Glück gehabt!

„Mann – das geht ja schnell hier“, sagt der Mann neben mir erfreut zu seiner Frau und fischt seinen Koffer vom Rollband. Da kann ich ihm nur beipflichten, denn meiner steht auch schon neben mir, obwohl ich erst gerade zum Band gekommen bin. Bei der Passkontrolle ging es heute so schnell, dass ich kaum mitgekommen bin. Gefühlsmässig stehe ich immer noch auf der anderen Seite der Grenze. Der Mann gehört zu einer grossen Reisegruppe, in deren Reihen aufgeräumte Stimmung herrscht. Es drängt sich die Vermutung auf, dass es sich um eine christiliche Reisegruppe handelt. Dass der heilige Geist bereits auf dem Flughafen seine Wirkung tut, hätte man wohl nicht gedacht.

Eine halbe Stunde später stehe ich immer noch hier. Ausser mir steht noch der Humus da und beobachtet die seit zehn Minuten immer gleichen zwei vorbeifahrenden Koffer. Seine Stimmung war schon besser. Ein Mann mit einem Putzwagen schlurft an uns vorbei, sonst ist nicht viel los.

Einer der zwei Koffer sieht demjenigen des Humus’ recht ähnlich und tatsächlich: Auf Anfrage wird bestätigt, dass sein Koffer Tel Aviv erreicht hat und eigentlich hier ist.
Offenbar hat ihn schon jemand anders mitgenommen. Immerhin: Wir gehen davon aus, dass der Koffer nicht verloren ist. Spätestens heute Abend wird irgendwo im heiligen Land eine Person den Schock ihres Lebens haben.

Der Humus kümmert sich um die Formalitäten und dann verlassen wir den Flughafen Ben Gurion, um mit dem Taxi eine Weile im vorabendlichen Stau zu stehen. Die Fahrt ist dennoch kurzweilig, was dem vielseitig interessierten Taxifahrer zuzuschreiben ist, mit dem mein Gefährte – nun endlich wieder in seiner Muttersprache – über Musik, Literatur, Politik, Gott und die Welt diskutieren kann. Worüber man halt so spricht in Israel. Unterdessen versuche ich, hier und da ein Wort aufzuschnappen. Es sind schon mindestens fünf mehr als beim letzten Mal, was mich freut.

Da seine Schweizer Klamotten hier, wo gerade „cham sin“ (in Form einer ausserordentlichen Hitzewelle) angesagt ist, völlig untauglich sind, besteht unser nächster Schritt darin, die nötigsten Sachen für einen Mann einzukaufen, damit er während der nächsten 24 Stunden über die Runden kommt.
Das ist erstaunlich wenig.
Keine Katastrophe, wenn so ein Koffer mal nicht kommt.
Es sei denn … es wäre meiner gewesen!!!

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„ahava“ – Liebe

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Erholung tut not

Mir als erklärtem Angsthasen wird man es nachsehen, dass ich mich in den vergangenen Wochen, wo sich die Lage in Israel mal wieder zuspitzte, leise fragte, ob es sinnvoll sei, ausgerechnet dahin zu fliegen, wo – man möge mir die saloppe Formulierung verzeihen, aber es ist DIE Gelegenheit, sie endlich mal zu gebrauchen – die Kacke am Dampfen ist.

Meinen Überlegungen ein Ende gemacht hat einmal mehr der unerschütterliche und weise Pragmatismus des Twenagers, der fand: „Es ist doch ganz einfach. So lange das EDA nicht explizit davon abrät, fliegst du, und sonst lässt du es bleiben. Passieren kann schliesslich überall was.“

Zusätzlich zur dergestalt schlüssig gelösten Frage kommt mein wachsendes Unbehagen im Zusammenhang mit der hiesigen Berichterstattung, von der ich mich kurzzeitig zu erholen gedenke. Und da verspreche ich mir eine Verschnaufpause, in der ich meine etwas durchgeschüttelten Emotionen wieder in den Griff kriegen könnte.
Nicht, weil im Land selber mit Kritik am Vorgehen der Streitkräfte an der Grenze über den Berg gehalten würde (in keinem anderen Land wird mit solcher Inbrunst diskutiert, gestritten und über die eigene Regierung hergezogen), sondern der rührend naiven Unwissenheit der Einwohner Israels wegen, die keine Ahnung davon zu haben scheinen, wie feindselig man ihnen in der Welt tatsächlich gegenübersteht und die in Gesprächen solche Einwürfe mit einer Handbewegung als absurd und masslos übertrieben abtun.

Wenn sie wüssten!

Obwohl es ja tatsächlich absurd erscheint.
Dass wir, deren Ärgerbarometer schon empfindlich steigt, wenn der Ast vom Nachbar über unseren Zaun hängt, einem Land das Recht absprechen, seine Grenze zu verteidigen und seine Einwohner zu schützen.
Dass die ganze Welt auf die perfide Machenschaften der Hamas hereinfällt, für die das Befinden der Einwohner Gazas ganz unten auf der Prioritätenliste steht.

Doch, mir tun die toten Menschen aus Gaza leid, und – dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen – die meisten Isreali sind sehr betroffen deswegen. Sie tun mir selbst dann leid, wenn es sich bei einem grossen Teil von ihnen, wie von der Hamas selber reklamiert, um Mitglieder einer terroristischen Organisation handelt. Eigentlich tun sie mir deswegen erst recht leid. Sie hatten das Pech, in einer Ecke der Welt geboren zu werden, wo sie von Kindheit an mit Hass genährt wurden und ihnen die Pflicht auferlegt wurde, diesen Hass höher zu gewichten als ihr eigenes Leben und das ihrer Nächsten.

Es gibt sie auch, die Artikel und Videos abseits des Mainstreams, die aufzeigen, dass die Sache nicht so einfach ist, wie man sie gern hätte. Aber wer interessiert sich für sie? Die Meinungen sind gemacht und nie wurde mir das klarer als in dem Moment, als ich das Interview mit dem israelischen Botschafter in 10 vor 10 sah. In meinen Augen war das kein Interview, sondern ein Kreuzverhör, und da konnte der Botschafter sagen, was er wollte, er lief ins offene Messer und nachträglich unterstellte man ihm Arroganz und Kaltschnäuzigkeit. Auch Berichte wie dieser hier werden nichts nützen – auch er wird ziemlich sicher zerpflückt werden und sich als Bumerang erweisen.

Von all dem erhole mich jetzt eine Weile und gehe dahin, wo man sich das schlicht nicht vorstellen kann. Wo man, so naiv es auch sein mag, davon ausgeht, ein Recht darauf zu haben, seine Existenz und sein Leben verteidigen zu dürfen.

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Auch die Freiheit hat ihren Preis

Gestern habe ich meine Tasche gepackt und den Kindern und Kollegen „Adieu“ gesagt. Ich bin froh, durfte ich mich zuletzt auch noch als Förderlehrerin versuchen, was mir nochmals eine ganz andere Sicht auf meinen Beruf gegeben hat. Obwohl ich die Kinder während der paar Wochen ins Herz geschlossen habe, fiel mir der Abschied diesmal nicht so schwer. Ich wusste ja, dass der Job nur vorübergehend war und jetzt, jetzt freue ich mich auf meinen nächsten, der hoffentlich längerfristig sein wird.
Es ist der erste Tag meiner grossen Ferien und auch wenn es sich dabei um ein déja-vu handelt, unterscheidet er sich von einem ganz ähnlichen Tag im letzten Juli.

Der Unterschied liegt im „danach“. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich jetzt zwar nochmals lange Ferien habe, aber auch weiss, wo mein Platz anschliessend sein wird. Auch die „grosse Freiheit“ hat ihre Schattenseiten, soviel habe ich gelernt in diesem Jahr. Ich hab sie anders erlebt als vor 30 Jahren, wo ich schon einmal ein solches Jahr eingeschoben hatte. Und ja, mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das meinem fortschreitenden Alter und dem damit einhergehenden Bedürfnis nach Sicherheit zuzuschreiben.

Wie alles im Leben hat diese Sicherheit ihren Preis: Gefühlsmässig bin ich bereits in den Vorbereitungen fürs nächste Schuljahr. Absprachen mit meiner Stellenpartnerin, laufend hereinkommende Mail mit ersten Informationen, die Links enthalten, welche wiederum auf umfangreiche Dokumente führen, halten mich auf Trab. Neuer Lehrplan, damit einhergehende online Module zum Bearbeiten, neue Lehrmittel, hier und da noch ein Weiterbildungstag, neue Fächer, neue Beurteilungsmethoden …es hört gar nicht mehr auf mit den zu verarbeitenden Informationen.
Gerade habe ich mir eine weitere pdf-Broschüre zur Ethik, welche neu Teil des Fachs Religion und Kultur sein wird, auf meinen virtuellen Schreibtisch gelegt und mit Erleichterung gesehen, dass es diesmal nur 24 Seiten sind. Statt 78 oder so. Ganz ehrlich: Obwohl alles sehr interessant und spannend ist – ich weiss nicht, wie das Vollzeitarbeitende auf die Reihe kriegen.

Trotzdem ist es ein guter Deal, finde ich. Ich freue mich auf meine zukünftige Aufgabe und sehe es zudem als Privileg, weiterhin in einen Prozess eingebunden zu sein, der mich dazu zwingt, mich weiterzuentwickeln und nicht stehenzubleiben. Ein bisschen Stress, im richtigen Rahmen, ist der Produktivität durchaus förderlich; auch das eine wichtige Erkenntnis, die ich in diesem Jahr gewonnen habe.

Erstmal gönne ich mir Ferien. Noch viermal schlafen und ab geht’s an die Sonne. Dreimal darf man raten wohin. Und warum ich diesmal noch viel mehr als sonst das Bedürfnis habe, nach Israel zu fliegen, darüber schreibe ich dann in einem nächsten Post.
Vielleicht.
Erst muss ich noch ein paar Sachen lesen.

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Rauchzeichen

Es wäre mal wieder an der Zeit etwas Lustiges zu schreiben auf der Schreibschaukel und tatsächlich bewegt sie sich ja auf und ab, wie immer.
Ich habe nun das letzte Viertel meines mir selbst verschriebenen Sabbaticals vor mir und allen Grund, mich zu freuen. Das letzte Vikariat ist beinahe zu Ende, ich habe neue Erfahrungen gemacht in diesem Jahr und viel gelernt – auch einiges über mich selber – , die Weichen für die nähere Zukunft sind gestellt und ich freue mich auf meine zukünftige Klasse, bei der ich gestern zu Besuch war.

Auf meine langen Ferien, die ich mir nun nochmals gönne, freue ich mich auch und natürlich geht die Reise erst einmal an einen meiner Lieblingsorte. Das aber ist nun der Punkt, wo meine Freude einen empfindlichen Dämpfer bekommt und es mir nicht mehr möglich ist, lustig daher zu schreiben.

Ich mache mir grosse Sorgen, was die Zukunft Israels betrifft und mir blutet das Herz, wenn ich sehe, dass es ziemlich allein gelassen wird und die Schlagzeilen in unseren Zeitungen mehrheitlich und einmal mehr Israel-Bashing betreiben.
Natürlich hat jeder Konflikt zwei Seiten. Mir wird in den hiesigen Medien allerdings vor allem eine präsentiert.

Darüber, dass die ach so friedlichen Demonstranten der Umwelt grosse Gewalt antun, etwas unüberlegt ihre Lebensader gekappt haben, indem sie die Gas- und Benzinleitung von Israel nach Gaza zerstörten, und auch nicht davor zurückschrecken, Kinder mit zu den „friedlichen“ Demonstrationen zu schleppen, im vollen Wissen darum, dass es sich nicht um einen Frühlingsumzug handelt, hält sich niemand auf.
Bleibt das wirklich alles hinter dem Rauch verborgen? Oder wollen wir es einfach nicht sehen?

Ursprünglich gab es dasselbe Video mit deutschen Untertiteln. Das ist aber bereits wieder entfernt worden. Es passt wohl nicht ins Bild…
Eine deutsche Übersetzung gibt’s hier.

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Die wirkliche Überraschung

Obwohl mir das Lied nicht besonders gefällt, freue ich mich darüber, dass Netta den Eurovision Songcontext gewonnen hat. Endlich mal positive Schlagzeilen im Zusammenhang mit Israel. Aus gesicherter Quellen weiss ich, dass die Freude darüber im Land selber riesig ist. 

Einen schönen Beitrag dazu findet man durch einen Blick aus dem Fenster . Vor allem aber hat mir dieser besagte Netta näher gebracht, die zu meiner Überraschung noch ganz andere Register ziehen kann.  Ich erlaube mir deshalb, bei der Bloggerkollegin abzukupfern und das Video hier reinzustellen. 

 

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Spannende Zeiten

Weil ich in den nächsten Monaten wenig bis gar nicht arbeite und mir vor Beginn des neuen Schuljahres noch einen unbeschwerten Sommer gönne, habe ich Zeit, mich schon auf meine zukünftige Aufgabe vorzubereiten.

Nun ja – eigentlich ist das ja auch Arbeit. Es gilt, sich mit dem dem neuen Lehrplan auseinanderzusetzen und die mehrstündigen online Module durchzuarbeiten, mich in neue Lehrmittel einzulesen und nicht zuletzt, mich in Turbogeschwindigkeit zur Computerspezialistin auszubilden.

Ab kommendem Schuljahr werde ich nämlich das neue Fach Medien und Informatik (MI) unterrichten (jawoll Herr M., ICH!!!, es ist unfassbar) und weil die Weiterbildung dazu für mich zeitgleich mit dem Schuljahr beginnt, bzw. sogar ein bisschen später, hab ich da noch ein grosses Fragezeichen auf der Stirn und frage mich bang, wie ich das den Eltern am Elternabend verklickern soll. Dass ich eigentlich noch keine Ahnung habe. Dass einige ihrer Kinder, aufgrund ihres Geburtsdatums sogenannte Digital Natives, mir als Silver Surfer, was Anwenderkompetenz betrifft, vermutlich etwas vormachen werden.

Nun wissen wir aber ja, dass Schule sich laufend verändert (weil: die Gesellschaft tut es auch) und weil das Schulsystem an sich überhaupt eine ewige Baustelle ist, geht es im Schulzimmer zu und her wie auf allen Baustellen: Es wird gebaut. Und das wirkt dann ab und zu ein bisschen unübersichtlich. Trotzdem ergibt sich letzten Endes ein Produkt und obwohl der alte Grundsatz „Der Weg ist das Ziel“ mittlerweile etwas überholt ist und nicht so stehen gelassen werden kann (das Produkt ist nämlich schon auch wichtig) lernt man beim Bauen ja auch sehr viel.

Kommt dazu, dass sich die Rolle der Lehrperson stark verändert hat. Trotz meines Teilpensums werde ich acht verschiedene Fächer zu unterrichten haben und es ist nun mal so, dass ich in keinem von ihnen einen Studienabschluss habe. Meine Aufgabe wird es vielmehr sein, uns alle auf möglichst günstigem Kurs durch alles hindurch zu manövrieren und die Schüler und Schülerinnen nach Kräften in ihrem Lernen zu unterstützen. (Noch gibt es keine Roboter dafür.)
Und ganz nebenbei werde ich selber wohl am meisten lernen.

Im Moment lese ich mich durch Informationen zum neuen Fach und komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Das ist wie gesagt eigentlich auch Arbeit, aber weil ich das nicht am Abend nach einem langen Tag machen muss, macht es irgendwie auch Spass. Denn zwischen all den vielen Seiten Informationen zur Organisation und zu den Grundlagen und zu möglichen Lehrmitteln (von denen erst die wenigsten fertiggestellt sind) und zu bereits verfügbarem Unterrichtsmaterial, das man sich im Netz zusammensuchen kann, und zwischen vielen Begriffen von denen ich noch nicht so genau weiss, was sie heissen, wartet auch immer mal wieder ein kleines Highlight. Und das gönn ich mir dann und freu mich darüber, dass ich in so einer spannenden Zeit lebe.

Folgendes Video dient als Diskussionsgrundlage zum Vergleich Mensch – Roboter und obwohl mir seine Aufmache nicht sehr objektiv erscheint, habe ich mich sehr amüsiert.

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„What a truly magnificent view“

Es ist mein letzter Abend in Montreux. Da ich nach vier Tagen schon etwas vertraut mit den Gegebenheiten bin, habe ich den idealen Platz gefunden, wo ich den heutigen Sonnenuntergang geniessen kann, ohne Gefahr zu laufen, wegen des Wetterwechsels von den Wellen in den See gespült zu werden. Obwohl die Bar nur schlecht besetzt ist und ich einen Platz am Fenster finde, ist es laut. Das liegt daran, dass es die Bar des Casinos ist.

Im Casino war ich übrigens nicht um zu spielen – für den Einsatz leiste ich mir lieber ein gutes Essen – sondern weil ich am Morgen das ehemalige Studio der Gruppe Queen besucht habe.

Jetzt sitze ich also hier und schaue auf die eindrückliche Kulisse, die Freddie Mercury nur zwei Wochen vor seinem Tod zu einem Lied inspiriert hat, von dem er eiligst und in einer einzigen Session Melodie und Text aufnahm, was seinen Bandmitgliedern ermöglichte, den Song vier Jahre später herauszubringen. Eine Art Grabmal für den unvergessenen Sänger.

Und obwohl er im Lied den Winter besingt, fühle ich, was er empfand, als er aus dem Studio über den See blickte. Nicht bis ins Letzte vielleicht, denn ich gehe davon aus, dass ich noch ein paar Jahre leben werde, während ihm klar war, dass es dem Ende entgegen geht.

Trotzdem mischt sich Freude über die vor mir ausgebreitet Schönheit mit Melancholie. Ich bin ein bisschen traurig wegen Freddie Mercury und auch wegen meines Cousins, dem einzigen von allen, den ich gekannt habe, der mir viel bedeutet hat, und der fast zur selben Zeit an derselben fiesen Krankheit starb. Und während ich so auf den heute stürmischen See blicke, in dem sich die letzten Sonnenstrahlen brechen, kommen mir noch andere Menschen in den Sinn, die mein Leben auf die eine oder andere Weise bereichert haben und nicht mehr da sind. Der letzte musste sich erst vor zwei Wochen verabschieden, obwohl er sehr am Leben hing und noch viel vorgehabt hätte.

Immerhin – falls es einen Ort gibt, wo man sich wieder trifft, stehen die Chancen auf erstklassige Musik gut. Aber trotzdem ist es schön, dass ich sie mir vorerst noch auf Youtube anhören kann.

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Smile

In Museen gehe ich nicht allzu oft und meistens halte ich es da auch nicht lange aus. Es sei denn …sie treffen einen Nerv irgendwo tief in mir drin. Während ich Fakten zu Wissenschaft, Geschichte oder Kultur, so interessant und wichtig sie auch sein mögen, sehr schnell wieder vergesse, weil sie in meinem Hirn bedauerlicherweise nur auf der Durchreise sind, siedeln sich emotional besetzte Themen langfristig an. Meist sind es spezielle Personen, denen das gelingt, Personen, deren Lebensgeschichte mich zu fesseln vermag.

Das Schloss Chillon gestern brachte mich zum Staunen. Seine Lage, seine Erhabenheit, seine Geschichte – beeindruckend. Erstaunt hat mich aber auch, dass ich mich praktisch an nichts erinnern konnte, obwohl ich doch schon einmal da gewesen war. Aber gut – es hat ja auch Vorteile, wenn man schöne Dinge im Leben immer wieder wie beim ersten Mal geniessen kann!

Der Museumsbesuch heute dagegen wird nicht so schnell im Nebel des Vergessens verschwinden. So gut gefallen hat es mir in der Villa Manoir de Ban, dass ich viel länger blieb als die vorhergesagten zweieinhalb Stunden.

Als Kind hatte ich seine Filme lustig gefunden, um Jahre später erst zu realisieren, welch grossartiges Werk Charlie Chaplin der Welt vermacht hat und was für ein vielseitiger und begabter und auch mutiger Mann er war. Er stand immer ziemlich weit oben auf der Liste meiner Leitfiguren, nicht zuletzt seines einzigartigen Humors wegen, in dem sich oft die ganze Gefühlspalette widerspiegelt.

Es war also nicht so, dass ich nichts wusste über diesen Charlie Chaplin. Aber dennoch habe ich in Chaplin’s World viele neue Seiten an ihm entdeckt, solche, die ihn mir noch sympathischer machen. Zum Beispiel, dass er auch privat immer für einen Spass zu haben war, was man nun nicht von allen Komikern behaupten kann. Vor allem andern aber, dass es wohl seine Liebe zum Leben und zu den Menschen oder überhaupt allen Lebewesen war, die seine Filme so überaus menschlich gemacht hat.

Unzählige Filmausschnitte habe ich heute gesehen – bei vielen hatte ich ein freudiges déjà vu – und während mir sonst bei alten Filmen immer klar wird , dass wir heute in einer anderen Zeit leben, und ich dann manchmal ein bisschen enttäuscht bin, weil ich sie so viel besser in Erinnerung hatte, fand ich einmal mehr: Die Filme von Charlie Chaplin sind aktuell wie eh und je und haben nichts von ihrem Zauber eingebüsst.

Tatsächlich nicht gewusst habe ich, dass der geniale Allrounder oft auch seine Filmmusik selber komponierte, obwohl er keine eigentliche Musikausbildung genossen hatte. Auch in diesem Genre war er, wie bei so vielem, ein Autodidakt.

Wer hat zum Beispiel gewusst, dass die Musik zum folgenden Lied, das 1954 durch den Text des Duos John Turner/Geoffrey Parson und die Interpretation von Nat King Cole ein bleibender Hit wurde, bereits 1936 von Chaplin für „Moderne Zeiten“ komponiert wurde?
Ich nicht. Aber DAS werde ich so schnell nicht wieder vergessen.

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Tausendundzwei

1001 Nacht war vor vielen Jahren eins meiner Lieblingsbücher.
Von aussen recht unscheinbar war das Buch für mich die reinste Schatztruhe. Nicht nur waren die Geschichten äusserst spannend, nein, die Bilder, die mir eine farbenprächtige und unbekannte Welt erschlossen, weckten meine Sehnsucht. Nicht so sehr nach fremden Ländern als danach, auch so schön zu sein wie die nymphenhaften Frauen, deren perfektes Äusseres durch zarte Schleier verhüllt war, die selbiges, anders als die wieder in die Mode gekommenen ortstypischen Outfits, noch schöner zur Geltung brachten. 

So schön wollte ich auch sein!
 Zu meiner Entschuldigung sei gesagt: Ich war noch sehr jung. Sonst hätte ich mir vielleicht auch gewünscht, so schön, vor allem aber, so klug zu sein wie Scheherazade.
Klug war sie nämlich, und wie, denn es gelang ihr mit einem cleveren Trick, einen Frauenhasser zu bekehren und die Sache zu einem guten Ende zu bringen.
Obwohl … ich verspürte schon damals eine gewisse Dissonanz bezüglich des Happyends. Der Mann hatte ja schon etliche andere Frauen um die Ecke gebracht und nur, weil sie vielleicht (so wie ich) nicht so schön und sprachgewandt wie Scheherazade waren, war das kein Pappenstiel. (Das Wort Kavaliersdelikt war damals noch nicht in meinem Sprachgebrauch.) Fortan von seiner schlechten Gewohnheit zu lassen, machte ihn in meinen Augen auch von einem auf den 1001.Tag nicht zu einem guten Menschen. Und so einen hatte die schöne Scheherazade jetzt an der Backe!

Der Grund, warum mir 1001 Nacht durch den Kopf geistert, ist übrigens nicht der bedauerliche Umstand, dass die Nachrichten vermuten lassen, Misogynie sei wieder auf dem Vormarsch, sondern mein Blog.

1001 Sachen habe ich während der letzten Jahre getextet, anfänglich in deutlich höherer Frequenz. Ob auch Scheherazade irgendwann die Iden ausgegangen wären? Hätte sie womöglich schon früher mit Erzählen aufgehört, hätte sie nicht im wahrsten Sinne des Wortes das Messer am Hals gehabt?

Ich weiss es nicht und kann sie nicht fragen, weil es sie ja gar nicht gegeben hat.
Meinen Blog dagegen gibt es immer noch und dies ist der 1002. Beitrag seit seiner Entstehung.

Mal sehen, wie viele es noch werden. Ein paar dürften es schon noch sein, trotz zwischenzeitlicher Flaute. Aber schliesslich hängt mein Leben nicht davon ab.
Und das ist auch ganz gut so.

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Sächsilüte

Einmal mehr sah ich mir den Höhepunkt des diesjährigen „Sächsilüte“ zu Hause im Fernsehen an. Das Menschengewimmel rund um den brennenden Scheiterhaufen ist jetzt nicht so mein Ding und daheim am Bildschirm kriegt man eigentlich viel mehr mit.

Obwohl … nächstes Jahr geh ich vielleicht mal wieder in die Stadt!

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Inspirierende Lektüre

Wenn ich eins gelernt habe in diesem Jahr, das ich mir praktisch freigenommen habe, dann dies: Schöpferische Produktivität verhält sich nicht proportional zur verfügbaren Zeit. In meinem Fall verhält sie sich allenfalls umgekehrt proportional dazu, ganz generell aber vor allem sehr ungünstig zum Müssiggang. Und dieser nun – man könnte ihn auch als Trägheit bezeichnen – ist leider mit meiner Person untrennbar verbunden. Vermutlich müsste ich mir mal überlegen, warum das so ist, aber das ist anstrengend.

Immerhin aber mache ich mir überhaupt Gedanken. Noch ist nicht alles verloren. Und die Inspiration für meine unüblichen gedanklichen Liegestützen kommt daher, wo sie meisten herkommt: von einem Buch.

Während ich nämlich schon seit Monaten Happy Hour feiere – Im Stil von: ein Tag arbeiten, zwei Tage frei – bringen andere nicht nur Familie, Job, Haus und Garten sowie ein beeindruckendes Sportprogramm auf die Reihe, und schaffen es, nicht durchzudrehen, wenn zusätzlich und höchst unerwünscht noch das Schicksal an der Tür klingelt, nein – sie schreiben auch noch ein Buch darüber.

Nun gibt es ja unzählige solcher Erfahrungsberichte und die reichen erfahrungsgemäss von leidlich gut bis zu Glückspost Niveau, weshalb die Hand vielleicht beim Griff nach „Krebs und eine Kakerlake“ kurz zögert. Aber da schaltet sich dann schon das Hirn ein, registriert den originellen Titel und meldet eine erfreuliche und belebende Dissonanz: Welch „hässliche“ Worte – aber wie umwerfend schön das lautmalerisch klingt!

Das Buch selber ist auch umwerfend: bedeutsames Thema (dramatisch – jede normale Frau kriegt dabei das Nervenflattern) aber trotzdem immer wieder witzig. Tatsache, es ist lustig, das Buch, im Ernst jetzt. Ich habe doch tatsächlich öfters lachen müssen, und wenn ein Buch das schafft, während es mich gleichzeitig auch zu berühren vermag, dann hat es gewonnen.

Übrigens ist es auf der Skala von leidlich gut bis Glückspostniveau nicht vertreten, Pech gehabt, denn es ist nicht leidlich gut, sondern sehr gut geschrieben. Und das, obwohl die Autorin sich an einer Stelle darüber sorgt, dass ihr deutsches Sprachvermögen allmählich einrostet. An dieser Stelle habe ich mich stirnrunzelnd gefragt, wie sie wohl schreiben würde, wenn sie ihren Alltag nicht schon seit dreissig Jahren in einer Zweitsprache bewältigen müsste, die mit ihrer Muttersprache einzig das kratzende „ch“ gemeinsam hat. Vermutlich wäre das Buch dann viel teurer, weil es ein Anwärter auf den Schweizer Literaturpreis wäre. So aber ist es erstaunlich günstig, und das ist fast ein bisschen schade, weil die Leute dann womöglich denken, es sei auch nicht viel wert.


Was für ein Irrtum! 


Auch wenn man keinen Krebs und nichts für Kakerlaken übrig hat: Dieses Buch ist ein spannender Blick durchs Fenster in den privaten Garten einer bemerkenswerten Frau, die sehr offen und mit feinem Humor über ein schicksalhaftes Jahr ihres Lebens schreibt.
Und das ist, ganz nebenbei, auch ohne Krebs und Kakerlake ziemlich interessant.

Ins Buch klicken und mehr erfahren:

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Würden wir?

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass meine Wahrnehmung des Palästinenserkonflikts stark von derjenigen der öffentlichen Meinung abweicht.

Trotzdem fand ich es während des heutigen Tagesschau absurd, dass die palästinensischen Demonstranten als harmlos und unbewaffnet bezeichnet werden und gleichzeitig Bilder ausgestrahlt werden, die eine ganz andere Sprache sprechen. Es muss nicht immer eine Knarre sein – ich finde es durchaus unheimlich, wenn ganze Horden mit Hilfe von (vielen!) Reifen ein Flammenmeer produzieren, Steinschleudern benutzen und hasserfüllte Parolen schreien. Friedfertig und harmlos erscheinen mir diese Demonstranten jetzt nicht.

Niemand kann es begrüssen oder, Gott behüte, gar wollen, dass bei den Auseinandersetzungen Menschen sterben. Das ist tragisch. (Obwohl …politisch macht es schon was her, weshalb sich der eine oder andere von der Hamas tatsächlich die Hände reiben dürfte, was ich auch tragisch finde.) In einer bedrohliche Situation werden die Soldaten aber ihre eigene Sicherheit und diejenige ihrer Landsleute höher gewichten als diejenige der Angreifer. Ob es wirklich vorkommt, dass Scharfschützen auf flüchtende Männer schiessen? Ist das möglich? Ich war nicht dabei. Ich weiss es nicht. Genauso wenig übrigens, wage ich zu behaupten, wie viele andere, die Israels Reaktion an der Grenze als unverhältnismässig verurteilen.

Was ich mir dagegen erlaube ist, mich zu fragen, wie man hierzulande reagieren würde, stürmten Tausende gewaltbereite Demonstranten die Grenze mit dem Schlachtruf „Tod allen Schweizern“ und der klaren Vorstellung, dass unser Land von der Landkarte zu verschwinden habe.

Würden wir dann wirklich – ein Vorschlag aus einem Zeitungskommentar – , freundlich auf die Demonstranten zugehen und ihnen die Hand reichen?
Würden wir sie widerstandslos die Grenze überrennen lassen?
Würden wir das?

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Osterweisheit

Manchmal hilft es einem auch nichts, wenn man eine weisse Weste hat.
Für die anderen ist man trotzdem das schwarze Schaf.

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Leseliebe

„Das ist so grottenschlecht geschrieben …ich konnte einfach nicht weiterlesen. Und das, obwohl ich nichts anderes hatte und die Alternative war, mich zu langweilen.“
Der so gnadenlos urteilte war der Teenager, und damit befand er sich im krassen Widerspruch zu einer erstaunlich hohen Anzahl weiblichen Leserinnen, die den Buchhändlern „50 Shades of Grey“ praktisch aus den Händen rissen.
Obwohl er mir glaubhaft versicherte, ALLE anderen Mütter hätten das Buch gelesen, sah ich in der Folge davon ab. Der Teenager hatte schon damals einen treffsicheren Geschmack. Nicht nur was Bücher anbelangt.
Besser als mir einen schlecht geschriebenen Roman einschlägigen Inhalts reinzuziehen, fand ich, wäre es, mein eigenes Liebesleben zu aufzupeppen. Obwohl ich gerne lese – es gibt Dinge, die sind aus erster Hand einfach besser.

Egal worum es geht, normalerweise bleibt es bei mir beim Vorsatz. Doch diesmal kam alles anders und bevor ich wusste, wie mir geschah, war ich nicht nur mit einem erstklassigen Liebhaber gesegnet, sondern – Ironie des Schicksals – auch mit einer Literaturliste, die mir selbiger überreichte. Aber gut, es gibt schlimmere Marotten als die Vorliebe, mit der Liebsten dieselben Bücher zu lesen (siehe 50 Shades of Grey…) und so schickte ich mich darin, fortan „gute“ Werke zu lesen. Eins der ersten war „Krieg und Frieden“, und die erste Verliebtheit half uns dabei, unterwegs nicht schlapp zu machen. Obwohl es nun ja ein tolles Buch ist – aber eben auch ein ziemlich langes.

Was auf der Strecke blieb, das waren die leichten Romane, die ich mir regelmässig gegönnt hatte. Luftig leichte Ferienlektüre zum Abschalten, Bücher, die wohl mehrheitlich von Frauen gelesen werden. Für Jojo Moyes hatte mein strahlender Schimmelreiter leider nichts übrig. Obwohl sie doch blond ist.
Schade eigentlich.
Es gibt nämlich auch richtig gute Frauenbücher, wie mir aus aktuellem Anlass wieder bewusst geworden ist. Ein richtig gutes Frauenbuch unterscheidet sich aber von den weniger guten darin, dass es nicht nur eine interessant konstruierte Story hat und eine Protagonistin, mit der sich die Leserin identifizieren kann, sondern auch sprachlich ein ansprechendes Niveau aufweist. Ist die Geschichte dazu noch erfrischend humorvoll oder vielmehr ab und zu zum Brüllen komisch sowie mit ein paar entzückend witzigen Details garniert, dann steht dem Lesegenuss nichts mehr im Wege. Ich jedenfalls hab mich köstlich amüsiert.

Ich wundere mich ein bisschen darüber, dass „50 shades of Grey“ so abgeräumt hat und gerade der dritte Film im Kino anläuft. Wo es doch richtig gute Frauenbücher gibt. So wie dieses hier, das ich wärmstens weiterempfehlen kann.

 
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Kein Feelgood Buch

„Da wirst du unweigerlich mit hineingezogen werden“, sagte ein Freund einst und – Recht hatte er.

Mittendrin bin ich jetzt, und ab und zu macht mir das ganz schön zu schaffen. Wenn ich beispielsweise ein Buch wie Industry of Lies lese. Einerseits sehne ich den Moment herbei, wo ich es weglegen kann, andererseits kann ich nicht anders, als jede Zeile zu lesen.

Was mir zu schaffen macht, ist nicht das Buch an sich sondern das Thema. Wie tief doch dieser Sumpf ist, wie dicht das Netz, und wie gering die Aussicht auf Besserung. Für die Welt ist Israel an allem Schuld und da kann es sich bemühen wie es will, es wird, moralisch gesehen, wohl immer auf der Verliererseite stehen.

Naheliegend, jetzt zu denken: Aha, sie liest Propaganda – sie lässt sich mal wieder das Hirn vernebeln.
Was soll ich dem entgegenhalten?
Vielleicht dies: Das Buch spricht für sich selber. Es enthält handfeste Fakten. Fakten, die jedem offen stehen, der sich für die Tatsachen interessiert. Es beschönigt nicht. Es hinterfragt. Trotzdem oder gerade deswegen ist es eine schockierende Entlarvung der einseitigen und oft falschen Berichterstattung über den Konflikt, der die Welt am meisten beschäftigt und der zu ihrem eigentlichen Lieblingskind geworden ist.

Wer vermutlich am meisten darunter leidet, das sind die sogenannten „Flüchtlinge“ oder „Vertriebenen“, die sich als einzige Gruppe unter all den vielen anderen Flüchtlingen und Vertriebenen, welche unsere Welt laufend produziert, keinen Millimeter vorwärts bewegen (können).

Mit jedem Kapitel wächst meine Unruhe, eine diffuse Angst und die Besorgnis um die Zukunft, nicht bloss um diejenige des Staates Israel übrigens.

Es macht keine Freude, dieses Buch zu lesen.
Und dennoch wünschte ich mir, dass es mehr tun würden.

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Worüber ich nicht mehr rede

Während ich mich über die Öde meiner Schreibwüste gräme, publizieren andere Bücher.
Dieses hier hab ich grad bestellt, weil: Wenn es so witzig geschrieben ist wie der Blog der Autorin, dann ist es genau das, was ich jetzt brauche.

Scheinbar verbindet uns wenig, mal abgesehen von wordpress, ausser…
…ausser diese ganz besondere Angst.

Da kann ich ganz vorne mitreden, auch wenn ich die Angst, von anderen als Fake entlarvt zu werden, nicht in Bezug aufs Schreiben erlebe. Dort ist es mir relativ egal, was andere denken, weil es in meinem Fall nicht so relevant ist, auch wenn ich betrübt feststellen muss, dass ich früher mehr und lustiger geschrieben habe. Wenn das Hirn Wellen schlägt, äussert sich das auch im Schreibstil. Ist halt so.

Gut, studiert das Kind Psychologie.
Es ist übrigens nicht so, dass Psychostudis per se eine Ecke ab haben; in diesem Fall ist es ausnahmsweise mal wirklich die Mutter.
„So, darüber reden wir jetzt nicht mehr“, sagt das Kind mit bewundernswerter Geduld – zum x-ten Mal – zum wahren Grund für das Psychologiestudium. Da ich auf mein Kind grosse Stücke halte, tue ich mein Bestes und werde nach Kräften versuchen, in Zukunft nicht mehr darüber zu reden.

Jetzt ist fertig geredet, die Sache ist entschieden, obwohl das ein veritabler Kraftakt war. Schön, wenn man entscheiden darf, aber wenn man zwischen zwei guten Möglichkeiten wählen muss, also – darf!- , kann es ganz schön an die Substanz gehen, so dass sich ein Teil von mir immer noch fragt, ob ich nicht doch… aber nein – morgen, nachdem ich mir heute eine letzte Panikattacke erlaubt habe, wird der Vertrag für die Stelle als Klassenlehrerin unterschrieben. Ich werde nicht mehr darüber reden, ob ich das kann oder nicht, ob ich mir zuviel auflade oder nicht, ob es wirklich das ist, was ich will oder nicht, ob ich…
Schliesslich hab ich das schon mal gemacht. Auch wenn es schon lange her ist. Und ja, es war mit sehr viel Arbeit verbunden, aber –  ich hatte auch ziemlich viel Freude daran.

Alles deutet darauf hin, dass ich kein Fake bin, das hätten mir die letzen Tage eigentlich zeigen sollen, und bloss weil ich das Gefühl habe, nicht das zu sein, was die anderen in mir sehen, heisst das noch lange nicht, dass ich es nicht doch bin.
War das jetzt klar? Nicht?
Egal – ich hab zur Zeit auch öfters Mühe, klar zu sehen.

Aber darüber reden werde ich ab morgen nicht mehr. Von nun an werde ich mich auf meine neue Aufgabe freuen. Es bleibt mir ja noch ein bisschen Zeit, mich mental darauf vorzubereiten und …nicht mehr darüber zu reden!

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Gleitende Sicht

Seit zwei Tagen ist sie in meinem Besitz und diesmal ist die Voraussetzung gegeben, dass ich mich längerfristig daran gewöhnen kann oder muss. Wenn die keine anderen Probleme hat, mag man jetzt denken, wo andere nicht mal den nächsten Tag sehen, aber die eigene Nasenspitze ist einem halt schon am nächsten und darauf sitzt sie nun mal. Die Brille.
Beim ersten Mal, merkte ich ziemlich schnell, dass das so nichts wird. Mit gesenktem Kopf durchs Leben gehen? Von den Komplikationen bei einem allfälligen Auffahrunfall – auch das Autofahren verlangte eine höchst unnatürliche Haltung – ganz zu schweigen.
Als ich mit diesem Anliegen schon zwei Tage später wieder im Geschäft stand, wollte man mir zuerst nicht glauben, lenkte nach genauer Abklärung allerdings ein: „Doch, bei Ihnen muss die Grenze zwischen Fern- und Nahsicht etwas weiter hinunter.“ Das fand ich auch und so liess ich die Brille frohen Mutes dort. Zwei weitere Wochen gingen ins Land, aber dann war meine Brille zur Abholung bereit.
Diesmal war ich so unvorsichtig, keine Ersatzbrille mitzunehmen und meine Tageslinsen blöderweise zu früh zu entsorgen. Als ich die Brille aufsetzte sah ich nämlich gar nichts. Ich konnte den Kopf heben und senken und drehen wie ich wollte, alles verschwamm vor meinen Augen. Nach langem hin und her stolperten wir zufälligerweise übers Kernproblem: Aufgrund eines Schreibfehlers waren die Gläser eine Dioptrie zu stark.
Glücklicherweise bekam ich ein Paar Tageslinsen geschenkt, so dass ich den Heimweg wieder fand, bevor es Nacht wurde.
Kurze Zeit später bekam ich einen sehr netten Brief, den ich aufgrund der aktuellen Umstände nicht zu beantworten vermochte. Ob ich mit meiner Brille zufrieden sei? Ob ich mich schon daran gewöhnt hätte? Zum Glück war keine Eile vonnöten und so fiel es mir leicht, mich weiterhin in Geduld zu üben, wiederum zwei Wochen. (Es gibt wohl ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Brille nicht vorher ausgeliefert werden darf. Vorfreude und so.)

Und jetzt hab ich sie. Dass ich den Kopf beim Lesen etwas anheben muss, habe ich mir selbst zuzuschreiben, das Leben besteht nun mal aus Kompromissen. Wenigstens kann ich durch die Stadt gehen, ohne dass mir schlecht wird, weil bei jedem Schritt die Grenzen zwischen nah und fern verschwimmen.
Ich könnte mich daran gewöhnen.
Vielleicht.
Ich hab ja ein paar Wochen Zeit dazu laut Vertrag. In der Annahme, dass die letzten sechs nicht angerechnet werden, nehme ich mir die auch.

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Die vermeintliche Wahl

Meine Kurzsichtigkeit wurde bereits in jungen Jahren zum Problem, als sich nämlich herausstellte, dass ich nicht bis zur Tafel sehen konnte. Das war in der 1. Klasse, als meine berufliche Karriere noch vielversprechend erschien, womit mein Schicksal der Brillenschlange besiegelt war.

Brille tragen war damals noch nicht hip.

Abgesehen davon, dass nur ziemlich bescheuerte Modelle auf dem Markt waren, was zusammen mit dem von meiner Mutter eigenhändig angefertigten Haarschnitt zu einem optisch unerfreulichen Ergebnis führte, neigte das unerwünschte Ding auf meiner Nase dazu, in regelmässigen Abständen kaputtzugehen, was mich anfänglich noch freute, mit zunehmender Verschlechterung meiner Sehstärke aber nervte.

Nachdem mehr als eine Dekade meines jungen Lebens dergestalt überschattet worden war, erstand ich von meinem allerersten Lohn, in dreiwöchiger Arbeit während der Sommerferien erworben, die lange ersehnten Kontaktlinsen. Damit begann eine neue und vielversprechende Ära, die gewisse Parallelen zu einem bekannten Märchen aufweist, zumal ich meine Mutter jetzt auch nicht mehr an meine Haare liess. In der Folge erstarkte mein etwas angeknackstes Selbstwertgefühl, ich eroberte das Herz des begehrtesten Jungen im Verein und obwohl wir nicht bis heute glücklich und zufrieden zusammen leben, weil er sich nach dreieinhalb Jahren in eine andere verguckte, die noch längere Haare hatte und nicht auf eine Sehhilfe angewiesen war, was vor allem beim Campieren viel praktischer ist, nahm mein Leben von da an einen recht günstigen Verlauf.

Nun wird man aber ja älter, und mit einem die Augen, die je länger je mehr zicken. Daran kommen auch Kurzsichtige nicht vorbei, obwohl sie einen Vorteil haben, nämlich die Wahl, die Brille immer abzusetzen, wenn sie etwas lesen möchten oder aber umgekehrt eine Lesebrille aufzusetzen. Kontaktlinsen oder Brille, auf- oder absetzen – man darf es sich aussuchen und das ist dann etwa so viel wert wie das mit dem freien Willen, der ja irgendwie doch auch recht fremdgesteuert ist.

Bis anhin habe ich mich fürs Aufsetzen entschieden, was faktisch aber auch eher ein „Absetzen“ war, weil ich, vor allem in der Schule, die Lesebrille in ihrer Doppelfunktion als Haarreif favorisiere.
Trotz der Tarnung als modisches Accessoire wurde das ewige auf und ab aber etwas mühsam und führte zu nervösen Zuckungen, was im Schulunterricht nicht so gut ankommt, weil da sonst schon genügend Unruhe vorhanden ist.

Ich fasste mir also ein Herz und startete das Unternehmen Gleitsichtbrille. Heutzutage sind Brillen in, ja, es gibt sogar Leute, die eine mit Fenstergläsern tragen, einfach weil sie sich damit besser gefallen. Das kann ich mir zwar nicht vorstellen – zu tief sitzt das Trauma meiner Jugendjahre – aber der Humus hat mir glaubhaft versichert, es würde ihn nicht stören, wenn ich etwas intelligenter aussähe, als ich bin.

Das Unternehmen ist bereits in vollem Gange, seit Wochen, wie ich zu meinem Leidwesen anfügen muss, aber das ist eine andere Geschichte und für einen anderen Post bestimmt.

Demnächst in diesem Blog.

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Weg mit den Scheuklappen!

Wieder zu Hause lese ich die Blogeinträge der letzten Tage nochmals und sehne mich nach der warmen Sonne Israels. Gleichzeitig versuche ich mich in jemand anders hineinzuversetzen und frage mich kritisch:

Wieso schreibst du eigentlich immer so euphorisch?

Ist es nicht ein bisschen lächerlich, ausschliesslich positiv über dieses Land zu schreiben, das ständig in den Schlagzeilen ist und mit vielfältigen Problemen zu kämpfen hat?

Was soll dieser Scheuklappenblick?

Wie kommst du dazu, dich über die Friseurkultur eines Landes auszulassen, während sich selbiges wieder mal am Rande eines Krieges befindet?

Hier einige Antworten für mich selber und das kritische Lesepublikum.

  1. Wenn ich in Israel bin, dann habe ich Ferien. In den Ferien ist sowieso alles schön.
  2. Wenn ich in Israel bin, dann nehme ich die dortigen Gepflogenheiten an. Wenn man sich als Israeli ständig Gedanken darüber machen würde, was alles passieren könnte, dann könnte man sich von vornherein die Kugel geben. Ein gesunder Fatalismus gehört dort dazu. Man lebt, und dies so gut wie möglich. Es könnte sich nämlich jederzeit ändern.
  3. Auch wenn ich selber nicht jüdisch bin, färbt vielleicht das vorherrschende Gefühl auf mich ab. Obwohl man sich (also von etwas weiter oben gesehen) inmitten feindlichen Gebiets befindet – nirgends auf der Welt fühlen sich Juden sicherer als in Israel.
  4. Es gibt genügend andere, die Israel schlecht machen. Ich kann mir das also sparen.

Nein, es ist nicht alles gut in Israel. Ich kann mir vorstellen, dass es ganz schön anstrengend sein kann, seinen Alltag daselbst zu bewältigen, was schon Ephraim Kishon einst auf humorvolle Weise beschrieben hat. Es ist laut und manchmal chaotisch. In einem Land, wo so viele unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, da muss es den einen oder anderen Clash geben. (Aber wo sonst wird man so gut damit fertig und ist gleichzeitig eine der erfolgreichsten Nationen?) Von sowohl innenpolitischen als auch aussenpolitischen Problemen wollen wir erst gar nicht anfangen.
Zumindest darin unterscheidet sich Israel nicht von anderen Ländern, wo auch nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen ist.
Der Unterschied findet sich im Blick von aussen, denn für die Welt liegt Israel unter einem Vergrösserungsglas. Wie es ein Vergrösserungsglas aber an sich hat, so zeigt es ziemlich genau, was direkt unter der Linse liegt, während alles an und ausserhalb der Peripherie verschwimmt. Während jede Bewegung Israels ausgeleuchtet und sofort verurteilt wird, entzieht sich dem Blick des Beobachters, was vorher, nachher und überhaupt drum herum passiert. Dafür sorgen leider die Medien, die sehr einseitig berichten.
Jüngstes Beispiel: Die Welt erfährt, dass das Land Stellungen in Syrien bombardiert hat, was ohne Hintergrundwissen zugegeben äusserst befremdlich ist. Dass dort feindliche Bündnisse stillschweigend und von der Welt ignoriert ganz praktisch darangehen, die endgültige Vernichtung eines Landes vorzubereiten, das ihnen erklärtermassen ein Dorn im Auge ist und dessen Eliminierung ihr höchstes Ziel ist, darüber wird nicht geredet.
In Israel fürchtet man mal wieder um die Existenz. Um die Existenz des einzigen Ortes auf der Welt, wo sich Juden sicher fühlen können.
Wer bereit ist, die Scheuklappen abzunehmen und sich zu informieren, der wird erkennen, dass diese Aussage nicht übertrieben ist.

An dieser Stelle zwei Empfehlungen für diejenigen, die daran interessiert sind, sich nicht mehr ausschließlich auf Schlagzeilen und von Algorithmen gesteuerte Suchergebnisse zu verlassen, sondern ihren Blickwinkel erweitern wollen.

Das Buch (leider noch nicht auf Deutsch übersetzt):
Industry of Lies – Media, Academia, and the Israeli-Arab Conflict“ von Ben-Dror Yemini

Die Sendung:
„Die verfolgte Religion – Antisemitismus in Europa“ – Internationaler Frühschoppen am 11.02.18

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Chouette

Der Moment war gekommen. Auch wenn ich mir die Kurzhaarfrisur bis zum Sommer aufspare, wenn ich hoffentlich wieder ein geregelte Einkommen haben werde, und die Haare wachsen lasse: Ich musste zum Friseur. Und: Es musste bald sein. Sofort eigentlich.
Ich guckte in den Spiegel, die Zahnbürste noch in der Hand und dachte: „Mein Gott!“
Mit Gott muss man im Allgemeinen zwar nicht laut kommunizieren – das ist ja das Geniale daran- aber diesmal … nichts.
Gott hat Wichtigeres zu tun, als sich um meine Haare zu kümmern, schon klar, ist ja gerade mal wieder viel los in der Welt. Ausserdem hat er sein Chefsein perfektioniert und keiner versteht sich so aufs Delegieren wie er. Haarige Angelegenheiten gehören nicht in sein Ressort. Dennoch machte ich, eher unbewusst, ein Reflex sozusagen, einen zweiten Versuch. „Mein Gott, muss ich jetzt wirklich hier zum Friseur, wo ich mich vielleicht nicht mal richtig verständigen kann und einer mir fremden Person auf Gedeih und Verderben ausgeliefert bin?“ Gott schwieg weiterhin, aber mein Spiegelbild, das sich anscheinend angesprochen fühlte, nickte mit ernster Miene: „So willst du nicht mehr unter die Leute.“
Ich tat es dann doch noch einmal, im Schlepptau den Humus, der übersetzte, weil die Friseuse leider kein Englisch konnte. Mir des doppelten Risikos bewusst – nicht nur musste der Humus, ein männliches Wesen, verstehen, was ich meinte, sondern dies auch der Friseuse klar machen – ergab ich mich fatalistisch in mein Schicksal und schickte ein letztes Stossgebet zum Himmel. Vielleicht hatte Gott ja doch einen Moment.
Der Humus entschwand alsbald meinen Blicken – er wollte wohl nicht Zeuge eines Gemetzels werden, an dem er eine gewisse Mitschuld trug – und ich harrte der Dinge.
„Po, po!“, sagte die streng drein blickende Friseuse und scheuchte mich in den hinteren Teil des Salons, um mir die Haare zu waschen. Mit gerunzelter Stirn fuhr sie mir mit den Händen durch die Haare und sprach dann die folgenden Worte, die mich sehr glücklich machten: „Vous parlez français?“ Nun ist mein Französisch zwar nicht über alle Zweifel erhaben, also gar nicht, aber bingo, wir konnten uns immerhin rudimentär verständigen.

Die Friseuse guckte nicht nur streng, sie war auch ziemlich streng, will meinen, nicht von der Sorte, die ihre Energie drauf verwenden, dass man sich besonders gut fühlt. Sie hatte einen Job zu machen und den erledigte sie jetzt.

Allerdings machte sie den saugut. Ich erkannte sofort: Sie wusste, was sie tat. Sie schnipselte nicht einfach ein bisschen hier und ein bisschen da, sondern drehte meinen Kopf energisch nach links und nach rechts und nach unten und nach hinten und nach oben und auf diese und auf jene Seite und dorthin und wenn ich nicht ganz still hielt, korrigierte sie sofort mit strenger Hand. Ich traute mich kaum noch zu atmen, um ihr nichts ins Werk zu pfuschen. Sie schnitt und schnitt und verglich und schnitt nochmals und ich kriegte es schon mit der Angst zu tun, aber am Ende sah es richtig gut aus.
So erfreut war ich über das Ergebnis, dass ich meinem Spiegelbild und der Friseuse zulächelte und sagte: „Je suis très heureuse.“ Und da war sie es auch und guckte plötzlich richtig freundlich drein und sagte: „Vous avez des cheveux beaux“, was mich noch glücklicher machte. Und dann gab sie mir ihre Karte. Fürs nächste Mal.
Und ja, wenn es sich machen lässt, werde ich wieder hingehen, denn so viele Komplimente wie in den vergangenen Stunden habe ich schon lange nicht mehr gekriegt.
Chouette!

 

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