Chouette

Der Moment war gekommen. Auch wenn ich mir die Kurzhaarfrisur bis zum Sommer aufspare, wenn ich hoffentlich wieder ein geregelte Einkommen haben werde, und die Haare wachsen lasse: Ich musste zum Friseur. Und: Es musste bald sein. Sofort eigentlich.
Ich guckte in den Spiegel, die Zahnbürste noch in der Hand und dachte: „Mein Gott!“
Mit Gott muss man im Allgemeinen zwar nicht laut kommunizieren – das ist ja das Geniale daran- aber diesmal … nichts.
Gott hat Wichtigeres zu tun, als sich um meine Haare zu kümmern, schon klar, ist ja gerade mal wieder viel los in der Welt. Ausserdem hat er sein Chefsein perfektioniert und keiner versteht sich so aufs Delegieren wie er. Haarige Angelegenheiten gehören nicht in sein Ressort. Dennoch machte ich, eher unbewusst, ein Reflex sozusagen, einen zweiten Versuch. „Mein Gott, muss ich jetzt wirklich hier zum Friseur, wo ich mich vielleicht nicht mal richtig verständigen kann und einer mir fremden Person auf Gedeih und Verderben ausgeliefert bin?“ Gott schwieg weiterhin, aber mein Spiegelbild, das sich anscheinend angesprochen fühlte, nickte mit ernster Miene: „So willst du nicht mehr unter die Leute.“
Ich tat es dann doch noch einmal, im Schlepptau den Humus, der übersetzte, weil die Friseuse leider kein Englisch konnte. Mir des doppelten Risikos bewusst – nicht nur musste der Humus, ein männliches Wesen, verstehen, was ich meinte, sondern dies auch der Friseuse klar machen – ergab ich mich fatalistisch in mein Schicksal und schickte ein letztes Stossgebet zum Himmel. Vielleicht hatte Gott ja doch einen Moment.
Der Humus entschwand alsbald meinen Blicken – er wollte wohl nicht Zeuge eines Gemetzels werden, an dem er eine gewisse Mitschuld trug – und ich harrte der Dinge.
„Po, po!“, sagte die streng drein blickende Friseuse und scheuchte mich in den hinteren Teil des Salons, um mir die Haare zu waschen. Mit gerunzelter Stirn fuhr sie mir mit den Händen durch die Haare und sprach dann die folgenden Worte, die mich sehr glücklich machten: „Vous parlez français?“ Nun ist mein Französisch zwar nicht über alle Zweifel erhaben, also gar nicht, aber bingo, wir konnten uns immerhin rudimentär verständigen.

Die Friseuse guckte nicht nur streng, sie war auch ziemlich streng, will meinen, nicht von der Sorte, die ihre Energie drauf verwenden, dass man sich besonders gut fühlt. Sie hatte einen Job zu machen und den erledigte sie jetzt.

Allerdings machte sie den saugut. Ich erkannte sofort: Sie wusste, was sie tat. Sie schnipselte nicht einfach ein bisschen hier und ein bisschen da, sondern drehte meinen Kopf energisch nach links und nach rechts und nach unten und nach hinten und nach oben und auf diese und auf jene Seite und dorthin und wenn ich nicht ganz still hielt, korrigierte sie sofort mit strenger Hand. Ich traute mich kaum noch zu atmen, um ihr nichts ins Werk zu pfuschen. Sie schnitt und schnitt und verglich und schnitt nochmals und ich kriegte es schon mit der Angst zu tun, aber am Ende sah es richtig gut aus.
So erfreut war ich über das Ergebnis, dass ich meinem Spiegelbild und der Friseuse zulächelte und sagte: „Je suis très heureuse.“ Und da war sie es auch und guckte plötzlich richtig freundlich drein und sagte: „Vous avez des cheveux beaux“, was mich noch glücklicher machte. Und dann gab sie mir ihre Karte. Fürs nächste Mal.
Und ja, wenn es sich machen lässt, werde ich wieder hingehen, denn so viele Komplimente wie in den vergangenen Stunden habe ich schon lange nicht mehr gekriegt.
Chouette!

 

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6 Antworten zu Chouette

  1. runningtom schreibt:

    Scheint ja im Ausland besser zu klappen als in der Schweiz.. mit der Verständigung.

  2. anneinsideoffice schreibt:

    Oui chouette! So Dinge machen glücklich!

  3. Yael Levy schreibt:

    Ich bin schon 30 Jahre da und habe den perfekten Friseur immer noch nicht gefunden! Ob es wohl an mir liegt?

    • schreibschaukel schreibt:

      Es ist ja immer dasselbe. Da hat man „ihn“ endlich gefunden, beginnt sich zu entspannen und zack – schon steht die nächste Katastrophe vor der Tür. C’est la vie… 😉
      Aber bei mir sah es vorher so schlimm aus, dass es nachher nur besser sein konnte.

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