Die vermeintliche Wahl

Meine Kurzsichtigkeit wurde bereits in jungen Jahren zum Problem, als sich nämlich herausstellte, dass ich nicht bis zur Tafel sehen konnte. Das war in der 1. Klasse, als meine berufliche Karriere noch vielversprechend erschien, womit mein Schicksal der Brillenschlange besiegelt war.

Brille tragen war damals noch nicht hip.

Abgesehen davon, dass nur ziemlich bescheuerte Modelle auf dem Markt waren, was zusammen mit dem von meiner Mutter eigenhändig angefertigten Haarschnitt zu einem optisch unerfreulichen Ergebnis führte, neigte das unerwünschte Ding auf meiner Nase dazu, in regelmässigen Abständen kaputtzugehen, was mich anfänglich noch freute, mit zunehmender Verschlechterung meiner Sehstärke aber nervte.

Nachdem mehr als eine Dekade meines jungen Lebens dergestalt überschattet worden war, erstand ich von meinem allerersten Lohn, in dreiwöchiger Arbeit während der Sommerferien erworben, die lange ersehnten Kontaktlinsen. Damit begann eine neue und vielversprechende Ära, die gewisse Parallelen zu einem bekannten Märchen aufweist, zumal ich meine Mutter jetzt auch nicht mehr an meine Haare liess. In der Folge erstarkte mein etwas angeknackstes Selbstwertgefühl, ich eroberte das Herz des begehrtesten Jungen im Verein und obwohl wir nicht bis heute glücklich und zufrieden zusammen leben, weil er sich nach dreieinhalb Jahren in eine andere verguckte, die noch längere Haare hatte und nicht auf eine Sehhilfe angewiesen war, was vor allem beim Campieren viel praktischer ist, nahm mein Leben von da an einen recht günstigen Verlauf.

Nun wird man aber ja älter, und mit einem die Augen, die je länger je mehr zicken. Daran kommen auch Kurzsichtige nicht vorbei, obwohl sie einen Vorteil haben, nämlich die Wahl, die Brille immer abzusetzen, wenn sie etwas lesen möchten oder aber umgekehrt eine Lesebrille aufzusetzen. Kontaktlinsen oder Brille, auf- oder absetzen – man darf es sich aussuchen und das ist dann etwa so viel wert wie das mit dem freien Willen, der ja irgendwie doch auch recht fremdgesteuert ist.

Bis anhin habe ich mich fürs Aufsetzen entschieden, was faktisch aber auch eher ein „Absetzen“ war, weil ich, vor allem in der Schule, die Lesebrille in ihrer Doppelfunktion als Haarreif favorisiere.
Trotz der Tarnung als modisches Accessoire wurde das ewige auf und ab aber etwas mühsam und führte zu nervösen Zuckungen, was im Schulunterricht nicht so gut ankommt, weil da sonst schon genügend Unruhe vorhanden ist.

Ich fasste mir also ein Herz und startete das Unternehmen Gleitsichtbrille. Heutzutage sind Brillen in, ja, es gibt sogar Leute, die eine mit Fenstergläsern tragen, einfach weil sie sich damit besser gefallen. Das kann ich mir zwar nicht vorstellen – zu tief sitzt das Trauma meiner Jugendjahre – aber der Humus hat mir glaubhaft versichert, es würde ihn nicht stören, wenn ich etwas intelligenter aussähe, als ich bin.

Das Unternehmen ist bereits in vollem Gange, seit Wochen, wie ich zu meinem Leidwesen anfügen muss, aber das ist eine andere Geschichte und für einen anderen Post bestimmt.

Demnächst in diesem Blog.

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5 Antworten zu Die vermeintliche Wahl

  1. notiznagel schreibt:

    Geduld liebe Schreibschaukel.
    Die Geschichten mit Sehhilfen kenn ich bestens und mit der gleitenden Sichtweise komme ich inzwischen zurecht. Es dauerte jedoch eine Längere-Weile.

    • schreibschaukel schreibt:

      Für einmal, lieber Herr Notiznagel, liegt’s nicht an meiner Geduld. Also jedenfalls nicht so wie Sie meinen… . Ich hab die Brille nämlich noch gar nicht. Das dauert und dauert und…mal sehen, ob es in diesem Leben noch klappt!

      • notiznagel schreibt:

        Laut Werbung gibt es nur den schnellen Kundenservice. Wie schnell oder gut ist Interpretationssache. Im zweiten Leben werden wir Uhu’s. Die brauchen nicht einmal ein Nachtsichtgerät. 😉

  2. Flohnmobil schreibt:

    Hat das neue Nasenvelo schon einen Platten bevor es recht in Fahrt kommt?

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