöre zu denen, die nie so genau zuhören und immer schon wissen, was mein Gegenüber sagen will, bevor es den Satz zu Ende gesprochen hat.

Trotzdem lokalisierte ich eine Ungereimtheit im Wortschwall des abendlichen Besuchers, und das lag nicht nur am Akzent. Worin sie lag, wurde klar, als er mir einen Fahrzeugausweis unter die Nase hielt, der einen „ungültig“ Stempel aufwies.
Auf dem Dokument standen mein Name und meine volle Adresse und sieh an – es handelte sich um den Fahrzeugausweis, der 13 Jahre in meinem Handschuhfach gelegen hatte. Vor zwei Monaten hatte ich mich schweren Herzens von meinem altersschwachen Auto trennen müssen, froh darüber, dafür nichts bezahlen zu müssen: „Geben können wir ihnen dafür natürlich nichts mehr, das kommt auf den Schrott“.

Und hier war also einer, der von mir wissen wollte, ob er einen guten Deal machte, wenn er mein inzwischen ja wohl verschrottetes Auto kaufte und auch, ob alles einwandfrei funktionierte.
Wir plauderten in der Folge angeregt miteinander, die Stimmung wechselte von feindselig (ich: Wieso haben Sie diesen Wisch mit meinen Daten, ist das nicht illegal?) über beschwichtigend (er: Den hab ich von einem Händlier in V. und ich bin aber ein ganz Lieber!) und entgegenkommend (ich: Das Auto ist unglaublich viele Kilometer gefahren, hat eine kaputte Einspritzdüse und die Klimaanlage hat noch gar nie funktioniert, bloss damit Sie’s wissen) bis dankbar (er: Da bin ich jetzt aber wirklich froh, dass Sie so ehrlich sind, das Auto werde ich nicht kaufen.).

Irgendwann erkundigte er sich mit einem Seitenblick auf die Nachbarstür noch, ob wir niemanden stören würden, aber ich sah davon ab, ihn in die Wohnung zu bitten; meine Korrektheit hat ihre Grenzen.
Obwohl er wirklich richtig nett war und … schade eigentlich – mein altes Auto hätte ihn bestimmt gemocht.

Weihnachtsmorgen im Wandel der Zeit

Schon manchen Weihnachtsmorgen hab ich über all die Jahre erlebt und immer noch scheint er mir etwas Besonderes. Der Weihnachtsbaum steht nun ziemlich allein da, die Geschenke sind ausgepackt, und selbst weil ich aufgrund meiner Erkältung nicht viel mitkriege – der Duft von Weihnachten sitzt an einem Ort meines Gehirns, wo er für ewig bleiben wird.

Schon als Kind hab ich diese Ruhe nach dem Sturm gemocht. ein bisschen Melancholie war mit dabei, weil der grosse Moment vorüber war, aber es war gut, etwas runterzukommen.

Die Zeiten ändern sich und auch wieder nicht. 
Damals spielte ich selbstvergessen mit meinen Geschenken oder las in den neuen Büchern, bis man mich suchen kam. Auch heute geniesse ich diese Ruhe am Weihnachtsmorgen und tue etwas, worauf ich mich gefreut habe. Ich lese weiter in der umfangreichen Biographe von Sylvie Simmons über Leonard Cohen (I’m your man) und geniesse die Möglichkeit, parallel dazu im Internet zu stöbern, die vielen Protagonisten zu sehen, die Musik anzuhören.

Aktuell ist es ein legendärer Auftritt an einem Festival auf der Isle of Wight im Jahr 1970, als ich gerade mal 10 war. Das Festival lief völlig aus dem Ruder, die (zu)zahlreichen Besucher waren aufgrund ihres Drogenkonsums, der sich umgekehrt proportional zur Schlafdauer während mehrerer Tage in dem Hexenkessel verhielt, am Durchdrehen, hatten währen Jimi Hendrix’ Konzert fast die Bühne abgefackelt. Die Situation drohte zu eskalieren, manche der Musiker fürchteten um ihr Leben, als man mitten in der Nacht Leonard Cohen und seine Band auf die Bühne holte.
Er liess sich Zeit, viel Zeit, Und dann war er da, in seinem komischen Safari-Anzug, sprach und sang in einer Art super slow motion, weil er, genau wie die Zuhörer, wahrscheinlich völlig high war, und es folgte eine Stunde, die in der Musikszene als Mysterium gilt, und mit seiner Musik, die viel besser in einen kleinen Club passen würde, zähmte er die wildgewordene Menge und verzauberte sie, obwohl er dabei aussieht, als würde er gleich aus den Schuhen kippen.
Und wie Joan Baez, die übrigens auch an diesem Festival war und versuchte, die Wogen zu glätten, so schön sagt: Nicht immer versteht man seine Texte bis ins Letzte, nicht immer scheinen sie Sinn zu machen, aber seine Musik kommt von so tief drin, dass sie auf ihre Art spricht. 
Zu allen, die sich die Zeit nehmen und zuhören.