Schatten im Ferienidyll

Ich hab was im Auge. Seit Tagen schon. Es nervt gewaltig. So muss sich ein Tinnitus anfühlen, nur dass meiner visueller statt auditiver Natur ist.

Wie jedes Übel nahm auch dieses irgendwann seinen Anfang, und das war Freitagmorgen, in der Turnstunde. Eigentlich schon vorher, denn weil es der letzte Schultag war, hatten wir schon eine halbe Stunde früher abgemacht, damit die Zeit für ein Burgenvölkerball reichte, was sie sonst nie im Leben tut. Ein grosser Teil des Reizes dieses Spiels besteht darin, dass man den ganzen Geräteraum ausräumt, damit jede Mannschaft eine Festung errichten kann. Wenn die Sachen aus Platzgründen so akkurat verstaut sind wie in unserem, ist das schon ohne Zeitfaktor eine logistische Glanzleistung.

Die Aktion war grad in vollem Gange, als mir die schwankenden Markierungsstäbe auf ihrem rollenden Untersatz auffielen. Hoppla, das kann ins Auge gehen, dachte ich, und das tat es dann auch. In meins. Just in dem Moment nämlich, als ich das Risiko eliminieren wollte, indem ich das Gefährt aus der Gefahrenzone schob, rammte schon jemand den Mattenwagen hinein, worauf einer der Stäbe umfiel und ergo gegen mein linkes Auge prallte.

Bereits fünf Minuten später war alles wieder im grünen Bereich; die Linse lokalisiert und wieder an den richtigen Platz befördert, der Schmerz abgeklungen – alles paletti.
Die böse Überraschung kam drei Stunden später kurz vor Mittag, als plötzlich ein dunkler Schatten in meinem Auge hin und her zu huschen begann. Davon irritieret fragte ich in der benachbarten Apotheke über Mittag nach, was man davon halte. Das könne man doch sicher vernachlässigen, oder? Das gebe sich bestimmt wieder? Nein, könne man nicht. Das müsse unter fachkundige Augen, sofort, man wisse nie, die Netzhaut und so, hier – eine Telefonnummer wurde mir ausgehändigt – nehme man auch Notfälle, am besten solle ich mich da gleich melden.

Ich konnte für fünf Uhr einen Termin abmachen. Ging ich halt statt nach Hause, um für die Ferien zu packen, noch kurz in die Stadt zum Augenarzt, der sich an illustrer Adresse befand, nämlich am Bellevue. Dort war die Hölle los, denn Jonny Depp wurde erwartet. Er würde sogar, liess man mich wissen, an exakt dieser Tür, also der von der Augenarztpraxis, vorbeigehen, auf seinem Weg in die Kronenhalle. Das war mir gerade ziemlich egal. Erstens weil ich sowieso nichts mehr sah – aus aktuellem Anlass hatte ich meine Kontaklinsen entfernen müssen. Zweitens hatte ich immerhin kein Veilchen davongetragen und das sollte auch so bleiben. Drittens machte ich mir angesichts der grosszügigen Lounch ein bisschen Sorgen wegen des Preises und beschloss, mich doch zu informieren, wie das an meiner neuen Arbeitsstelle mit der Unfallversicherung läuft. Obwohl es daselbst schon ein so langwieriger Vorgang ist, ein paar Bastelartikel abzurechnen, dass man sie lieber gleich selber bezahlt.

Wenig später beschied mir der vermeintliche Augenarzt – er war aber bloss ein Assistent? – dass meine Sehkraft noch ganz toll sei (zusammen mit den Korrekturlinsen, versteht sich). Und noch etwas später checkte eine Augenärztin meine Netzhaut und konnte fürs Erste Entwarnung geben. Zwei kleine Blutungen, ja, aber kein Loch. Das klang gut. Der Schatten habe etwas mit dem Glaskörper zu tun, der sich teilweise von der Netzhaut gelöst habe. Das passiere bei vielen irgendwann im Alter – wie bitte?! – aber bei mir sei dieser Prozess infolge des Schlags eventuell beschleunigt worden. Da könne man jetzt eigentlich grad nichts machen, aber in zwei Wochen müsse ich bitte unbedingt nochmals zur Kontrolle kommen, um die Netzhaut zu überprüfen.
Anschliessend wurde ich in die Ferien entlassen, allerdings mit der Auflage, mich innerhalb von 24 Stunden in einer Klinik zu melden, falls ich Blitze sehen würde, überhaupt nichts mehr sehen würde, oder es schwarze Russflöckchen schneien würde. Eigentlich rechne sie nicht damit, aber sie müsse mich halt aufklären, meinte die Ärztin begütigend.

Wenn sie gewusst hätte, dass sie eine hypochondrisch veranlagte Person vor sich hatte.

Meine Ferien werden im wahrsten Sinne des Wortes etwas getrübt von dem hartnäckig herumschwirrenden Schatten in meinem linken Auge. Leider ist mein Hirn noch nicht so weit, ihn einfach zu ignorieren. Statt dessen sehe ich immer wieder klitzekleine Russflöckchen und während ich mich noch frage, ob die jetzt meiner Einbildung zuzuschreiben sind oder dem italienischen Smog oder bloss dem Umstand, dass ich mir endlich mal wieder eine anständige Sonnenbrille leisten sollte, sind schon längst 24 Stunden vergangen und die Sache ist sowieso gelaufen.

Aber am Gardasee ist es schön. Sehr sogar.

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Ferienhoch

Doch, auch ich hab das eine oder andere Talent. Es ist an der Zeit, dass ich das auch würdige. Leider gehöre ich zu den Leuten, die ihr Lichtlein nicht nur unter den Scheffel, sondern lieber gleich in den Keller stelle. Werde ich gelobt, so erkläre ich wie aus der Pistole geschossen, warum eigentlich gar kein Grund besteht, mich zu loben. Das ist ein Reflex, den zu unterdrücken es mir einfach nicht gelingen will.
Jemand mag meinen Pulli – wo hab ich denn den gefunden? Ist ein Schnäppchen aus dem Ausverkauf. Meine Augen leuchten grad so schön? Die Sonne steht eben im richtigen Winkel. Meine Haarfarbe gefällt jemandem? Ach, ich bin einfach zu faul zum Färben. Die Figur ist ok? Veranlagung – ich bin ja so was von undiszipliniert. Der Schulleiter gibt mir eine gute Rückmeldung nach seinem Besuch? Statt mir selber auf die Schulter zu klopfen und mich zu freuen, ängstigt mich das. Jetzt hat er zu hohe Erwartungen. Beim nächsten Mal merkt er bestimmt, was ich für eine Pfeife bin.

Ab und zu treffe ich zum Glück auf Leute, die sich davon nicht beeindrucken lassen. So wie die Schulleiterin, als es mal um eine Vikariatsstelle ging. „Kein Mann hätte sich so präsentiert wie du (weil ich viel lieber auf meine Schwächen als auf meine Stärken hinweise) !“, sagte sie, „aber zum Glück hab ich auf mein Bauchgefühl gehört.“

Nun ja. Vielleicht bin ich ja nicht die einzige mit dieser Marotte? Oder zumindest nicht die einzige Frau? Oder jedenfalls nicht die einzige Frau AUS MEINER GENERATION?

Aber.

Ich habe tatsächlich ein paar Talente. Eins davon, das ist mir gerade eben wieder klar geworden, besteht darin, andere sich gut fühlen zu lassen. „Sie sind so richtig gut drauf“, sagte die Bedienung eben, als ich zum Frühstück ging. „Da fühl ich mich auch gleich besser.“
Mir passiert das nicht zum ersten Mal. Gut, es gibt sie auch, die Zeitgenossen, die etwas irritiert darauf reagieren, wenn man ihnen direkt in die Augen blickt und dabei vielleicht sogar noch, Gott behüte, lächelt, oder – wie vermessen – gar Laut von sich gibt. Aber die meisten mögen das. Und lächeln womöglich sogar zurück.
Wie schön! Ich sollte mein Talent fördern. Steht das nicht sogar irgendwo in der Bibel?
Schönen Sonntag euch allen.

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Auf dem Weg in den Süden.

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Ich übe mich im logischen Denken

Ich sitze auf dem Balkon und nerve mich ein bisschen und die Biene macht ganz schön viel Lärm. Was wohl die Nachbarn denken? Dass ich mich mit einer Biene herumschlage? Normalerweise ärgert man sich wenn schon um diese Jahreszeit über Wespen, aber Bienen?
Eigentlich ärgere ich mich auch gar nicht richtig, oder wenn, dann eher über mich selber. Die Biene macht einfach (noch) nicht, was ich will. Und auch wenn das ja mein Alltag ist – weil: Die Kids in der Schule machen leider auch nicht immer, was ich will – so nervt es, wie gesagt. Ich wiederhole mich. Es geht aber ja auch grad um „Schleifen“.

Aber keine Bange, ich krieg das noch hin. Am Schluss wird die Biene den Nektar auf allerkürzestem Weg aus den Blüten holen, keinem Monster zum Opfer fallen und das – jawohl – anhand einer minimalen Anzahl von Befehlen. Die Zuversicht stirbt nicht.

Und wer jetzt nicht mehr mitkommt, worum es geht: Willkommen im Club. Ich hab da auch das eine oder andere Fragezeichen. Ich lerne nämlich gerade Programmieren. Naja – so ganz einfach (kurz gelacht) halt. Teil meiner Ausbildung fürs neue Schulfach. Das Gute daran: Man übt damit das logische Denken. Und DAS wiederum könnte der Grund sein für …ach – egal!

Bild: Hussein Twabi, Wikipedia

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Unterschiedliche Ansprüche

Wenn es so etwas gibt wie glückliche Autos, dann kenne ich jetzt eins. Obwohl verbeult, abgewetzt und auch farblich nicht nach der neusten Mode gekleidet, strahlt es heller als der Morgenstern.

Das liegt daran, dass es gestern vermutlich eine „Once in a lifetime“ Erfahrung machte und sich vor Glück kaum mehr halten kann. Man mag mir glauben oder nicht, aber ich bin fast sicher, dass ihm vorne ein paar Tränen aus den Scheinwerfern rannen und ich es leise „Danke“ raunen hörte. Aber das war auch bloss für meine Ohren bestimmt. Hatte ich doch darauf bestanden, es vom Abfall zu befreien und reinigen zu lassen. Aussen UND innen. Obwohl ich nicht zu denen gehören, die dem Zustand ihres Autos eine allzu grosse Bedeutung beimessen gibt es doch Grenzen des Erträglichen. Selbst in den Ferien. Selbst in Israel. Und die waren schon beim letzten Mal überschritten gewesen.
Man will ja nicht nach jeder Autofahrt in Quarantäne!

Diese und nächste Woche wird sich das Auto sehr wohl fühlen. Es schnurrt wie eine sich in der Sonne räkelnde Katze. Was nachher kommt, liegt leider (wieder) nicht mehr in unseren Händen.
Der Clash der Generationen äussert sich nicht zuletzt in Fragen der Hygiene und Ästhetik.

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Israel zu hassen, war eine Sache der Ehre

DAS ist mal eine schöne Gute Nacht „Geschichte“.
Und morgen, so hoffe ich, findet sich noch ein Plätzchen für mich im Flugzeug nach Israel. Bitte Daumen drücken!

faehrtensuche

„Ich wurde geboren, um Juden zu hassen. Es war Teil meines Lebens, ich habe das nie in Frage gestellt. Ich wurde nicht etwa im Iran oder in Syrien geboren. Ich wurde in England geboren. Meine Eltern zogen aus Pakistan dorthin. Ihre Geschichte war typisch für Einwanderer: In den Westen ziehen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und seine Kinder. Wir waren eine gläubige muslimische Familie, jedoch nicht extrem oder radikal auf irgendeine Weise. Wir wünschten jedem nur das Beste – allen, außer den Juden. Die Juden, so glaubten wir, waren Aliens, die auf gestohlenem muslimischen Land lebten. Eroberer, die einen Völkermord gegen das palästinensische Volk verübten. Unser Hass war daher gerechtfertigt. Und das machte mich und meine Freunde anfällig für die Argumente radikaler Extremisten. Wenn die Juden so böse sind, wie wir immer glaubten, müssen dann nicht diejenigen, die sie unterstützen – Christen, Amerikaner und andere im…

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Im Hier und Jetzt sein

Als ich bei der Bushaltestelle eintreffe, sitzt da dieser Typ. Er ist mir schon gestern aufgefallen, als er vor mir die Strasse überquert hat. Bunte, weite Hosen, ein bis zu den Knien reichendes Hemd, das unter der Kutte hervorschaut, lange Haare und einen imposanten Bart – wüsste ich es nicht besser, so dächte ich, Jesus habe sich ins 21. Jahrhundert verirrt.

Jesus sitzt auf der Bank, ganz versunken, in sich ruhend. Seine meditative Haltung wie aus dem Lehrbuch verrät mir, dass er ein Meister darin ist. Etwas neidisch betrachte ich ihn. Diese Gelassenheit würde ich mir auch wünschen.
Hinter meinem Brustbein flattert schon wieder ein freifliegender Vogelschwarm herum, meine Gedanken gleichen diesen kleinen Bomben von Computerspielen, die explodieren, wenn man sie nicht rechtzeitig festmacht. Und natürlich nutze ich die Zeit an der Bushaltestelle auch noch für einen Blick aufs Handy, wie könnte es anders sein. „Mist“, denke ich, das muss sich ändern.
Ich schiele zu Jesus hinüber, der in unveränderter Position, völlig entspannt auf der Bank sitzt, die Unterarme locker auf den Oberschenkeln, so dass sich die Fingerspitzen vermutlich berühren. Nur schon sein Anblick hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Wie kriegt er das bloss hin, den Verlockungen unserer digitalen Gesellschaft und der damit verbundenen Hektik zu widerstehen? Sollte ich mir auch bunte Hosen und eine Kutte anziehen?

Entschlossen packe ich mein Handy weg und mache statt dessen ein paar Schritte, um mich etwas zu bewegen bis der Bus kommt. Um meinen Kopf freizukriegen. Als ich auf der Höhe von Jesus bin, eröffnet sich mir unerwartet das Geheimnis seiner bewundernswerten Ruhe. Seine Fingerspitzen berühren sich nicht ganz.
Sie berühren sein Mobiltelefon, dem seine ganze Aufmerksamkeit gehört.

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Einmal Prinzessin

Die kleine Landspitze rund um St. Gildas, wo die Côte d’Amour auf die Côte de Jade trifft, eignet sich wunderbar, um die wilde Küste zu erwandern. Und für alle, die es ruhig mögen, ist die Pêcherie – funktional und sehr gut ausgestattet – ein günstiger Ausgangsort, um die nähere Region zu erkunden.

Mittlerweile befinde ich mich schon wieder auf dem Weg Richtung Zürich. Als einen letzten Höhepunkt wollte ich an der Loire mal selber in einem Schloss nächtigen. Es handelt sich um eine weiteres chambre d’hôte und ich wurde von der Gastgeberin begrüsst wie eine alte Freundin.

Und da sitze ich nun, am offenen Fenster meines Zimmers, vor mir die Allee, die zum Schloss führt, während mir die Urahnen des Hausherrn von ihren Portraits über die Schulter gucken. Ausser mir ist noch ein junges Pärchen von der Isle of May hier und da es in einem anderen Flügel untergebracht wurde, fühlte ich mich praktisch als Schlossherrin. Den Garten nur teilweise zu begehen dauert eine gute halbe Stunde, und auf meinem Spaziergang stiess ich sowohl auf Rapunzels Turm als auch auf einen malerischen Fluss – beides gehört zum Schloss – in dem ein sehr glücklicher Biber herum schwamm. 

So ruhig wie heute Nacht war es nirgends sonst – überhaupt nichts störte meinen Prinzessinenschlaf, nicht mal, wie erwartet, ein Geist.
Besser kann es kaum werden. Ich muss mir deshalb gut überlegen, ob ich einen weiteren Zwischenhalt einschalten soll oder direkt nach Hause fahre.

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Hätte sich der Prinz mal an die Vorschriften gehalten…

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Immer wieder mal was Neues

Natürlich hätte ich länger bleiben können. Zumal das Wetter in der Bretagne nicht immer so schön ist. Es gäbe noch so viel zu sehen, nebst den eindrücklichen rosa Granitfelsen, den herrlichen Stränden und den frabenfrohen Häfen.

Doch das Weiterziehen reizt mich ebenso. Wo werde ich demnächst schlafen? Wo essen? Wird es mir dort auch gefallen? Das letzte mögliche Abenteuer in unserer Zeit, zumal ich mich wenig bis gar nicht vorbereite, sondern ins Blaue fahre. Aber klar –  selbst diese Art von Reisen ist bequem geworden.

Unterdessen bin ich bei St. Nazaire ehrfürchtig über eine Wahnsinnsbrücke gefahren und habe zuvor Obelix’ „Hinkelsteine“ besichtigt. Mein Zimmer ist gross, schon fast luxuriös, aber ein bisschen düster, was vom hauseigenen Sitzplatz direkt über der am Abend verlassenen Strandpromenade wettgemacht wird. Von hier kann ich den Sonnenuntergang picobello geniessen und habe bloss das Rauschen der Wellen und das Kreischen der Möwen im Ohr. Meine Zimmernachbarn, die für drei Wochen hier sind, haben mich eben begrüsst. Als Beziehungsmensch fühle ich mich da gleich zu Hause.

Der Strand vor meiner Tür taugt nicht unbedingt für den Hochglanz-Ferienprospekt. Wo kein feiner grauer Sand liegt, sind die Felsen mit Algen, Seegras und Muscheln übersät. Dazwischen zu treten empfiehlt sich nicht, sonst läuft man Gefahr, im Schlamm stecken zu bleiben. Auch der Geruch ist nur etwas für Meerliebhaber. Es riecht nicht nach Sonnencreme, sondern nach Seetang. Es gibt sie bestimmt auch, die breiten Sandstrände der Atlantikküste, wo sich die Touristen tummeln.
Fürs erste bin ich aber sehr zufrieden mit diesem hier.
Bei Sonnenuntergang kann ich mir keinen schöneren wünschen.

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Psst…

Schon als ich mit meinem Auto durchs schmale Tor fuhr und den schönen Garten sah wusste ich: In diesen Mauern würde ich mich wohl fühlen. Der Gastgeber arbeitet gerade im Garten und nachdem er mir alles erklärt und mich zu meinem Zimmer geführt hatte, wusste ich, dass er und seine Frau jahrelang in der Welt herum gereist waren, bevor es sie wieder in ihre Heimat zurückgezogen hatte.

Ich wusste auch, dass ich mich in einer ehemaligen Schwesternschule befand, die mittlerweile renoviert worden ist, aber immer noch schöne alte Details aufweist. Jedes der komfortablen Zimmer ist in einem anderen Stil eingerichtet. Meines mit Namen „Charme“ war einst das Domizil der Schwestern und dass nun ein King Size Bett darin steht finde ich witzig.
Die Unterkunft war von anderen Reisenden hoch gelobt worden und ich wurde nicht enttäuscht. Die Lage, die Atmosphäre, der Komfort, vor allem auch das freundliche Gastgeberpaar – ich habe mir vorgenommen, eines Tages zurückkomme, um länger in dieser schönen Gegend zu verweilen.

Ein Geheimtipp – exklusiv für das Lesepublikum der Schreibschaukel.

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Tapetenwechsel

Mein neues vorübergehendes Zuhause ist genauso schön wie mein letztes – von der Lage her aber noch besser. In der Nähe eines belebten Hafenstädtchen, zu Fuss aber nur einen Katzensprung von der naturbelassenen Bucht entfernt, wo der „Sentier des Douaniers“ entlangführt. Den ich demnächst unter die Füsse nehmen werde.

Mal so…

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und mal so…

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Vive la France

Obwohl es sich anfühlt wie im tiefsten Süden, was einerseits an den Temperaturen und andererseits am französischen Flair liegt, befindet sich meine momentane Bleibe nördlicher als mein Zuhause. Das merke ich daran, dass ich kurz nach zehn Uhr  noch draussen ohne Licht schreiben kann.

Ich hatte grosses Glück mit meiner aktuellen Unterkunft. Würde man von weit oben hier drauf gucken, käme man nicht im Leben auf die Idee, daselbst zu nächtigen, fast direkt an einer Hauptstrasse, nicht weit entfernt von einem Kernkraftwerk, von dem sich gewaltige Stromleitungen über die weitläufigen Felder ziehen. Doch das kleine und erfreulich günstige Hotel ist ein Glücksfall. Ein bisschen zurückversetzt von der Strasse ist es nachts sehr ruhig, das Zimmer geschmackvoll eingerichtet, sauber und mit einem sehr bequemen Bett ausgestattet. Jedes der paar ebenerdigen Zimmer hat einen eigenen Sitzplatz neben dem Swimmingpool. Die Lage ist perfekt, um einige der bedeutsamsten Schlösser der Loire zu besuchen, was ich in den vergangenen Tagen ausgiebig getan habe. Eine schöne Gegend ist das hier; kein Wunder haben die feinen Leute ihre Schlösser an der Loire gebaut.

Wie gut, dass ich mir einen Schubs gegeben und mal NICHT nach Südfrankreich gefahren bin, obwohl dort jetzt gerade die Lavendel Felder blühen.
Was mir hier besonders gefällt ist „la table d’hôte“ am Morgen, wo sich die Gäste zusammen um den von der Gastgeberin liebevoll gedeckten grossen Tisch setzen, so dass man zwanglos ins Gespräch kommt. Und darum geht es mir ja, bin ich doch mit dem Vorsatz auf die Reise gegangen, mein aufs Eis gelegtes Französisch zu reaktivieren. Statt einen teuren Sprachkurs zu besuchen – was mir vor Jahren nur mässigen Erfolg beschert hat – ziehe ich es vor, ein bisschen herumzureisen. Das kostet weniger und macht mehr Spass. Wenn man das alleine tut, klappt es mit dem Parlieren, wie ich zu meiner Zufriedenheit feststellen kann. Auch wenn mir ab und zu noch die Worte fehlen. Aber da ich noch mindestens eine Woche unterwegs sein werde, wird das schon noch.

Allerdings – in der Bretagne dürfte es mit dem Hörverständnis noch einen Tick schwieriger werden.

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Der Buchsaumzünsler scheint hier kein Problem zu sein. Womöglich liegt’s an der Sprachbarriere?

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Imageprobleme

Ich bin offen zu dir, sagte die Kollegin: „Sie waren jetzt nicht so begeistert.“
Autsch.
Das sass und sorgte für ein, zwei schlaflose Nächte. Zu streng hatten mich die Kinder gefunden, als ich als Aushilfe an zwei Tagen die Klasse übernommen hatte. Das war gewesen, bevor ich mich für die Stelle, die kurz darauf ausgeschrieben wurde, beworben hatte. Wenn man als Aushilfe kommt, dann ist das Hauptziel (in meinen Augen) nicht, sich möglichst beliebt, sondern den Job zu machen. Was nicht immer ganz einfach ist. Und wenn die erste Frage lautet: „Kann ich du sagen?“, dann tut man gut daran, bestimmt aufzutreten, wenn man es gern anders hätte.

Trotzdem war ich alarmiert, um nicht zu sagen: betrübt.
Selber hatte ich die zwei Tage in guter Erinnerung, was mit ein Grund war, dass ich mir vorstellen konnte, auch langfristig dort zu arbeiten. Am Schulhaus, das altmodisch, zu klein und bar jeden technischen Komforts auskommen muss, mit Abstand meine ungünstigste Erfahrung in diesem Jahr, lag es nicht. Aber an der Arbeit an sich, am Team und an der Klasse – da hatte mein Bauchgefühl den Daumen hochgehalten.

Eigentlich bin ich doch gar nicht so streng (sagt mein inneres Ich)…aber soviel Selbstkritik muss sein, um das zu hinterfragen. Es ist ja nun so, dass mir die sogenannte natürliche Autorität abgeht. Auf den ersten Blick wirke ich ziemlich … äh … nett. Ich gehöre jedenfalls nicht zu denen, die sofort alle durchs blosse Eintreten ins Zimmer zum Schweigen bringen. Darum muss ich mich aktiv bemühen und schon möglich, vielleicht übertue ich mich dabei ja ab und zu. Ziemlich sicher sogar.

Um rund um die gegenseitige Sympathie wieder annähernd einen Gleichstand zu erzeugen, machte ich bald darauf einen Besuch bei der Klasse. Ich erzählte ein bisschen von mir und anschliessend durften sie mich alles fragen, was ihnen in den Sinn kam und ich bemühte mich, ehrlich zu antworten. Kinder mögen es nicht, wenn man um den heissen Brei herumredet. Selber tun sie das im Übrigen auch nicht.

Sind sie verheiratet?
Ja, schon, aber wir mein Mann und ich sind getrennt und wohnen nicht zusammen.
Wieso nicht?! (Unausgesprochene Frage: Waren Sie mit dem auch zu streng!?)

Haben Sie schon mal Kampfsport gemacht?
Ja, aber ich bin nur bis zum gelben Gurt gekommen; ihr braucht also keine Angst vor mir zu haben.

Letzte Woche ergab sich die günstige Gelegenheit, meine zukünftige Klasse auf die Schulreise zu begleiten. Wir waren vier Lehrpersonen – die zwei jetzigen und die zwei zukünftigen – und ich genoss den Tag sehr, zumal ich noch ganz unbeschwert, da nicht verantwortlich war. Während der Stunden, die wir zusammen unterwegs waren, ergab sich genügend Gelegenheit, erste Kontakte zu knüpfen, die Namen zu lernen und schon ein bisschen zu erahnen, wer wie tickt. 

Ich weiss nicht, ob mich die Kinder jetzt besser mögen. Ich weiss aber, dass ich sie mag. Und das ist ja schon die halbe Miete.

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Kein Bettmümpfeli

Eigentlich wollte ich eine Weile nichts mehr über Israel schreiben. Nach mehreren Texten im Zusammenhang mit meinen letzten Ferien dachte ich, ich lasse es mal gut sein für eine Weile.

Vielleicht, so dachte ich ebenfalls, ist meine Strategie ja aufgegangen. Von einer anderen Seite hatte ich  ich es mal angehen wollen. Die schönen Seiten des Landes hervorheben. Darauf hinweisen, wie viel dort geschaffen wurde und wird, der misslichen Umstände zum Trotz. Hervorheben, wie wohl es mir dort ist. 

Aber jetzt habe ich kurz vor dem Zubettgehen noch diesen Text gelesen, nach ein paar Tagen zurück in der beschaulichen Schweiz, nach der Schulreise mit meiner zukünftigen Klasse, nach einen schönen Abend mit der guten Freundin, satt und zufrieden.
Dieser Text hat eingeschlagen wie eine Bombe. Er spricht mir aus dem Herzen, er macht mich betroffen, er geht mir unter die Haut.

Und ich habe sofort wieder Sehnsucht nach Israel, was angesichts der Umstände schon fast absurd ist. 

Vor allem aber wünsche ich mir sehr, dass möglichst viele diesen Text lesen. 

 

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Wieder daheim

Es gäbe noch mehr zu schreiben über meinen diesmaligen Besuch in Israel. Zum Beispiel über Igael Turmarkins eindrücklichen Skulpturengarten im Nationalpark Kokhav Hayarden (Stern des Jordans) und die Überreste der Kreuzritterfestung. Über das Museum für islamische Kunst und die temporäre Ausstellung über die Hamsa (Hand der Fatima), von denen eine mir schon seit längerer Zeit als Schlüsselanhänger dient. Vom grossen Markt in Jerusalem und dem kleinen Künstlermarkt am Donnerstagabend in Jaffa. Und vom Essen. Von dem ganz viel! Vom alten Hafen, von malerischen Gässchen und nächtlichen Freiluftkonzerten, die zum Mittanzen einladen.
Von israelischer Gastfreundschaft und davon, dass Israelis sich nicht extra darum bemühen, höflich zu sein, man sich aber auch als Neuling in einer Gruppe immer sofort willkommen fühlt. Von dem schönen Umstand, dass einem das Bloggen zu neuen, netten Bekanntschaften verhelfen kann, was nur indirekt (aber in diesem Fall auch) mit dem Land zu tun hat.

 

Aber.
Das ist ja kein Reiseblog hier. Und – obwohl es manchen vielleicht so erscheinen mag – auch kein Propagandablog für den Zionismus. Wenngleich ich diesem wohlgesonnen bin, das lässt sich nicht verleugnen.
Nein, in meinem Blog schreibe ich einfach über das, was mich aktuell bewegt. Sofern es mich gerade danach gelüstet.

Mittlerweile sitze ich aber wieder auf meinem heimatlichen Balkon, habe heute morgen den Wald begrüsst und schlage mich nunmehr nicht mehr mit Kakerlaken, dafür aber mit Zecken herum. Das Thema Israel wird deshalb wieder etwas in den Hintergrund treten. Obwohl ich das Land bereits vermisse und wehmütig an die herrlichen Sonnenuntergänge und Strandspaziergänge zurückdenke. 

Lehitra’ot.
Bis zum nächsten Mal…

Aber gut, grüner Wald ist auch sehr schön. Trotz der Zecken.

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Unpassender Name

Dschuk. So nennt man sie in Israel. Was für ein niedlicher Name. Und wie unpassend für die hässlichen Biester. Auch wenn mir Kafkas Gregor Samsa enorm leid tat – ich ekle mich vor den Dingern. Und da bin ich ja nicht die einzige, wie diese überaus witzige Erzählung einer Bloggerkollegin zeigt.

Meine erste Kakerlake sah ich in Houston. Sie krabbelte mir unter dem Türspalt durch direkt vor die Füsse. Das entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Ich war 27, zum ersten Mal allein so weit weg von zu Hause und ein Bekannter hatte mich im Vorfeld zu meinem Leidwesen gebrieft: „In Houston wimmelt es von Kakerlaken.“ Offenbar hatte er nicht gelogen. Vielleicht war das aber auch bloss ein schönes Beispiel selbsterfüllender Prophezeiung. Jedenfalls blieb es bei dieser einen Kakerlake und am nächsten Morgen flog ich weiter.

Mein zweites Exemplar sah ich in Tel Aviv. Es hatte unter der Rolle Toilettenpapier ein Nickerchen gemacht und erschrak wohl genauso wie ich. Und wie der Humus, der nach meinem durchdringenden Klagelaut sofort angerannt kam, um mir beizustehen. Zum Glück kannten wir uns da schon eine Weile. Es war jetzt nicht die romantische Szene per se.

Immerhin war das eine Ausnahme gewesen. Des Klimas wegen wird in Tel Aviv regelmässig gegen Ungeziefer gesprüht – ich möchte nicht wissen, was für ein Gift das ist – und so ist man normalerweise vor unliebsamen Überraschungen gefeit. Irgendwann lässt aber ja die Wirkung nach und genau in dieser Phase traten wir diesmal unseren Urlaub an.

Interessanterweise – und zum Glück – war es immer nur der Humus, der die Kakerlaken sah. Aufgrund seiner Schilderungen begab ich mich nachts nun mit der nötigen Vorsicht aufs Klo: Nie barfuss gehen, Licht machen, ein bisschen Lärm auch …die Tierchen sind ja ziemlich scheu. Irgendwie spüren sie, dass man sie nicht mag. (Vielleicht ist es aber auch umgekehrt und sie mögen uns nicht.)

Soweit so gut. Man gewöhnt sich an alles, in Israel sowieso, also auch an drohende Begegnungen mit Kakerlaken.

Offenbar waren aber auch andernorts Kakerlaken unterwegs und so kam nach ein paar Tagen der Kammerjäger und nahm sich der Sache an. Und was dann kam, konnte einem wirklich den Appetit verderben. Während der nächsten zwei Tage lagen nämlich im Eingang des Hauses immer wieder unzählige Kakerlaken-Leichen, obwohl sie regelmässig entsorgt wurden. Sie waren aus ihren Löchern hervorgekrochen, um zu sterben. Traurig eigentlich. Aber kein schöner Anblick!
Und ich mag mir nicht vorstellen, wie viele davon vorher nachts Party gemacht hatten, bevor es ihnen an den Kragen ging.

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In feuchtwarmem Klima gedeiht allerhand.

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So oder so

In meiner Jugend lag ich oft in der Badi und las. Das tat ich damals nämlich am liebsten. Unter all den Schmökern die ich verschlang waren auch solche, in denen es um die Gründung Israels ging. In der brütenden Hitze war es nicht schwer, mich in die mutigen und tapferen Sabres hineinzuversetzen, die um das Land kämpften, das sie als ihre zukünftige und einzig mögliche Heimat ansahen – und nicht selten auch um ihr Leben. Dagegen sah meine Realität doch sehr anders aus. Schule, Schwimmtraining, hie und da noch etwas Zeitung austragen und sonst – in der Badi lesen. Ich weiss noch, dass ich mich dabei ein ganz kleines bisschen schämte. 

Die Gründer des Kibbuz Gescher waren kaum älter gewesen. Es waren Mitglieder einer jüdischen Jugendbewegung aus Palästina und deutsche Einwanderer, die 1939 auf dem von Edmond de Rothschild gekauften Gebiet an ihrer Zukunft bauten. Nicht ganz zehn Jahre Frieden (gemessen an den damaligen Massstäben zumindest…) waren ihnen vergönnt, bevor der Kibbuz im Unanbhängigkeitskrieg unter irakischen und jordanischen Beschuss kam.
Im kibbuzeigenen Bunker stehend und mit den zum Teil noch vorhandenen Einschusslöcher in den alten Gebäuden vor Augen, hatte ich ein Flashback zur Geschichte der Helden meiner Jugend.
Das hier war aber nicht bloss eine spannende Geschichte – das war die ehemalige Realität.

Wie muss es den Eltern zumute gewesen sein, als sie sich entscheiden mussten, wer blieb, um den Kibbuz zu verteidigen und wer mit den Kindern ging! Ein Elternteil ging mit, damit die Kinder nicht zu Waisen wurden, der andere blieb.
Die Kinder, 50 an der Zahl, wurden mitten in der Nacht evakuiert, da es tagsüber zu gefährlich war. Sie fanden Unterschlupf in einem leerstehenden französischen Kloster in der Nähe von Haifa, wo sie fast zwei Jahre lang lebten. Der Kibbuz fiel schliesslich und in nordwestlicher Richtung wurde später ein neues Kollektiv gegründet, das in den Neunizgerjahren jedoch zunehmender Privatisierung wich.

Nach dem Friedensvertrag mit Jordanien entstand auf dem ehemaligen Kibbuzgelände ein Museum zu Gesher und dem Wasserkraftwerk. Unter anderem sind dort zwei Filme zu sehen, die die geschichtlichen Ereignisse zusammenfassen.

Man vergisst immer wieder, dass im Zuge der Gründung Israels und den damit verbundendenen kriegierischen Auseinandersetzungen fast so viele Juden ihre Heimat verlassen mussten wie Palästinenser. Sie haben das Beste aus der Situation gemacht und sich woanders ein neues Leben aufgebaut. Für die palästinensischen Flüchtlinge war und ist das nicht vorgesehen. Ihre Anzahl hat sich mittlerweile versechsfacht hat, weil auch Kinder und Kindeskinder den Anspruch geltend machen, auf „ihr“ Land zurückzukehren. 


Ein Unikum in der Weltgeschichte.

Für mich war es seltsam, an der Grenze zu stehen. Sie wird von jordanischen Soldaten von einem nahen Turm aus bewacht und da ich mir dachte, dass die bestimmt einen Feldstecher haben, winkte ich ihnen freundlich zu. Schliesslich bewachen sie die Grenze für beide Seiten, wie uns die Führerin lächelnd erklärte. 

 

IMG_2972Dank der Tafel auf der rechten Seite kommen auch chinesische Touristen nicht auf die Idee, über den Zaun zu klettern.

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Visionen

Ich bewundere Leute, die eine Idee haben und sie unbeirrt verfolgen, auch wenn alles dagegen spricht. In der Geschichte der Menschheit gab es immer wieder solche Pioniere. Oft wurden sie von der Gesellschaft für irre erklärt und auch im Nachhinein gingen die Meinungen über das, was sie der Welt vermachten, auseinander. Einerseits: Was wäre die Schweiz ohne den Gotthardtunnel! Andererseits hat er viele Opfer gefordert, die Postkutsche ins Museum verbannt und damit einen ganzen Berufszweig zum Erliegen gebracht.  Alfred Escher würde sich vermutlich die Augen reiben, sähe er, was heutzutage am Gotthard abgeht.

Im Nahen Osten gehörte Pinchas Rutenberg zur Gattung der Unbeirrbaren ,obwohl auch ihm vom Schicksal der eine oder andere Stein in den Weg gelegt wurde. Der alte Mann – so wurde er genannt, weil er sage und schreibe schon 50 war – gab auch nicht auf, als kurz vor der Eröffnung seines Wasserkraftwerks ein übles Unwetter Teile davon wegspülte. Ab 1932 war das Kraftwerk Naharayim (zwei Flüsse) in Betrieb und versorgte 90% des englischen Mandatgebiets Palästina mit Strom. Die Energie dazu lieferten der Jordan und der Yarmuk sowie bei Trockenheit auch der See Genezareth. Im Jahr 1948, kurz nach der Gründung Israels, wurde es im Unabhängigkeitskrieg von jordanischen und irakischen Soldaten zerstört. Ein Eigengoal sozusagen, weil grosse Teile Jordaniens auch davon profitiert hatten.

1994 trat Israel das Land an den zwei Flüssen im Zuge der Friedensverhandlungen an Jordanien ab. Jordanien wiederum verpachtet das Land seither an israelische Bauern des Kibbutz Ashdot Ya’acov. Auch wurde ein Grenzübergang errichtet, der es israelischen Besuchern ohne Pass und Visa und nur mit der Identitätskarte ermöglicht, die „Insel des Friedens“, wie das Gebiet nunmehr heisst, zu besuchen.

Drei Jahre später fiel nochmals ein dunkler Schatten auf  die Idylle, als ein fanatischer jordanischer Soldat sieben Mädchen – sie waren auf einem Schulausflug – erschoss und sechs weitere verletzte. König Hussein kam darauf höchstpersönlich nach Israel zu den betroffenen Familien um sich zu entschuldigen, was ihm hoch angerechnet wurde. Weniger schön ist die Tatsache, dass der Mörder, der zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt wurde, letztes Jahr entlassen und in seinem Heimatort als Held empfangen wurde.

Trotz dieser schrecklichen Geschichte steht die Insel des Friedens weiterhin als Symbol für ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten.
Die Welt braucht Visionen.

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Foto: Ella Faust
אלה פאוסט

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Eine Parade für alle

In Tel Aviv findet heute die alljährliche Pride Parade statt. Sie feiert ihren 20. Geburtstag.
Da etwa eine Viertel Million Teilnehmer erwartet werden und wir es nicht so mit Menschenmassen dieses Ausmasses haben, meiden wir heute die Innenstadt. Trotzdem freue ich mich über diesen Anlass und auch darüber, dass er hier, mitten im Nahen Osten, möglich ist.

Nicht weit von hier nämlich sind Homosexuelle ihres Lebens nicht sicher, während sie in Israel gefahrlos feiern können. Das tun sie auch, und wie!
Während an der Grenze zu Gaza weiterhin „friedlich“ demonstriert und Quadratkilometer um Quadratkilometer abgefackelt wird, wird in Tel Aviv heute Frieden auf eine andere Art zelebriert.

Die Freunde, mit denen wir uns zum Frühstück trafen, bekamen schon ein erstes Bild von einem befreundeten Paar. Zusammen mit ihren Zwillingen sind die zwei Männer an der Parade. Der Kinderwagen ist mit einer israelischen Flagge in Regenbogenfarben geschmückt. In vielen europäischen Ländern und auch in Amerika wäre das ein Risiko. Dort wurden in der Vergangenheit Israelis, die sich als solche geoutet hatten, schon mal von der Gay Parade weggeprügelt.

Hier ist die israelische Flagge selbstredend vorherrschend, aber es sind auch ganz viele andere zu sehen. Und niemand wird daran gehindert, am Umzug teilzunehmen, sofern er oder sie in friedlicher Absicht kommt und nicht eine Knarre oder ein Messer mitführt.

Es ist eine Parade für Gay’s aus allen Lagern. 
Und das sollte sie ja auch sein, oder?

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Zapperlot!

Es geht nichts über ein Konzert im „Zappa“.

Die Türen öffnen sich kurz nach acht Uhr, beinahe zwei Stunden vor Konzertbeginn. Obwohl es recht eng ist – vier Leute werden um einen kleinen Tisch platziert – spricht nichts dagegen, die Wartezeit mit einem Essen zu überbrücken. Bisher wurden wir auch kulinarisch nie enttäuscht. Nach Joni Rechter in Herzlia und Matti Caspi in Tel Aviv, zwei grossartigen Konzerten, entschieden wir uns diesmal für Avi Singolda and Friends. Wie gut!

Avi Singolda ist ein israelischer Gitarrist, der auf seinem Instrument – bzw. auf den verschiedenen Gitarren, die er während des Konzert zur Hand nimmt – ein Virtuose ist. Es ist kaum zu glauben, wie er, während er etwas Lustiges erzählt (ich verstehe leider praktisch nichts, aber das Publikum amüsiert sich sehr), von einem Song zum anderen springt, den er kurz anspielt (weil er sich nicht für einen von den unzähligen, die er meisterhaft zu spielen versteht, entscheiden kann?) um dann schliesslich zum nächsten zu kommen, so dass die „Friends“, allesamt auch ausgesuchte Musiker und Musikerinnen, einsetzen können. Die Übergänge samt Lichtshow sind perfekt und in diesen Momenten steigert sich die Stimmung im Saal, wo sowieso schon Glücksgefühle in geballter Form die Atmosphäre anreichern, nochmals und das Publikum tut das, was hierzulande üblich ist: Es singt mit.

Es sind Songs, die Leute aus meiner Generation in ihre Jugend zurück katapultieren. Gary Moore, Santana, Led Zeppelin, Chuck Berry, Nancy Sinatra, Cliff Richards, Elvis Presley, Deep Purple, The Shadows,… es war das musikalische Paradies schlechthin. Dazwischen immer wieder auch ein Block mit israelischen Songs und orientalisch angehauchtem Rock vom Feinsten.

Auch wenn es sich um Covers mit einem sehr persönlichen Stil handelte – sie waren nicht weniger gut als die Originale. Und Avi Singolda, das unermüdliche Energiebündel, der ohne Pause an die zwei Stunden spielte, konnte sich auf seine Truppe verlassen. Was für Musiker! Was für Stimmen! Was für eine Ausstrahlung! Vor allem aber: Wie viel Spass alle daran hatten, hier zusammen zu musizieren.

Mitten im Konzert tat Avi Singolda das, was er immer tut: Er holte einen jungen Nachwuchsmusiker, so um die 14 Jahre dürfte er gewesen sein, auf die Bühne. Und obwohl dieser um diese Zeit eigentlich im Bett hätte sein sollen, spielte er auf seiner Gitarre das Stück von Dire Straits so gut, dass das Publikum ihn lautstark feierte.
Es ist immer wieder beeindrucken mitzuerleben, wie hierzulande Jugendliche ermutigt und gefördert werden. Die Chancen, dass aus diesem noch etwas scheuen Jungen dereinst ein gefeierter Musiker wird, der charismatisch die Bühne rockt, stehen gut.

Eins der letzten Stücke – da waren schon längst alle am Tanzen – war „Smoke on the Water“. Ich dachte daran, dass ich erst vor kurzem in Montreux am See sass und jetzt hier im Nahen Osten bin, und wie sehr ich beides mag, die Schweiz und Israel; wie glücklich ich mich schätzen kann, vom Leben dort platziert und später hierhergeführt worden zu sein, und dann – dann dachte ich nichts mehr sondern tanzte einfach bis zum Schluss des Konzerts.

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Abenteuer aus erster Hand

Nicht zum ersten mal bin ich in den Genuss einer Off Road Tour gekommen und so hatte ich schon eine Ahnung davon, was mich erwarten würde. Trotzdem werde ich mich bei Y. entschuldigen müssen. Weil ich es aufgrund seines abenteuerlichen Fahrstils abgelehnt hatte, in sein Ultraleicht Flugzeug zu steigen und jetzt aber weiss: Das war noch gar nichts, damals.
Mit U. wird das nur halb so wild dachte ich. Jemandem, der sich zeit seines Lebens beruflich um das Wohl anderer gekümmert hat, kann ich mich bedingungslos anvertrauen.

Die Grösse des Jeeps hätte mich vielleicht stutzig machen sollen, doch nichtsahnend setzte ich hinein und gab grünes Licht für die „spannendere“ Variante, als unter den Insassen eine Abstimmung erfolgte. In der Folge bereute ich das, denn was jetzt kam, brachte mich an die Grenzen meiner Abenteuerlust.
Die atemberaubende Aussicht aus der Höhe ist nur halb so bezaubernd, wenn zwischen ihr und mir ein steiler Abgrund liegt, welcher ziemlich nah ist, nämlich unmittelbar hinter der Fensterscheibe, während ich hin und her geworfen werde im Jeep, der auf einer schmalen Piste den Berg hoch baggert. Auch dass wir uns im Rad wechseln schon vor ein paar Stunden hatten üben konnten, beruhigte mich nur bedingt, denn auf einer Geröllhalde mit der aktuellen Steigung dürfte das doch etwas schwieriger werden.

Trotzdem konnte ich die Wahl unseres Exkursionsleiters und Fahrers nachvollziehen, der es viel besser fand, von dieser Seite den Berg hochzufahren, sei es auch rumpliger, als von der anderen. Es war ein einmaliger Moment, als wir über die Krete kamen und plötzlich das ganze Jordantal mit dem See Genezareth vor uns hatten. Allerdings kamen just in diesem Moment von der anderen Seit zwei Köpfe in Sicht und ich duckte mich reflexartig, da ich es in schweizerischer Manier beschämend fand, ausgerechnet hier zwei Wanderern zu begegnen. Ein surrealer Moment!
Die beiden waren unterwegs auf dem Trail von Israel, zuckten aber nicht mit der Wimper, als sie uns sahen, sondern winkten freundlich. „Die sind sich daran gewöhnt“, sagte U. und wies darauf hin, dass er Wanderer oft frage, ob er ihren Abfall mitnehmen solle oder sie Wasser bräuchten oder er ihnen sonstwie behilflich sein könne.

Nachdem wir eine Weile die fantastische Aussicht genossen hatten, war die nächste Herausforderung, aus der Pampa wieder zurückzufinden. „Waze“ in Ehren, aber in dieser Steinwüste war weder auf Daliah noch auf Jane noch auf sonstwen Verlass und am Schluss mussten Karte und Kompass her. Die kleine Reisegruppe beriet sich angeregt in der Landessprache, was meine Nerven zusätzlich strapazierte, weil ich herzlich wenig verstand. Da mir der Humus versicherte, wir befänden uns nach wie vor auf israelischem Gebiet und die Sonne noch über dem Horizont stand, verschob ich meine übliche Hysterie auf später, obwohl ich es ein bisschen bereute, mich am Morgen für die Wandersandalen und nicht für die Turnschuhe entschieden zu haben. Damit wäre ich bestimmt besser dran, so dachte ich, würden wir die Nacht hier verbringen müssen, wo es sicher jede Menge Schlangen gab.

Kurz darauf passierten wir einen Militärstützpunkt. „Sieht aus, als gehöre das zum Iron Drome“, bemerkte der Humus und ganz ehrlich – das fand ich jetzt auch nicht so beruhigend.
Allein – vermutlich war wieder mal meine Imagination mit mir durchgegangen und alles nur halb so wild. Auch wenn ich froh war, als ich in der Ferne die ersten Häuser entdeckte und die Zivilisation wieder in greifbarer Nähe war – es war ein toller Ausflug!

Und die Einladung zu einem Tripp mit dem Ultraleichtflugzeug, die sollte ich bei Gelegenheit vielleicht doch annehmen.

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