Traumjob ade

Und ich werde mal Stewardess! Die Augen unter dem zehnjährigen Lockenkopf strahlten Gewissheit aus: Das war der Plan.
Stewardess wurde sie dann nicht, was aber bloss an der stetigen Entwicklung des allgemeinen Sprachvokabulars lag, denn die Stewardess wurde zur Air Hostess und schliesslich zum Flight Attendant.
Wie auch immer, meine Freundin blieb auf Kurs und schwebte schliesslich auf Wolke sieben, denn in ihren ersten Jahren war ihre Arbeit das, was sie sich immer vorgestellt hatte: ihr Traumberuf.

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als sie zum ersten Mal in ihre Uniform schlüpfte. Der Zufall wollte es, dass ich aufgrund eines Ferienjobs im «Balsberg» war. Der Balsberg war die administrative Basis der Fluggesellschaft und selbst als temporäre Handlangerin übertrug sich der damalige Stolz der Belegschaft, zur Swissair Familie zu gehören, auch auf mich.  Und meine Freundin, die hier gerade ihre Ausbildung absolvierte, hatte nun ihr langersehntes Ziel erreicht, machte sich auf, die Welt zu erforschen und ich war sehr stolz auf sie.

Später war ich noch auf anderem Weg mit der Swissair Familie verbunden und als Frau eines Piloten – dessen Bekanntschaft, wie könnte es anders sein, ich meiner Freundin zu verdanken hatte – bekam ich den erst langsamen Niedergang und dann abrupten Chrash des schweizerischen Flaggschiffs hautnah mit.
Immerhin, so trösteten sich meine Freundin und mein Mann, hatten sie noch die «guten» Zeiten mitbekommen und einen Rucksack voll mit schönen Erinnerungen an unvergessliche Rotationen. Unvergesslich auch für mich der «Last Flight» meines Mannes, auf dem nebst anderen lieben Menschen natürlich auch meine Freundin dabei war und jeder Tag mit neuen Überraschungen aufwartete. Die Rotationen waren zwar schon deutlich kürzer geworden, aber da war es immer noch Sitte, den Angestellten bei solchen Gelegenheiten Wertschätzung entgegenzubringen und sich auch von der Firma aus für die langjährige Treue zu bedanken.

Es gingen weitere Jahre ins Land, meine Freundin, mittlerweile Maître de Cabine arbeitete immer noch und trotz der immer weniger attraktiven Bedingungen tat sie es nach wie vor mit Begeisterung. Ja, die Arbeit war mühsamer und ja, der Dank dafür kleiner geworden. Die Swissair Familie gab es schon lange nicht mehr, Flight Attendant war mittlerweile – vor allem für Neuankömmlinge – ein schlecht bezahlter Job, was sich teilweise auch im Commitment zeigte. Vielleicht lag es daran, dass meine Freundin trotz ihres fortgeschrittenen Alters viele Komplimente bekam, denn für sie war und blieb es mehr als ein Job und sie freute sich auf jeden Flug. Das, was sie schon immer fasziniert hatte, nämlich fremde Menschen und Länder kennen zu lernen, die Atmosphäre in einer weit entfernten Stadt zu schnuppern, in die dortige Kultur einzutauchen, das wollte sie sich nicht nehmen lassen. Auch wenn das hiess, da und dort auf Schlaf zu verzichten, weil die Aufenthalte so kurz geworden waren, dass es sich manchmal kaum lohnte, das Hotel noch zu verlassen.

Und dann kam Corona.
Eigentlich müsste meine Freundin jetzt sehr froh sein.
Im Gegensatz zu vielen anderen muss sie sich nicht mit Existenzängsten herumschlagen. Sie erhält ihre monatliche Pension und auch wenn diese etwas geringer ausfällt, weil meine Freundin nun zwei Jahre früher als geplant in Pension ging, reicht es noch. Trotzdem hadert sie und das hat viel damit zu tun, wie derzeit mit Menschen umgesprungen wird. 

Die Entscheidung, das Angebot der Frühpension zu nutzen, hatte in kürzester Zeit getroffen werden müssen und war meiner Freundin nicht leichtgefallen. Aber damit konnten Arbeitsplätze für Jüngere gesichert werden und die letzten Flüge bis Ende Februar würde sie noch ganz bewusste geniessen, hatte sie sich vorgenommen, und so von ihrem Traumberuf Abschied nehmen.
Aber dann kam alles anders.
In ihrem Einsatz waren die Flüge plötzlich gestrichen, ohne Mitteilung, und auf Anfrage beschied man ihr, es gäbe auch keine mehr. Kleines Trostpflaster: Eine unmittelbare Vorgesetzte schenkte ihr ein Schokoladenherz, das sie von ihrem eigenen Geld gekauft hatte und meinte, es falle ihr schwer, sie gehen zu lassen. Von der Firma aber: nichts. Weder einen Blumenstrauss noch eine Karte noch ein Dankeschön. Meine Freundin organisierte dann selber noch einen kleinen Abschied im «Ops-Zentrum», indem sie coronaconform vier Freundinnen zum Kaffee einlud – vor dem Kaffee Automaten.
Unmittelbar danach musste sie ihre Uniform abgeben und eine schnippische Angestellte hakte Stück für Stück auch die abgetragensten Teile ab, obwohl meine Freundin einzige der Nostalgie wegen gern das eine oder andere behalten hätte.

Und das nach vierzig Jahren, in denen sie soviel Herzblut in ihren Traumjob gesteckt hat, der heute für die meisten bloss noch eine schlecht bezahlte Beschäftigung ist.
Das ist bitter für meine Freundin und ihr ist gerade ein bisschen das Lachen vergangen. Ich hoffe – ich glaube! – sie wird es wieder finden. Es ist nämlich ein schönes und hat vierzig Jahre lang den Fluggästen ebenfalls ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

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