Friedliche Wohnstätte

Anders als bei meiner Ankunft, als eine Hitzewelle übers Land hinwegfegte, herrschen derzeit frühlingshafte 26 bis 28 Grad. Die vergleichsweise angenehmen Temperaturen lassen trotz ferienbedingter Faulheit Exkursionen zu und zu sehen gibt es viel in Israel, dem Land, das so viel mehr zu bieten hat als unschöne Schlagzeilen.
Über ein paar von ihnen berichte ich hier in lockerer Folge und wie immer aus persönlicher Sicht.

Jerusalem, die eindrückliche und aufgrund eines Gesetzes ausschliesslich aus Kalkstein erbaute Stadt, ist immer wieder einen Besuch wert. Diesmal sahen wir uns die Altstadt aber nicht von innen sondern von aussen an, denn von Mishkenot Sha’ananim aus hat man einen herrlichen Blick darauf.
Mishkenot Sha’ananim ist das älteste Quartier ausserhalb der Stadtmauern, wodurch es seinem Namen (friedliche Wohnstätte) nicht immer gerecht wurde. Der englische Sir Moses Montefiori erbaute hier ums Jahr 1860 hier eine Siedlung für arme Juden. Da ausserhalb der Stadtmauern ein rauer Wind herrschte und man vor Überfällen nur schlecht geschützt war wurden die Einwohner zum Teil dafür bezahlt, dass sie in die Häuser einzogen, obwohl diese im Vergleich zur Altstadt luxuriös waren. Montefiori erbaute auch eine Windmühle zur Selbstversorgung der Einwohner um die sich zahlreiche Legenden ranken. Von arabischen Arbeitern soll sie mit einem Fluch belegt worden sei, zuwenig Wind hätte es gehabt und das lokale Getreide sei für die englische Mühle zu hart gewesen. Tatsächlich aber war die Mühle 20 Jahre in Betrieb und leistete gute Dienste.

Nachdem 1948 die Arabische Liga die Altstadt Jerusalems eingenommen hatte, wurde Mishkenot Sha’Ananim zum Niemandsland und schliesslich zum Slum, in dem nur noch wenige Juden lebten, da sie dort ihres Lebens nicht mehr sicher waren, jordanischer Scharfschützen wegen.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 kam die Siedlung zusammen mit der Altstadt und Ostjerusalem unter israelische Herrschaft und wurde 1973 renoviert.
Neben Gasthäusern für Kunstschaffende aus aller Welt finden sich auf dem Gebiet auch ein Kongress- und Kulturzentrum sowie das Jerusalem Musik-Zentrum. Die malerischen Gässchen mit den blumengeschmückten Häusern und der grosszügige Park drum herum machen den Besuch nicht zuletzt auch der restaurierten Windmühle wegen zu einem beliebten Ziel für Brautpaare, die hier den vermeintlich schönsten Tag ihres Lebens dokumentieren. Mindestens sechs verschiedene samt Entourage konnten wir bei unserem Besuch beobachten und hören, denn je nach Herkunft wurde die Szene auch musikalische aufs Schönste untermalt, während die Braut möglichst fotogen posierte.

Mich erinnerte die idyllische Siedlung einmal mehr an Südfrankreich, nicht zuletzt der verschiedenen der südlichen Vegetation geschuldeten Bäume wegen die sie zieren. Wäre ich nicht eine Gelegenheitsbloggerin, sondern eine anerkannte Schriftstellerin, so hätte ich mich für eins der putzigen Gasthäuser beworben und während eines halben Jahres meinen nächsten Bestseller geschrieben. Vermutlich irgendwas mit einer Hochzeit am Schluss. So aber verabschiedeten wir uns wieder von der Idylle und machten uns auf den Weg zum grossen Markt von Jerusalem.

Mishkenot Sha’ananim – wahrlich eine friedliche Wohnstätte. Möge sie es bleiben.

 

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