Probieren geht über studieren

Gebannt sass der Twenager vor dem Bildschirm. So gross war die Spannung, dass es beinahe knisterte im Raum. Schon Wochen zuvor, anlässlich der Planung unseres gemeinsamen Wochenendes, hatte er verkündet: „Am Montagmorgen um zehn muss ich aber vor dem Computer sein. Unbedingt.“ Sein Begehren hatte handfeste Gründe und die waren weder im Start der neuesten Staffel seiner Lieblingsserie noch im Release des iPhone 7 zu finden, nein, ein Seminar wollte er buchen, um das nächste Studienjahr, noch bevor es begonnen hatte, sinnvoll aufzugleisen.
Organisiert wie der Twenager ist, hatte er zwar eine Liste mit seinen Prioritäten erstellt, aber die Zeiten aller Seminare mit den Arbeitszeiten seines Nebenjobs abgeglichen, um im schlimmsten Fall zumindest irgendeins zu ergattern. Am Abend vorher hatte er überprüft, ob das Internet im Hotel funktionierte und zur Sicherheit und als Backup den mitgebrachten Computer auch mit seinem Handy verbunden.

Und jetzt sass er also da, fünf Minuten vor zehn Uhr, jede Faser seines Körpers gespannt wie ein Flitzebogen. Und ich sass daneben und bereute das üppige Frühstück kurz zuvor.

Eine Minute nach zehn. Das Gesicht des Twenagers verdüstertet sich. Das Internet funktionierte wohl, aber er kam nicht auf die Plattform. Sie schien überlastet zu sein. Die nächsten zwei Minuten hörte ich nur das Klacken der Tasten (ich wagte nicht mehr, hinzusehen) und eine weitere Minute später einen unterdrückten Fluch, der von einem Ping untermalt wurde. Die erste Kollegin meldete, sie habe einen Platz reservieren können. Hurrah!

Ob es daran lag, dass der Twenager nicht auf ein schnelles Glasfeasernetz zurückgreifen konnte oder ob es einfach Pech war: Als er um 10.07 endlich durchkam, waren alle Seminare voll. Alle. Nicht nur die, von denen er gern eins belegt hätte, nein, es war KEIN EINZIGER PLATZ mehr verfügbar.

Das war der Moment, wo ich ziemlich schlechte Laune kriegte, denn: Wofür bezahlt man Studiengebühren, wenn es per se zu wenig Plätze hat? Der Twenager war nämlich nicht der einzige, der in die Röhre schaute, auf WhatsApp kamen immer mehr enttäuschte Meldungen rein. Die Sache war gelaufen.

Noch am selben Abend schrieb der Twenager, wie viele andere, ans Dekanat, um seiner Frustration Ausdruck zu geben. Wohl könne er dieses Seminar auch noch im nächsten Semester absolvieren, aber was, wenn es wieder so ablaufe? Müsse er dann sein Studium verlängern?? Und wie oft??? Die Antwort war nett, verständnisvoll, beschwichtigend; man sei sich des Problems bewusst und versuche Abhilfe zu schaffen. Trotzdem war allen klar, dass wenige Tage vor Studienbeginn keine zusätzlichen Seminare aus dem Boden gestampft werden konnten.

Nun ist der Twenager ein Kind seiner Generation und da ist er hart im Nehmen. Flugs warf er seine Pläne über den Haufen und beschloss, auch wenn das mit ziemlichem Stress verbunden sein würde, die Bachelor Arbeit, die er ursprünglich für später ins Auge gefasst hatte, vorzuziehen.

Und wieder hat er eine Liste gemacht, auf der zuoberst die Themen stehen, die ihn wirklich interessieren, aber auch alle andern. Er weiss, dass man nicht wählerisch sein darf.
Ich aber raufe mir die Haare und hoffe, dass mein Kind dereinst fertig studieren kann und heute Abend werde ich sehr, sehr brav sein und mir nichts zu Schulden lassen kommen und ein spezielles Gute Nacht Gebet sagen, denn morgen – morgen um acht, das geht’s wieder um die Wurst.
Die Bachelor Themen werden vergeben.
Online.
Bitte Daumen drücken!

Elternglück

Leute mit Kindern haben laut Untersuchungen von Glücksforschern eine höhere Lebenszufriedenheit als solche ohne. Das gilt aber erst dann, wenn die Kinder gross sind und alles gut gelaufen ist, was frisch gebackene und unter Schlafentzug leidende Eltern an dieser Stelle mit heftigem Kopfnicken bestätigen würden.

Selber habe ich die weniger glücklichen Momente meines Mutterseins, die es ohne Zweifel gegeben hat, verdrängt, und in der Gegenwart schätze ich mich tatsächlich sehr viel glücklicher als kinderlose Menschen. Auch wenn ich das wissenschaftlich nicht belegen kann und meine Aussage mehrheitlich auf subjektiver Wahrnehmung beruht, kann ich aufgrund eines einfachen Beispiels ausführen, warum es viel besser ist, Kinder zu haben als keine.

Als ich gestern zusammen mit mehreren Personen unter dem Vordach des Geschäfts stand, wo ich für das Nachtessen eingekauft hatte, und wo des länger anhaltenden Wolkenbruchs wegen nicht ans Heimgehen zu denken war, stieg mein Glücksbarometer markant, als in meinem Blickfeld plötzlich der Twenager mit einem zusätzlichen Regenschirm unter dem Arm auftauchte.
Er war gekommen, um mich zu evakuieren. (Okay, wahrscheinlich hatte er auch Hunger, aber trotzdem…ich fand das wirklich SEHR lieb von ihm).

Ich drehte mich nicht um, um die Gesichter der anderen zu sehen, aber jede Wette: Ich war die Glücklichste von allen.

Augenblick

Ab und zu streift mich ihr Blick: Diskret mustert sie mich; wenn ich im selben Moment zurückschaue, sieht sie woanders hin. Ich nehme es ihr nicht übel, denn ich tue genau dasselbe. Meine Neugier steht ihrer in nichts nach.
Ich, die westliche Touristin, in Shorts und ärmellosem Shirt, die Haare von der Sonne gebleicht und von der Meeresbrise derangiert.
Sie, Mutter von mehreren Kindern, gekleidet in einen Tschador, der nur ihr Gesicht freilässt. Beide essen wir Mezze an diesem schön gelegenen Ort in der Bucht von Akkon, betrachten einander verstohlen und fragen uns vielleicht in ebendiesem Moment dasselbe: Wie mag ihr Leben aussehen? Wir kommen aus verschiedenen Welten und das Schicksal hat uns für kurze Zeit nebeneinander gesetzt.

Ernst sieht sie aus, verschlossen, ja, man könnte ihr gar Missmut unterstellen. Nicht sehr attraktiv, befinde ich. Es ist schwierig hinter ihrer Fassade zu lesen, was sie von mir hält. Meist wird mein Lächeln erwidert; sie aber gibt sich keine Blösse und überwacht scheinbar indifferent das Geschehen am Tisch.

Der Kellner räumt den Tisch ab und ich warte darauf, dass er das tut, was ich vorher schon beobachtet habe, nämlich die übrig gebliebenen Pitabrote schwungvoll übers Geländer ins darunter liegende Meer zu werfen. Innerhalb weniger Minuten wird es dann verschwunden sein. Die von allen Seiten heran eilenden Fische verschiedener Grösse bilden, sich ins zusehends kleiner werdende Brot verbeissend, einen seltsamen Reigen der das Wasser rundherum in Bewegung versetzt und es wie einen Zyklon aussehen lässt.

Und tatsächlich, da holt er schon aus und zack! fliegt ein Brot durch die Luft und gleich darauf ein weiteres. Auch die Frau am Nebentisch beobachtet den spektakulären Wurf und in diesem Moment treffen sich unsere Blicke. Beide lachen wir unwillkürlich auf und erleben einen kurzen und überraschenden Moment von Einklang. Ausser uns scheint sich niemand für die Fischfütterung zu interessieren. Jetzt, wo ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht liegt, sehe ich ihre Schönheit.

Ein wenig später bricht die Gesellschaft am Nebentisch auf. Die Frau schaut mich nicht mehr an. Der Moment, den wir miteinander geteilt haben, ist Vergangenheit. Unsere Wege trennen sich wieder, obwohl ich mich an diesem Tag noch ein paarmal an diesen Augenblick erinnern werde.
 In Gedanken verabschiede ich mich von ihr.

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Herausforderungen

 

Hebräisch zu lernen ist schwierig für mich, auch wenn die Sprache lautmässig von Anfang an vertraut klang. Das „ch“ kratzt genau so schön wie im Schweizerdeutschen. Hört man aber genauer hin, versteht man erstmal nichts. Mittlerweile ist mein Wortschatz zwar auf gut 200 Ausdrücke gewachsen, aber ich bin noch weit entfernt davon, zusammenhängende Sätze zu verstehen oder gar selber formulieren zu können. Ein paar Floskeln kriege ich eben so hin. 
Die Buchstaben sind sowieso die reinsten Hieroglyphen und ob ich das Alphabet jemals beherrschen werde, ist höchst unsicher, zumal meine Motivation, die Sprache zu lernen, vor allem dann steigt, wenn ich vor Ort bin und es sind nun mal nicht immer Ferien. Leider. Ausserdem sprechen hier eigentlich alle Englisch, weil man das von Anfang an in der Schule lernt, und das untermauert meine Bequemlichkeit.

Ganz nebenbei gibt es noch andere Anforderungen zu meistern – jedes Volk hat seine eigenen typischen Gepflogenheiten – und für diesmal hab ich mir ein neues Ziel gesteckt.

Nein, nicht das Matkotspiel, das mich früher bestimmt begeistert hätte; das Herumrennen muss ich mir ein für allemal abschminken. Also habe ich mir ein anderes Ziel gesetzt:
Nach diesen Ferien will ich auch so mühelos Sonnenblumenkerne knacken und essen können wie der Humus.

Die Schlechte Nachricht: Das ist auch nicht einfach, wenn man es nicht von der Wiege auf gelernt hat. An meiner Feinmotorik werde ich noch arbeiten müssen.
Die gute Nachricht: Hebräisch zu lernen wird mir nachher vermutlich wie ein Klacks vorkommen.

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Das Matkotspiel ist der hiesige Volkssport, den man vor allem am Strand spielt. Es geht nicht nur ums Ballspiel, das man am ehesten mit Tennis oder Federball vergleichen kann, sondern – und darin machen die Israelis in meinen Augen sogar den Neuseeländern Konkurrenz – es geht vor allem auch darum, Lärm zu machen, jaja. Die Schläger haben nämlich extra einen Hohlraum, damit die Resonanz besser ist und es wirklich schön laut ist. Kein Witz.
Der Humus hat es gesagt. Und der muss es schliesslich wissen.

Zwischen Traum und Realität

Herrlich.
Ich bin noch nicht wach, aber ich schlafe auch nicht mehr. Ich schwebe im Niemandsland zwischen Traum und Realität, aber mein Bewusstsein ist schon so wach, dass es erkennt: Heute wird mich kein Wecker stören, ich kann so lange liegen bleiben, wie ich möchte. Wohlig strecke ich mich und kuschle mich in die Decke und versuche, im letzten Traum dort anzuknüpfen, wo er aufgehört hat, obwohl ich mich schon nicht mehr an ihn erinnern kann.

Wie schön es doch ist, so zu liegen, mit der Gewissheit, dass Zeit in naher Zukunft ein untergeordneter Faktor sein wird.
Wie gemütlich, den Tag so zu beginnen.
Wie beruhigend die vertrauten Geräusche des selbst noch schläfrigen Hauses.

Selig lausche ich dem leisen Rauschen und da ist es vorbei mit dem Träumen, denn meinem langsam aufstartenden Denkapparat dämmert, dass es das Rauschen der Heizung ist, das ich höre, und von da an sind es nur noch ein paar Momente bis zur Erkenntnis, dass heute der erste Tag der Sommerferien ist, wir also Mitte Juli haben und – jetzt kann ich bereits schlüssig die zur Verfügung stehenden Informationen verarbeiten, erstaunlich – dass wenn die Heizung rauscht, was heisst, dass sie sich wieder eingeschaltet haben muss, es draussen kalt sein wird.
Saukalt vermutlich.

Aber: Die Sonne scheint und Stunden später, auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann, wenn diese Zeilen geschrieben sein werden, wird nicht nur der für die Grammatik zuständige Teil meines Hirns wieder auf Hochtouren laufen, sondern auch die Temperatur gestiegen sein.

Sofern denn nicht alles bloss ein schöner Traum war.

Trotzdem

Ab und zu werde ich gefragt, ob es nicht gefährlich sei in Tel Aviv.

Nicht gefährlicher als anderswo, denke ich. Nizza zum Beispiel zählt zu meinen Lieblingsdestinationen und es gibt nichts Schöneres, als der Promenade des Anglais entlang zu schlendern. Bis gestern jedenfalls.

Ich möchte wieder nach Tel Aviv fliegen und nach Nizza fahren und auch andere Orte, wo es vielleicht noch Anschläge geben wird, besuchen. Und ich werde versuchen, mich nicht einschüchtern zu lassen, weiterhin die Menschen jeglicher Herkunft zu mögen, und ich will nicht zulassen, dass irre Fanatiker Macht über mein Leben bekommen und es mir vermiesen.

Es könnte schwierig werden, aber trotzdem…

Klare Sache

Eigentlich wollte ich heute ans Züri Fäscht, aber angesichts der Wetterlage habe ich mich für einen gemütlichen Samstag zu Hause entschieden. Wer spaziert schon gern stundenlang im strömenden Regen herum?
Allerdings hoffe ich auf Besserung bis zum abendlichen Feuerwerk. Dafür muss ich mich nicht in die Stadt bemühen, zumal sie bis dann, Wetter hin oder her, zum Bersten voll sein dürfte.
Nein, das Feuerwerk schau ich mir, so wie gestern, aus sicherer Entfernung und von oben an.
Von meinem üblichen Lieblingsplatz aus, wo ich jeweils den Sonnenuntergang bestaune, geht das wunderbar und dank der heutigen technischen Möglichkeiten muss ich auch auf den passenden Sound dazu nicht verzichten.
Die einzige Unbekannte ist, einmal mehr, das Wetter. Obwohl …eigentlich ist es doch ziemlich klar, oder?
Es wird regnen.
Was sonst?

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Bild: Tages Anzeiger

Impressionen