Vom Zeit haben

„Könne Sie mir schnell helfen, den Kürbis hochzutragen?“ fragte der Kellner und grinste mich frech an. „Mach ich mit links“, gab ich lässig zur Antwort und blieb sitzen. Schliesslich hab ich den Arm in der Schiene. Das hat auch seine Vorteile: Man kommt ziemlich gut ins Gespräch mit den Leuten, nicht nur, wenn sie den Kuchen vor einen hinstellen und zweifelnd fragen: „Geht das denn?“ Der Kellner wieder. Wir verstanden uns bestens, wohl auch, weil ich nicht so gestresst war wie die anderen Gäste.
Ich habe Zeit und ich brauche Zeit, ein bisschen mehr als sonst, nicht nur zum Kuchen essen. Zum Glück konnte ich schon vor zweieinhalb Jahren üben mehrheitlich mit links zu agieren und einmal mehr zeigt sich: Gelernt ist gelernt.
Aufgrund der Erfahrung helfen natürlich gewisse Kniffs. Augenbrauen zupfen zum Beispiel muss vor dem Frühstück sein, denn nach zwei Tassen Kaffee ist die Hand zu unruhig. Und nein, danke der Nachfrage, darauf kann ich nicht ausnahmsweise mal verzichten; mit meiner angeborenen Monobraue danke ich Gott, dass ich nicht in Saudi-Arabien geboren wurde, wo das Augenbrauen Zupfen verboten ist (echt jetzt!!), und für mich nur eine Vollverschleierung in Frage käme.
Nur mit links essen geht mittlerweile leidlich, aber das ist schliesslich eine Frage des Überlebens. Sogar die Kontaktlinsen krieg ich mit links rein, und – fast noch wichtiger – auch wieder raus.
Einzig das Schreiben ist ein bisschen doof, wenn man die rechte Hand nicht brauchen kann, weil der Winkel des Arms einfach unmöglich ist. Trotzdem schreibe ich jetzt gerade beidhändig. Ich habe mich eigenmächtig der Schiene entledigt und passe auf, dass ich meinen Arm nicht verdrehe, was streng verboten ist. Dergestalt kann ich zumindest meinen physischen Schreibstil perfektionieren und die Bewegung in der rechten Hand aufs absolute Minimum, nämlich nur die Finger, beschränken. Wenn die Schiene jeweils zum Duschen weg kann, dann soll sie ruhig noch ein bisschen weg bleiben – mein in die Enge getriebener Arm lechzt nämlich nach Luft. Was für ein schönes Gefühl!
Da ich mir aber nicht zu sehr über den Weg traue und weil ich auch praktisch keine Schmerzen habe, muss die Schiene demnächst wieder an den Arm. Damit ich mich nicht vergesse. Sicher ist sicher. Auch diese Prozedur, nämlich die Schiene mit Hilfe mehrerer Binden wieder an Ort und Stelle zu wickeln, ist zeitaufwendig, weil:
Mach ich mit links.
Aber Zeit – die hab ich ja im Moment.

 

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5 Antworten zu Vom Zeit haben

  1. anneinsideoffice schreibt:

    Ich musste mir, als der Jüngste etwas 1 Jahr alt ist, notfallmässig eine Sehne, am rechten Daumen, operieren lassen.
    Der Handchirurg, zu welchem ich danach anfangs alle 2 Tage zur Kontrolle musste, grinste immer breit, wenn ich mit Buggy und 1-3 Kindern im Schlepptau ankam. Ich würde auf jeden Fall keine Physio brauchen um den Daumen wieder zu bewegen meinte er…denn Wickeln, Kinder an und ausziehen, Kochen, Auto fahren…wirklich nur mit der linken Hand ging das einfach nicht, der rechte Daumen war immer auch im Einsatz, dass sah der Arzt deutlich und war damit sehr zufrieden 😉

  2. Myriam schreibt:

    Ich fürchte, ich wäre so linkslastig völlig aufgeschmissen, was nicht nur in Sachen Augenbrauen schnell zu katastrophalen Zuständen führen würde – ich ziehe meinen Hut (mit rechts) vor deiner Flexibilität – und wünsche weiter gute Besserung 🙂

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