Hochzeit auf jüdisch

Wir sind dann zu einer Hochzeit eingeladen, hatte der Humus schon Wochen im Voraus verkündet. Bei mir hatten die Alarmglocken geschrillt. 

Hochzeit! Daran habe ich ein paar gemischte Erinnerungen. Zum Beispiel an diejenige meiner langjährigen Freundin, die mich als Brautführerin auserkoren hatte. Abgesehen von den vielen Vorbereitungen hatte ich mich sehr unwohl gefühlt in dem rosaroten Ballkleid, in dem ich für über zwölf Stunden gefangen war. 

Hochzeitsanlässe, zu denen ich bloss zum Apéro eingeladen war, die gingen ja noch, aber die anderen… na ja, es waren zum Glück nur so zwei oder drei und selber haben sich der Handyman und ich um so eine Tortur gedrückt.

Der Humus ist zwar älter als ich, aber nur daran kann es nicht liegen, dass er mindestens schon zu hundert Hochzeiten als geladener Gast war. Und das Seltsamste: Er freute sich sogar darauf.

?!?!?!?

Der Empfang zur Hochzeit begann um halb acht Uhr. Abends, wohlverstanden.
Du kannst ja einfach mal was anderes als Jeans anziehen, hatte der Humus geraten, und so kleidete ich mich in eine weite und bequeme schwarze Hose, womit ich im guten Mittelmass lag, denn von langen Kleidern bis zum Outdoor Look war alles vorhanden.

Wir stellten das Auto im Parkhaus eines Industriequartiers ab. Was für eine hässliche Gegend. Meine Neugier wuchs. 

Auf der anderen Strassenseite wurden wir durch einen Eingang gewinkt und dahinter – dahinter tat sich ein kleines Paradies auf: Ein schön bepflanzter und mit Kerzen und Lichtern geschmückter Garten, in dessen Ecke schon der Baldachin wartete, versetzte mich von null auf hundert in Feststimmung und ich wähnte mich in einer Geschichte von Tausend und einer Nacht. Dazu trug auch die teils orientalisch angehauchte Rockmusik bei, die neben bekannten Songs aus den Charts dominierte und zu der wir später tanzten.

Beim Empfang ging’s jetzt erstmal um die Begrüssung von Bekannten, speziell des Brautvaters, der uns eingeladen hatte, und das Deponieren unserer Karte mit Scheck (in Israel hat man üblicherweise ein Konto speziell für Hochzeiten…) und dann stürzten wir uns ins Vergnügen. Ringsum waren geschmückte Stände, von Fackeln beleuchtet, wo wir mit verschiedenen kulinarischen Häppchen und Getränken versorgt wurden. Pizza oder Schawarma oder Fisch oder Salate und jede Menge Cocktails … ich musste mich sehr zurückhalten, denn das war ja erst der Empfang…

Wie immer in Israel war es laut und fröhlich und natürlich fand die eigentliche Zeremonie später als geplant statt. Irgendwann hatten sich aber Familie und der Rabbi unter dem Baldachin, der „Chuppa“ in Position gebracht, die Brautleute – sie mit weissem Kleid –  wurden unter allgemeinem Applaus auch dorthin geführt und es ging los. 

Der Rabbi redete (man denke an Hochzeitspredigten hierzulande) nicht sehr lang und laut Humus hatte er Humor und machte auch den einen oder anderen Witz. Tatsächlich wurden seine Ausführungen auch immer wieder von Lachen, Jubeln und Klatschen unterbrochen.

Der Bräutigam überreichte seiner Frau schliesslich den Ehevertrag, die „Ktuba“, der fortan ihr Eigentum ist und bei dessen Nichterfüllung sie klagen kann. Ihr Mann verspricht ihr darin drei Dinge, nämlich Nahrung, Kleidung und Zeit. Und mit Zeit, liebe Leserinnen, ist ganz speziell auch sexuelle Zuwendung und Erfüllung gemeint, denn die spielt in der jüdischen Tradition keine untergeordnete Rolle. Auch das mit dem Ring gestaltet sich etwas anders als bei uns: Die Braut streckte ihren Zeigefinger hoch in die Luft und der Bräutigam steckte gut sichtbar für alle, während das Publikum einmal mehr jubelte, den Ring darauf und machte sie damit offiziell zu seiner Angetrauten. Schliesslich zertrat er noch das Glas zu seinen Füssen, was glücklicherweise auf Anhieb und ohne Kollateralschäden gelang und damit war die Zeremonie vorüber. 

Sie hatte gerade mal angenehme 15 Minuten gedauert.

Anschliessend verschoben wir uns in den Saal, wo für etwa zweihundert Leute gedeckt war. Eine eher kleine Hochzeit, wie der Humus meinte, bei dessen Kinder es etwas doppelt so viele gewesen waren.

Das Essen war ausgezeichnet, die herumwuselnden Kellner und Kellnerinnen, allesamt junge Leute, sehr aufmerksam und schon bald wurde vorne auch wild und lustig getanzt, die Braut immer mitten drin, so dass wir nicht anders konnten, als uns anzuschliessen.

Es war, auf den Punkt gebracht, eine tolle Party!
Ich hoffe, ich werde noch zu vielen Hochzeiten in Israel eingeladen.

IMG_4466.jpeg

IMG_4463.jpeg

Dieser Beitrag wurde unter auf abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Hochzeit auf jüdisch

  1. faehrtensuche schreibt:

    Super! 🙂
    Wäre es nicht schön, wenn es überall so ungezwungen/unkompliziert zuginge? …

  2. Inch schreibt:

    Oh, das klingt großartig. Hm, wie komme ich jetzt zu einer Hochzeit nach Israel?

  3. anneinsideoffice schreibt:

    Schön dass es trotz schlechter Vorahnung so toll war. Andere Länder, Kulturen feiern anders als wir Schweizer und das ist schön.

    • schreibschaukel schreibt:

      Der Blick über den Tellerrand ist immer schön.

      • anneinsideoffice schreibt:

        Wir lernen von anderen Kulturen, das sah ich sehr klar an meinen Kindern welche im Ausland ein Semester studierten bzw in Südafrika in einem Township Waisenkinder betreuten und der jüngste auf Fidschi in einem Hai Schutz Projekt. Alle 3 sind enorm daran gewachsen. Und ich selber und mein Mann sind mit Eltern aus anderen Ländern auch offen für viele Kulturen. Das hat uns nie geschadet.

  4. Yael Levy schreibt:

    Schön, dass es dir Spass gemacht hat! Bei Hochzeit Nr. 157 (der Nichte einer Arbeitskollegin) könntest du eventuell feststellen, dass es eigentlich immer dasselbe und ziemlich lärmig ist. Aber unkompliziert wiegt ja vieles wieder auf!
    Liebe Grüsse
    Yael

    • schreibschaukel schreibt:

      🙂 – das hab ich mir auch gedacht. Es haben sich auch einige nach der nötigen Anstandszeit verabschiedet…zumal es unter der Woche war. Aber auf über 100 werde ich eh nicht mehr kommen… nicht mal in Israel!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s