Von armen Menschen

Es ziept empfindlich, trotz der Schmerzkiller.
Immerhin beginne ich bereits die Tatsache zu geniessen, dass ich für die nächste Zeit mal an gar nichts denken muss, ausser meinen Fuss brav hochzulagern. Nada. Ein mentaler Reset sozusagen.
Im Spital fragte mich die fürsorgliche Pflegefachfrau noch, ob ich jemanden zum Herumkommandieren hätte. Und ja – hab ich. Macht sogar ein bisschen Spass, wie ich gestehen muss.

Überhaupt könnte man so eine Operation beinahe einem Wellness Treatment gleichsetzen, wenn man davon absieht, dass ich für meine Verhältnisse unmenschlich früh aufstehen musste. Das liegt nicht daran, dass alle wahnsinnig nett mit einem sind, was sonst ja nun nicht immer der Fall ist. Nein, ich vermute, sie mischen ins Narkosemittel auch noch etwas in der Art von Ecstasy. Ein bisschen irritierend ist es zwar, dass einem ein Stück Lebenszeit abhandenkommt – es ist, als wäre dieses Stück nie gewesen – aber taucht man nach einem gefühlten Wimpernschlag wieder auf, so kümmert einem das nicht. Alles ist warm. Alles ist weich. Alles ist gut. Alles ist liebevoll. Alles.

Das war auch gut so, sonst hätte ich mich womöglich über den Geschäftsmann in der Nachbarkoje aufgeregt, der sein Büro in Form seines Handys kurzerhand mit in die ambulante Tagesklinik genommen hatte. So, dass es die ganze Abteilung auch wirklich mitbekam, diskutierte er mit wechselnden Gesprächspartnern (alle auf Lautsprecher gestellt) über irgendwelche Powerpointpräsentationen – was auf welche Folie muss und wie viele es sein müssen und ob man nicht doch … – und zwar pausenlos. Lange Zeit. Wo ich mich doch einfach zu gerne diesem süssen, dösigen Afternarkoseschlummer hingegeben hätte. Ging aber nicht.

Aber eben. Sie mischen einem da was rein und man ist richtig gut drauf. Drum schrie ich auch nicht F…y.. nach drüben, sondern lächelte nur milde und ein wenig bedauernd in mich hinein und dachte mit mehr Nächstenliebe, als in dieser Situation angebracht gewesen wäre: Was für ein armer Mensch muss man sein, wenn man sich nicht mal für eine Operation eine kurze Pause gönnen kann.

Dieser Beitrag wurde unter dazwischen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Von armen Menschen

  1. anneinsideoffice schreibt:

    Erstmals gute Erholung! So laute wichtig Telefonierer gehen mir im Zug schon so auf den Wecker. Nach einer Operation hätte ich da wohl mit etwas nach dem geworfen. Das ist ja extrem rücksichtslos.

  2. Yael Levy schreibt:

    Gute Erholung, liebe Schreibschaukel! Schon mal schön, dass du dank der Operation Zeit (und Thema) für einen Blogbeitrag gefunden hast. Hoffentlich lassen die Schmerzen bald nach und du kannst die Auszeit und das Herumkommandieren geniessen. Ich bräuchte auch wieder einmal etwas Pause und mentales Reset, aber – keine Operation in Aussicht!

  3. schreibschaukel schreibt:

    Danke dir – es geht schon viel besser und ich hab Zeit zum Schreiben und auch für einen Blick durchs Fenster. Gut, dass bei dir keine OP ansteht, sonst müsste ich auf schöne Bilder vom frühmorgendlichen Laufen verzichten…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s