Alles will man nun auch nicht wissen


Die Welt Das Tages Anzeiger Magazin ist wieder in Ordnung, Glück gehabt. Das letzte Heft war wie gehofft eine Sondernummer und die Redaktion entschuldigt sich im Editorial in aller Form mit der Beteuerung, das beliebte Kreuzworträtsel sei in der aktuellen Nummer wieder zu finden. Das ist mir eigentlich egal – das Leben ist mir Rätsel und Kreuz genug – aber ich stelle aufatmend fest, dass auch alles andere wieder zu finden ist.

So auch Michèle Roten, zu der ich eine Art Hass-Liebe hege. An anderer Stelle hat sich mein Co-Autor darüber empört, dass heute vor allem diejenigen eine Kolumne bekommen, deren Name bekannt ist. Trotz des bekannten Namens liegt der Fall hier anders, denn Michèle Roten kann göttlich schreiben: Erstklassige Reportagen, tolle Porträts und manchmal auch witzige Kolumnen. Dann wiederum schreibt sie solche, wo ich angewidert das soeben mit Liebe zubereitete Frühstücksbrötchen betrachte und denke: „Wer soll das jetzt essen?“ Skeptisch bin ich, wenn sie die Gelegenheit in Form eines Themas ergreift, um in eine frühkindlich anale Phase zurückfallen zu können. Oder wenn sie sich einigermassen lieblos über andere lustig macht. Wenn so wie heute beides zusammentrifft, dann greift bei mir das Brötchenmuster, siehe oben.

Heute hat sie sich über Leute mokiert, die für Kinder schreiben und auf die Schnelle ein eigenes Kinderbuch entworfen, getreu ihrer Auffassung, Kinderbücher sollten Spass machen und vorzugsweise mit Ausscheidungen zu tun haben, dann stünde dem Erfolg nicht im Wege.

Klar, auch ich kenne das Buch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“, das Kinder tatsächlich heiss lieben und ich finde es genial. Aber im Gegensatz zu Michèle Rotens Exkurs lebt das Buch von den Bildern, den witzigen Dialogen und der trotz des Themas allerliebsten Sprache. Da ist nämlich nicht wie bei M.R. die Rede von …ach, lassen wir’s … sondern von „runden Böhnchen“, „malzbonbonfarbenen Knöllchen“ und „braungrünen Fladen“. Es kommt halt schon ein bisschen drauf an, wer was ausscheidet.

Kinderbücher zu schreiben, gehört in meinen Augen übrigens zur Königsdisziplin. Während es bei einem erwachsenen Zielpublikum genügen mag, noch schnell ein paar Sexszenen einzustreuen, um die Auflage zu steigern, sind kleine Leser recht kritisch. Um ein Kinderbuch zu schreiben muss man mehr können als schreiben: Man muss sich in Kinder einfühlen können.

Eigentlich wollte ich von meinem Vorsatz, mich nicht mehr mit dem Tagimagi zu verlinken, abweichen. Schliesslich sind meine Besucherzahlen mittlerweile wieder empfindlich unter die Tausendergrenze gesunken und da hätte ich natürlich nichts gegen willkommene Laufkundschaft. Ich tu’s aber trotzdem nicht. Es würde den meisten nichts bringen. Die Artikel sind nämlich ab sofort nicht mehr gratis online verfügbar. Dafür sind sie als iPad-Version erhältlich. Das kostet natürlich dann etwas und damit wird klar:

Das letzte Tages Anzeiger Magazin hat sich nicht nur grosszügig mit dem Thema Stil befasst hat, es war leider auch das letzte grosszügige Exemplar. Schade.

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