Darf man?

Karfreitag, ein Tag der Kontemplation.
Zeit, mich auf die Schaukel zu setzten, bringe ich doch durchs Schreiben oft etwas Ordnung in meine Gedanken. Diese befinden sich selbst auf einer Schaukel, und da bin ich bestimmt nicht die Einzige – scheint doch grad alles wieder mal hopszugehen auf der Welt.

Was so natürlich nicht stimmt. Es passieren ständig schlimme Dinge auf unserem Planeten, nur kriegen wir sie häufig nicht mit, weil sie uns nicht interessieren. Weil sie weit weg sind. Weil sie nicht uns geschehen. Weil wir damit nichts zu tun haben.

Und jetzt ist plötzlich das böse Wort «Krieg» überall, weil er direkt vor unserer Haustüre stattfindet und weil immer mehr Flüchtlinge in unser Land kommen. Das Paradoxe  daran: Sie sehen nicht aus, als wären sie welche, überhaupt nicht. Sie wollen so gar nicht zu dem Bild passen, das wir bisher von ihnen hatten. Das uns von ihnen unterscheidet. Aufgrund dessen wir uns in unserem gemütlichen Gärtchen in Sicherheit wägen konnten. Unser ganzes Weltbild wurde während der letzten Wochen auf den Kopf gestellt, nicht nur durch die auf uns einhämmernden Schreckensnachrichten, sondern auch durch diese untypischen Flüchtlinge, wo man sich plötzlich bang fragen muss: Und wenn das jetzt mir passieren würde?

Was, bitte schön, spricht eigentlich dagegen?
Tja, da habe ich wohl das Recht, mich auf die Schaukel zu setzen, auch wenn Karfreitag ist und man sich da eher ruhig zu verhalten hätte.

Was mich aber wirklich beschäftigt, während ich so ein bisschen vor mich hinschaukle, ist nicht, warum die Welt so abgrundtief schlecht ist, sondern, warum es mir immer noch so gut geht. Mental, meine ich. Eigentlich müsste ich mich Zähne klappernd verkriechen, statt das Leben zu geniessen. Und doch: Wie herrlich ist das Leben gerade jetzt, wo wieder alles blüht, man sich wieder mit Freunden treffen kann, man im Restaurant draussen sitzen und bei einem feinen Essen das Bad in der Menge geniessen kann.
Darf ich das? Lachen, scherzen, singen, tanzen, geniessen, träumen, im Überfluss schwelgen, während andere gerade vor den Trümmern ihrer Existenz stehen und nicht wissen, wie IHR Leben weitergehen soll? Müsste ich nicht vor lauter Mitleid am Boden sein, statt einen frühlingshaften Höhenflug zu machen?

Ich finde: Ich darf. Mich des Lebens erfreuen, meine ich. Einerseits hilft es niemandem, wenn ich mich in einen Trauerkloss verwandle. Andererseits habe ich umso mehr die Verpflichtung, für mein Klasse Leben (das ich mir durch nichts verdient habe, sondern einfach grosses Schwein hatte, hier und in die Nachkriegszeit geboren worden zu sein, die wohl bestmögliche, wie ich in letzter Zeit oft denke) dankbar zu sein. Sehr, sehr dankbar zu sein. Es zu feiern. Solange das eben geht. Jeden einzelnen Tag.

Gut, habe ich das für mich klären können. Es geht doch nichts über ein bisschen zielloses Schaukeln.

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4 Antworten zu Darf man?

  1. faehrtensuche schreibt:

    Ich finde: Du darfst!

  2. Yael Levy schreibt:

    Liebe Schreibschaukel,
    Im Gegenteil, ich finde man sollte viel öfter einfach nur schaukeln und dabei weniger Zeitungen lesen und Nachrichten hören. Es ist leider gerade gar nicht einfach, sich des Glücks zu erfreuen, trotz aller Schreckensnachrichten um uns herum. Aber wie du schreibst – genau das sollten wir: Geniessen und sich einfach bewusst sein, dass wir mit jedem ruhigen und glücklichen Tag das grosse Los gezogen haben.

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