Schatten im Ferienidyll

Ich hab was im Auge. Seit Tagen schon. Es nervt gewaltig. So muss sich ein Tinnitus anfühlen, nur dass meiner visueller statt auditiver Natur ist.

Wie jedes Übel nahm auch dieses irgendwann seinen Anfang, und das war Freitagmorgen, in der Turnstunde. Eigentlich schon vorher, denn weil es der letzte Schultag war, hatten wir schon eine halbe Stunde früher abgemacht, damit die Zeit für ein Burgenvölkerball reichte, was sie sonst nie im Leben tut. Ein grosser Teil des Reizes dieses Spiels besteht darin, dass man den ganzen Geräteraum ausräumt, damit jede Mannschaft eine Festung errichten kann. Wenn die Sachen aus Platzgründen so akkurat verstaut sind wie in unserem, ist das schon ohne Zeitfaktor eine logistische Glanzleistung.

Die Aktion war grad in vollem Gange, als mir die schwankenden Markierungsstäbe auf ihrem rollenden Untersatz auffielen. Hoppla, das kann ins Auge gehen, dachte ich, und das tat es dann auch. In meins. Just in dem Moment nämlich, als ich das Risiko eliminieren wollte, indem ich das Gefährt aus der Gefahrenzone schob, rammte schon jemand den Mattenwagen hinein, worauf einer der Stäbe umfiel und ergo gegen mein linkes Auge prallte.

Bereits fünf Minuten später war alles wieder im grünen Bereich; die Linse lokalisiert und wieder an den richtigen Platz befördert, der Schmerz abgeklungen – alles paletti.
Die böse Überraschung kam drei Stunden später kurz vor Mittag, als plötzlich ein dunkler Schatten in meinem Auge hin und her zu huschen begann. Davon irritieret fragte ich in der benachbarten Apotheke über Mittag nach, was man davon halte. Das könne man doch sicher vernachlässigen, oder? Das gebe sich bestimmt wieder? Nein, könne man nicht. Das müsse unter fachkundige Augen, sofort, man wisse nie, die Netzhaut und so, hier – eine Telefonnummer wurde mir ausgehändigt – nehme man auch Notfälle, am besten solle ich mich da gleich melden.

Ich konnte für fünf Uhr einen Termin abmachen. Ging ich halt statt nach Hause, um für die Ferien zu packen, noch kurz in die Stadt zum Augenarzt, der sich an illustrer Adresse befand, nämlich am Bellevue. Dort war die Hölle los, denn Jonny Depp wurde erwartet. Er würde sogar, liess man mich wissen, an exakt dieser Tür, also der von der Augenarztpraxis, vorbeigehen, auf seinem Weg in die Kronenhalle. Das war mir gerade ziemlich egal. Erstens weil ich sowieso nichts mehr sah – aus aktuellem Anlass hatte ich meine Kontaklinsen entfernen müssen. Zweitens hatte ich immerhin kein Veilchen davongetragen und das sollte auch so bleiben. Drittens machte ich mir angesichts der grosszügigen Launch ein bisschen Sorgen wegen des Preises und beschloss, mich doch zu informieren, wie das an meiner neuen Arbeitsstelle mit der Unfallversicherung läuft. Obwohl es daselbst schon ein so langwieriger Vorgang ist, ein paar Bastelartikel abzurechnen, dass man sie lieber gleich selber bezahlt.

Wenig später beschied mir der vermeintliche Augenarzt – er war aber bloss ein Assistent? – dass meine Sehkraft noch ganz toll sei (zusammen mit den Korrekturlinsen, versteht sich). Und noch etwas später checkte eine Augenärztin meine Netzhaut und konnte fürs Erste Entwarnung geben. Zwei kleine Blutungen, ja, aber kein Loch. Das klang gut. Der Schatten habe etwas mit dem Glaskörper zu tun, der sich teilweise von der Netzhaut gelöst habe. Das passiere bei vielen irgendwann im Alter – wie bitte?! – aber bei mir sei dieser Prozess infolge des Schlags eventuell beschleunigt worden. Da könne man jetzt eigentlich grad nichts machen, aber in zwei Wochen müsse ich bitte unbedingt nochmals zur Kontrolle kommen, um die Netzhaut zu überprüfen.
Anschliessend wurde ich in die Ferien entlassen, allerdings mit der Auflage, mich innerhalb von 24 Stunden in einer Klinik zu melden, falls ich Blitze sehen würde, überhaupt nichts mehr sehen würde, oder es schwarze Russflöckchen schneien würde. Eigentlich rechne sie nicht damit, aber sie müsse mich halt aufklären, meinte die Ärztin begütigend.

Wenn sie gewusst hätte, dass sie eine hypochondrisch veranlagte Person vor sich hatte.

Meine Ferien werden im wahrsten Sinne des Wortes etwas getrübt von dem hartnäckig herumschwirrenden Schatten in meinem linken Auge. Leider ist mein Hirn noch nicht so weit, ihn einfach zu ignorieren. Statt dessen sehe ich immer wieder klitzekleine Russflöckchen und während ich mich noch frage, ob die jetzt meiner Einbildung zuzuschreiben sind oder dem italienischen Smog oder bloss dem Umstand, dass ich mir endlich mal wieder eine anständige Sonnenbrille leisten sollte, sind schon längst 24 Stunden vergangen und die Sache ist sowieso gelaufen.

Aber am Gardasee ist es schön. Sehr sogar.

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4 Antworten zu Schatten im Ferienidyll

  1. Anhora schreibt:

    Ich sehe auch ein kleines „Flimsele“ in einem Auge, vor allem wenn ich müde bin. Inzwischen hab ich mich dran gewöhnt …
    Viel Spaß noch am Gardasee!

  2. faehrtensuche schreibt:

    Deinem letzten Satz kann ich nur zustimmen. 🙂
    Ansonsten hoffe ich, dass sich alle Befürchtungen in „Luft auflösen“!
    Lieben Gruß!

    • schreibschaukel schreibt:

      Danke. Der Schatten wird sich leider nicht einfach in Luft auflösen, aber ich werd mich vermutlich mit der Zeit dran gewöhnen und ihn nicht mehr bewusst wahrnehmen. Man gewöhnt sich ja an vieles 😉 .

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