Viel für wenig Geld

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Das ungeliebte Kuvert flatterte just in dem Moment ins Haus, als ich aus dem Spital zurückkam, den rechten Arm verpackt in eine Gipsschiene. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich je wieder würde schreiben können und verwendete meine Energie darauf, die andere Gehirnhälfte fit zu machen um alltägliche Verrichtungen mit links zu besorgen, was mir, um ehrlich zu sein, vorher auch mit rechts nur sehr selten gelungen war

Da ich sowieso nicht viel für die Steuererklärung übrig habe, schien es mir angebracht, das Formular für einmal von jemand anderem ausfüllen zu lassen. War ich mir nicht sowieso beim letzten Mal, als ich mich nach langen Jahren erstmals wieder mit dem Papierkram hatte herumschlagen müssen, in einigen Punkten unsicher gewesen? Umso besser. Jetzt würde sich eine kompetente Person meiner Unterlagen annehmen und ich konnte wieder ruhigen Gewissens schlafen.

Im Internet stiess ich auf unzählige Anbieter der gewünschten Dienstleistung und entschied mich für einen, der mir aufgrund der Website und des Preises vernünftig erschien. Da alles auf dem Postweg und per Mailverkehr abgewickelt wurde, lag der Preis bei 80 Franken (Vorauszahlung) und damit im Durchschnitt der Angebote. Und hey – was sind schon 80 Franken in Anbetracht der Ersparnis von Zeit und Nerven?

Die Nerven muckten zwar kurz auf, als die Unterlagen auch eine Woche nach dem angekündigten Termin nicht eingetroffen waren, aber gut, selber ist man ab und zu auch im Stress und noch blieb ja genügend Zeit.

Ein Telefonat und weitere drei Tage später kam eine Mail mit dem ersehnten Anhang. Schön; ich war also keinem Betrüger auf den Leim gegangen.
Auf den ersten Blick war ich erfreut: Das steuerbare Einkommen lag weit unter demjenigen vom letzten Jahr. Es geht doch nicht über Professionalität.

Auf den zweiten Blick folgte dann die Ernüchterung: Trotz aller eingereichten Unterlagen war ein erheblicher Betrag vergessen – in den Augen der Steuerbehörde unterschlagen! – worden. Dafür war mein Vermögen auf wundersame Weise gewachsen, und auch wenn letzteres im Gegensatz zu ersterem steuertechnisch praktisch irrelevant ist, dünkte mich, es verfälsche das Bild.

Neugierig geworden, schlug ich mir die angebrochene Nacht um die Ohren, vertiefte mich, als ich auf weitere Unstimmigkeiten stiess, in die Wegleitung sowie Tipps aus dem Internet und holte meine letztjährige Steuererklärung hervor, um sie mit der aktuellen zu vergleichen. Um ein Uhr nachts wusste ich exakt, was ich letztes Jahr falsch gemacht hatte und hatte im Weiteren eine Liste vor mir mit Fehlern, die der Mann mit den profunden Kenntnissen (seine Worte) meiner Ansicht nach gemacht hatte.

Unser Telefonat war dann aber sehr nett. Er zeigte sich bestürzt über die Fehler, ich hatte Verständnis, weil ich selber STÄNDIG welche mache, und dreiviertel Stunden später entschuldigte ich mich für die übermässige Inanspruchnahme seiner wertvollen Zeit. Er wiederum versprach mir, die richtig ausgefüllten Formulare zu schicken; wir trennten die Leitung in tiefer Freundschaft

Was soll ich sagen? Nachdem auch die dritte Version, zumindest in meinen Augen, noch immer fehlerhaft war, schrieb ich ihm eine Mail – ich wählte meine Worte vorsichtig, denn Freunde will man nicht vor den Kopf stossen – , er möge mir doch wie versprochen meine Kopien zurückschicken, ich würde die Steuererklärung dann selber nochmals ausfüllen, so wie es mir richtig erschiene.

Leider habe ich seither nichts mehr von ihm gehört. Möglich, dass seine Professionalität durch mein laienhaftes Verhalten eine Beleidigung erfuhr, vielleicht steckt er auch noch bis zum Hals in Steuerklärungen, jedenfalls kopierte ich sämtliche Belege nochmals, füllte die Steuererklärung aus und warf alles zusammen mit jenem tiefen Gefühl der Befriedigung in den Briefkasten, das sich nur einstellt, wenn man die Steuererklärung ebendort hneinwirft. Ausgefüllt.

Und was die 80 Franken angeht, so steht für mich fest, dass sie es wert waren.
So klar habe ich noch nie durchgeblickt bei diesem ganzen Krempel.

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2 Antworten zu Viel für wenig Geld

  1. Erika Laufer schreibt:

    Auf meine Steuererklärung ist heute die definitive Berechnung eingetroffen. Viiiiel schlimmer! Und ich musste meinen Steuerberater auch schon mal korrigieren- Fehler passieren überall und wie du, habe ich dazu gelernt. Gute Besserung für deinen Arm. Liebe Grüße Erika

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