Gleitende Sicht

Seit zwei Tagen ist sie in meinem Besitz und diesmal ist die Voraussetzung gegeben, dass ich mich längerfristig daran gewöhnen kann oder muss. Wenn die keine anderen Probleme hat, mag man jetzt denken, wo andere nicht mal den nächsten Tag sehen, aber die eigene Nasenspitze ist einem halt schon am nächsten und darauf sitzt sie nun mal. Die Brille.
Beim ersten Mal, merkte ich ziemlich schnell, dass das so nichts wird. Mit gesenktem Kopf durchs Leben gehen? Von den Komplikationen bei einem allfälligen Auffahrunfall – auch das Autofahren verlangte eine höchst unnatürliche Haltung – ganz zu schweigen.
Als ich mit diesem Anliegen schon zwei Tage später wieder im Geschäft stand, wollte man mir zuerst nicht glauben, lenkte nach genauer Abklärung allerdings ein: „Doch, bei Ihnen muss die Grenze zwischen Fern- und Nahsicht etwas weiter hinunter.“ Das fand ich auch und so liess ich die Brille frohen Mutes dort. Zwei weitere Wochen gingen ins Land, aber dann war meine Brille zur Abholung bereit.
Diesmal war ich so unvorsichtig, keine Ersatzbrille mitzunehmen und meine Tageslinsen blöderweise zu früh zu entsorgen. Als ich die Brille aufsetzte sah ich nämlich gar nichts. Ich konnte den Kopf heben und senken und drehen wie ich wollte, alles verschwamm vor meinen Augen. Nach langem hin und her stolperten wir zufälligerweise übers Kernproblem: Aufgrund eines Schreibfehlers waren die Gläser eine Dioptrie zu stark.
Glücklicherweise bekam ich ein Paar Tageslinsen geschenkt, so dass ich den Heimweg wieder fand, bevor es Nacht wurde.
Kurze Zeit später bekam ich einen sehr netten Brief, den ich aufgrund der aktuellen Umstände nicht zu beantworten vermochte. Ob ich mit meiner Brille zufrieden sei? Ob ich mich schon daran gewöhnt hätte? Zum Glück war keine Eile vonnöten und so fiel es mir leicht, mich weiterhin in Geduld zu üben, wiederum zwei Wochen. (Es gibt wohl ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Brille nicht vorher ausgeliefert werden darf. Vorfreude und so.)

Und jetzt hab ich sie. Dass ich den Kopf beim Lesen etwas anheben muss, habe ich mir selbst zuzuschreiben, das Leben besteht nun mal aus Kompromissen. Wenigstens kann ich durch die Stadt gehen, ohne dass mir schlecht wird, weil bei jedem Schritt die Grenzen zwischen nah und fern verschwimmen.
Ich könnte mich daran gewöhnen.
Vielleicht.
Ich hab ja ein paar Wochen Zeit dazu laut Vertrag. In der Annahme, dass die letzten sechs nicht angerechnet werden, nehme ich mir die auch.

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2 Antworten zu Gleitende Sicht

  1. notiznagel schreibt:

    Schon doof, das die Optiker bei Gleitsichtgläsern auch noch zwischen Alltags- und Arbeitsbrillen unterscheiden. Mit meiner Brille für die Arbeit komme ich ganz gut im Alltag zurecht. Keine Genickstarre oder so.
    Gutes Angewöhnen wünscht Müller

  2. schreibschaukel schreibt:

    Genau. Fürs Schreiben am Compi ist meine nicht ideal. Ja nu. Ich versuch mich zu gewöhnen, greife aber noch gern auf die Linsen zurück, die für mich weiterhin praktischer sind. Und es soll ja auch ja auch multifokale geben…

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