Süsser Trigger

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Mein Gedächtnis verfügt über seine eigenen Trigger.

Ein solcher kam gestern zum Zug, als mir die Physiotherapeutin, um mich abzulenken, von der Aufregung erzählte, die ihr Kleinkind kürzlich verursacht hatte. Es hatte einen Waschpulverwürfel in die Hände gekriegt, den wohl für Zucker gehalten (sein assoziatives Lernen scheint vielversprechend, kann aber noch optimiert werden) und ihn schnurstracks vertilgt.
Bis der diensthabende Vater zur Stelle war, schäumte das Kind bereits und das ist irgendwie lustig, denn meist ist es doch umgekehrt.
Bei der Erörterung der Ereignisse kam die Rede auf das Toxikologische Institut, und dieses nun, dieses war mein Trigger.

Als wär’s gestern gewesen, sehe ich das Fenster vor mir und mich graust es.

Vor einer halben Stunde bin ich nach Hause gekommen, es ist schon fast zehn Uhr abends, müde sitze ich mit etwas Aufgewärmtem und der Zeitung am Tisch. Nach den ersten Bissen kehren meine Lebensgeister zurück, meine Wahrnehmung auch, und beim nächsten Blick nach links läuft es mir kalt den Rücken hinunter: Das Fenster ist schwarz. Nicht nur die Glasflächen, die mich von der Dunkelheit trennen, sondern auch der sonst weisse Fensterrahmen. Hunderte, nein Tausende kleiner Fliegen krabbeln dort.
Kurz und mit anklagendem Blick taxiere ich den Blumentopf mit den wunderschönen Herbstastern, den ich tags zuvor, um ihn vor dem Erfrieren zu retten, in die Stube geholt habe und den ich jetzt in den sicheren Tod schicke. Mit steigendem Adrenalinlevel wühle ich fieberhaft im Schrank mit den Putzmitteln und stosse schliesslich auf eine Dose BIO KILL, in der ich meine Rettung sehe.
Für die Fliegen bedeutet es das Ende, auch wenn „Was ist ein Tag mehr oder weniger…“ nicht für sie gilt. Arme Viecher, allein: Das Stresshormon steht jetzt in voller Blüte, sch… auf Bio, ich mutiere zum Killer (also gut…Killerin …wir wollen auch hier politisch korrekt bleiben).

Eine halbe Stunde später ist die letzte Fliege gegrounded und entsorgt. Schon will ich mich erschöpft in den Sessel fallen lassen, da trifft sich mein Blick mit dem meiner Katze Mora, die – ihr Name ist Programm – schwarz ist. Befremdet mustert sie mich – „Was die Zweibeiner immer für ein Gedöns machen…“ und beginnt sich dann manierlich zu putzen. Das bringt mich auf einen verstörenden Gedanken. Hat sie nicht in der Fensterecke gelegen, als ich vorher am Tisch sass? Wohin wird sie die Fliegen tragen, die sich in ihrem schwarzen Fell niedergelassen haben?
Ohne zu zögern halte ich mit der Dose auf Mora und neble sie ebenfalls mit BIO KILL ein.

Nun muss man wissen, dass die Halbwertszeit von Adrenalin relativ gering ist.
Nach ein paar Minuten beginne ich mir Sorgen zu machen und mich zu fragen, was mit BIO KILL genau gemeint ist.
Wirkt das etwa auch gegen Katzen?!

Schon kräuselt sich der Hormonspiegel wieder und eine neue Hysteriewelle schwappt über mich. Habe ich unter Umständen meine geliebte Mitbewohnerin vergiftet?
Obwohl es mittlerweile fast elf ist, wählte ich die Nummer 145 (Toxikologisches Institut – merkt es euch, ihr Schweizer und Schweizerinnen) und tatsächlich nimmt am anderen Ende jemand ab.
Vermutlich bin ich sehr aufgeregt, vielleicht ist die Dame dort auch schon müde, jedenfalls ist die Kommunikation fehlerhaft und sie rät mir Folgendes: „Geben Sie ihr etwas Sirup zu trinken!“

Davon habe ich abgesehen, denn Mora hatte es nicht so mit Sirup und trug auch ohne keinen weiteren Schaden davon.
Die Waschpulverwürfelvertilgerin dagegen, die freute sich über den Sirup und ist so doch noch zu etwas Süssem gekommen.
Ganz schön clever, die Kleine!

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2 Antworten zu Süsser Trigger

  1. Flohnmobil schreibt:

    Es geht doch nichts über als Schoggi angeschriebene Schoggi – na, allenfalls noch als Osterhase getarnt.

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