So oder so

In meiner Jugend lag ich oft in der Badi und las. Das tat ich damals nämlich am liebsten. Unter all den Schmökern die ich verschlang waren auch solche, in denen es um die Gründung Israels ging. In der brütenden Hitze war es nicht schwer, mich in die mutigen und tapferen Sabres hineinzuversetzen, die um das Land kämpften, das sie als ihre zukünftige und einzig mögliche Heimat ansahen – und nicht selten auch um ihr Leben. Dagegen sah meine Realität doch sehr anders aus. Schule, Schwimmtraining, hie und da noch etwas Zeitung austragen und sonst – in der Badi lesen. Ich weiss noch, dass ich mich dabei ein ganz kleines bisschen schämte. 

Die Gründer des Kibbuz Gescher waren kaum älter gewesen. Es waren Mitglieder einer jüdischen Jugendbewegung aus Palästina und deutsche Einwanderer, die 1939 auf dem von Edmond de Rothschild gekauften Gebiet an ihrer Zukunft bauten. Nicht ganz zehn Jahre Frieden (gemessen an den damaligen Massstäben zumindest…) waren ihnen vergönnt, bevor der Kibbuz im Unanbhängigkeitskrieg unter irakischen und jordanischen Beschuss kam.
Im kibbuzeigenen Bunker stehend und mit den zum Teil noch vorhandenen Einschusslöcher in den alten Gebäuden vor Augen, hatte ich ein Flashback zur Geschichte der Helden meiner Jugend.
Das hier war aber nicht bloss eine spannende Geschichte – das war die ehemalige Realität.

Wie muss es den Eltern zumute gewesen sein, als sie sich entscheiden mussten, wer blieb, um den Kibbuz zu verteidigen und wer mit den Kindern ging! Ein Elternteil ging mit, damit die Kinder nicht zu Waisen wurden, der andere blieb.
Die Kinder, 50 an der Zahl, wurden mitten in der Nacht evakuiert, da es tagsüber zu gefährlich war. Sie fanden Unterschlupf in einem leerstehenden französischen Kloster in der Nähe von Haifa, wo sie fast zwei Jahre lang lebten. Der Kibbuz fiel schliesslich und in nordwestlicher Richtung wurde später ein neues Kollektiv gegründet, das in den Neunizgerjahren jedoch zunehmender Privatisierung wich.

Nach dem Friedensvertrag mit Jordanien entstand auf dem ehemaligen Kibbuzgelände ein Museum zu Gesher und dem Wasserkraftwerk. Unter anderem sind dort zwei Filme zu sehen, die die geschichtlichen Ereignisse zusammenfassen.

Man vergisst immer wieder, dass im Zuge der Gründung Israels und den damit verbundendenen kriegierischen Auseinandersetzungen fast so viele Juden ihre Heimat verlassen mussten wie Palästinenser. Sie haben das Beste aus der Situation gemacht und sich woanders ein neues Leben aufgebaut. Für die palästinensischen Flüchtlinge war und ist das nicht vorgesehen. Ihre Anzahl hat sich mittlerweile versechsfacht hat, weil auch Kinder und Kindeskinder den Anspruch geltend machen, auf „ihr“ Land zurückzukehren. 


Ein Unikum in der Weltgeschichte.

Für mich war es seltsam, an der Grenze zu stehen. Sie wird von jordanischen Soldaten von einem nahen Turm aus bewacht und da ich mir dachte, dass die bestimmt einen Feldstecher haben, winkte ich ihnen freundlich zu. Schliesslich bewachen sie die Grenze für beide Seiten, wie uns die Führerin lächelnd erklärte. 

 

IMG_2972Dank der Tafel auf der rechten Seite kommen auch chinesische Touristen nicht auf die Idee, über den Zaun zu klettern.

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