Erholung tut not

Mir als erklärtem Angsthasen wird man es nachsehen, dass ich mich in den vergangenen Wochen, wo sich die Lage in Israel mal wieder zuspitzte, leise fragte, ob es sinnvoll sei, ausgerechnet dahin zu fliegen, wo – man möge mir die saloppe Formulierung verzeihen, aber es ist DIE Gelegenheit, sie endlich mal zu gebrauchen – die Kacke am Dampfen ist.

Meinen Überlegungen ein Ende gemacht hat einmal mehr der unerschütterliche und weise Pragmatismus des Twenagers, der fand: „Es ist doch ganz einfach. So lange das EDA nicht explizit davon abrät, fliegst du, und sonst lässt du es bleiben. Passieren kann schliesslich überall was.“

Zusätzlich zur dergestalt schlüssig gelösten Frage kommt mein wachsendes Unbehagen im Zusammenhang mit der hiesigen Berichterstattung, von der ich mich kurzzeitig zu erholen gedenke. Und da verspreche ich mir eine Verschnaufpause, in der ich meine etwas durchgeschüttelten Emotionen wieder in den Griff kriegen könnte.
Nicht, weil im Land selber mit Kritik am Vorgehen der Streitkräfte an der Grenze über den Berg gehalten würde (in keinem anderen Land wird mit solcher Inbrunst diskutiert, gestritten und über die eigene Regierung hergezogen), sondern der rührend naiven Unwissenheit der Einwohner Israels wegen, die keine Ahnung davon zu haben scheinen, wie feindselig man ihnen in der Welt tatsächlich gegenübersteht und die in Gesprächen solche Einwürfe mit einer Handbewegung als absurd und masslos übertrieben abtun.

Wenn sie wüssten!

Obwohl es ja tatsächlich absurd erscheint.
Dass wir, deren Ärgerbarometer schon empfindlich steigt, wenn der Ast vom Nachbar über unseren Zaun hängt, einem Land das Recht absprechen, seine Grenze zu verteidigen und seine Einwohner zu schützen.
Dass die ganze Welt auf die perfide Machenschaften der Hamas hereinfällt, für die das Befinden der Einwohner Gazas ganz unten auf der Prioritätenliste steht.

Doch, mir tun die toten Menschen aus Gaza leid, und – dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen – die meisten Isreali sind sehr betroffen deswegen. Sie tun mir selbst dann leid, wenn es sich bei einem grossen Teil von ihnen, wie von der Hamas selber reklamiert, um Mitglieder einer terroristischen Organisation handelt. Eigentlich tun sie mir deswegen erst recht leid. Sie hatten das Pech, in einer Ecke der Welt geboren zu werden, wo sie von Kindheit an mit Hass genährt wurden und ihnen die Pflicht auferlegt wurde, diesen Hass höher zu gewichten als ihr eigenes Leben und das ihrer Nächsten.

Es gibt sie auch, die Artikel und Videos abseits des Mainstreams, die aufzeigen, dass die Sache nicht so einfach ist, wie man sie gern hätte. Aber wer interessiert sich für sie? Die Meinungen sind gemacht und nie wurde mir das klarer als in dem Moment, als ich das Interview mit dem israelischen Botschafter in 10 vor 10 sah. In meinen Augen war das kein Interview, sondern ein Kreuzverhör, und da konnte der Botschafter sagen, was er wollte, er lief ins offene Messer und nachträglich unterstellte man ihm Arroganz und Kaltschnäuzigkeit. Auch Berichte wie dieser hier werden nichts nützen – auch er wird ziemlich sicher zerpflückt werden und sich als Bumerang erweisen.

Von all dem erhole mich jetzt eine Weile und gehe dahin, wo man sich das schlicht nicht vorstellen kann. Wo man, so naiv es auch sein mag, davon ausgeht, ein Recht darauf zu haben, seine Existenz und sein Leben verteidigen zu dürfen.

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8 Antworten zu Erholung tut not

  1. faehrtensuche schreibt:

    Danke! Trifft genau!

  2. faehrtensuche schreibt:

    Ein kleiner Nachtrag von mir: Ich kann mich nirgends besser erholen als in Israel. Da bekommt die Seele Nahrung! 🙂
    Schön, dass du dich nicht abschrecken lässt. Passieren kann wirklich überall was.

  3. Yael Levy schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich finde keine Worte mehr zu diesem Thema. Die Diskrepanz zwischen dem wirklichen Geschehen hier und den Medienberichten in Europa ist zum Himmel schreiend.
    Ich kann nicht sagen, dass die Situation von hier aus sehr rosig aussieht, aber etwas Erholung von den schlauen Besserwissern in Europa ist dir gewiss.

  4. ernstblumenstein schreibt:

    Es ist auch ein schwieriges Thema und meiner Meinung nach tragen beide Seiten zum Istzustand bei.

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