Imageprobleme

Ich bin offen zu dir, sagte die Kollegin: „Sie waren jetzt nicht so begeistert.“
Autsch.
Das sass und sorgte für ein, zwei schlaflose Nächte. Zu streng hatten mich die Kinder gefunden, als ich als Aushilfe an zwei Tagen die Klasse übernommen hatte. Das war gewesen, bevor ich mich für die Stelle, die kurz darauf ausgeschrieben wurde, beworben hatte. Wenn man als Aushilfe kommt, dann ist das Hauptziel (in meinen Augen) nicht, sich möglichst beliebt, sondern den Job zu machen. Was nicht immer ganz einfach ist. Und wenn die erste Frage lautet: „Kann ich du sagen?“, dann tut man gut daran, bestimmt aufzutreten, wenn man es gern anders hätte.

Trotzdem war ich alarmiert, um nicht zu sagen: betrübt.
Selber hatte ich die zwei Tage in guter Erinnerung, was mit ein Grund war, dass ich mir vorstellen konnte, auch langfristig dort zu arbeiten. Am Schulhaus, das altmodisch, zu klein und bar jeden technischen Komforts auskommen muss, mit Abstand meine ungünstigste Erfahrung in diesem Jahr, lag es nicht. Aber an der Arbeit an sich, am Team und an der Klasse – da hatte mein Bauchgefühl den Daumen hochgehalten.

Eigentlich bin ich doch gar nicht so streng (sagt mein inneres Ich)…aber soviel Selbstkritik muss sein, um das zu hinterfragen. Es ist ja nun so, dass mir die sogenannte natürliche Autorität abgeht. Auf den ersten Blick wirke ich ziemlich … äh … nett. Ich gehöre jedenfalls nicht zu denen, die sofort alle durchs blosse Eintreten ins Zimmer zum Schweigen bringen. Darum muss ich mich aktiv bemühen und schon möglich, vielleicht übertue ich mich dabei ja ab und zu. Ziemlich sicher sogar.

Um rund um die gegenseitige Sympathie wieder annähernd einen Gleichstand zu erzeugen, machte ich bald darauf einen Besuch bei der Klasse. Ich erzählte ein bisschen von mir und anschliessend durften sie mich alles fragen, was ihnen in den Sinn kam und ich bemühte mich, ehrlich zu antworten. Kinder mögen es nicht, wenn man um den heissen Brei herumredet. Selber tun sie das im Übrigen auch nicht.

Sind sie verheiratet?
Ja, schon, aber wir mein Mann und ich sind getrennt und wohnen nicht zusammen.
Wieso nicht?! (Unausgesprochene Frage: Waren Sie mit dem auch zu streng!?)

Haben Sie schon mal Kampfsport gemacht?
Ja, aber ich bin nur bis zum gelben Gurt gekommen; ihr braucht also keine Angst vor mir zu haben.

Letzte Woche ergab sich die günstige Gelegenheit, meine zukünftige Klasse auf die Schulreise zu begleiten. Wir waren vier Lehrpersonen – die zwei jetzigen und die zwei zukünftigen – und ich genoss den Tag sehr, zumal ich noch ganz unbeschwert, da nicht verantwortlich war. Während der Stunden, die wir zusammen unterwegs waren, ergab sich genügend Gelegenheit, erste Kontakte zu knüpfen, die Namen zu lernen und schon ein bisschen zu erahnen, wer wie tickt. 

Ich weiss nicht, ob mich die Kinder jetzt besser mögen. Ich weiss aber, dass ich sie mag. Und das ist ja schon die halbe Miete.

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5 Antworten zu Imageprobleme

  1. Anhora schreibt:

    Du hast vorab als Aushilfe gearbeitet in einer Schule, in der du bald als Lehrerin beginnen wirst, hab ich das richtig verstanden?
    Jedenfalls haben die Kinder – wenig überraschend – wohl sofort gemerkt, dass du dich verstellst. Aber beim ersten Kontakt mit fremden Menschen ist das doch normal. Leute mit einem Charisma, das ihnen auf Anhieb Zuneigung und Vertrauen beschert, sind nicht unbedingt die besseren Lehrkräfte oder was auch immer. (Es sind manchmal recht erfolgreiche Drücker oder Schlimmeres.)
    An deiner Stelle würde ich nur darüber nachdenken, wie du dir mit deiner netten 🙂 Art Respekt verschaffen kannst. Im privaten Leben gelingt dir das sicher auch, wenigstens hin und wieder. So machst du es dann, chakaa. 🙂

  2. Anhora schreibt:

    „Tschakka“ ist offenbar die richtige Schreibweise, ein „Ausruf zur Selbstmotivation“, sagt Google. In diesem Sinne! 🙂

  3. Yael Levy schreibt:

    Also ich hätte dich liebend gerne als Lehrerin! Und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du streng sein kannst, auch wenn du dich noch so sehr aktiv bemühst.

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