Erfahrungen sammeln

Dreimal habe ich mir einen Schubs gegeben während der letzten zwei Wochen und auch wenn es objektiv gesehen nicht eine grosse Menge an Arbeit war, weil zwei der Einsätze ganz kurz waren, so hat mich das doch weitergebracht. Ich kann mir jetzt vorstellen, fürs kommende halbe Jahr gewinnbringend als Stellvertretung zu arbeiten. Damit meine ich weniger den finanziellen Aspekt, obwohl der natürlich auch eine Rolle spielt – zum Glück, sonst hätte ich mich gar nicht mehr aus meiner Höhle getraut – sondern den beruflich erfahrungsmässigen.

Wer ab und zu ins kalte Wasser springt, weiss, was ich meine. Der erste Schock wird abgelöst von der Erkenntnis, jetzt einfach schwimmen zu müssen, und wenn man wieder am Trockenen ist, wird einem nach einer angemessenen Fröstelphase wohlig warm.

Obwohl ich noch weit davon entfernt bin, mir eine gewisse Routine angeeignet zu haben, fuhr ich gestern schon deutlich entspannter ins Unbekannte als beim ersten Mal. Am Tag zuvor in einem ganz kleinen, steuerte ich nun mit Hilfe meines Navigationsgerätes das grösste Mittelstufen Schulhaus des Kantons an. Es war noch dunkel, als ich ankam und ich mich zum entsprechenden Zimmer durchfragte, das mir eine Kollegin aufschloss. Dort blieb ich dann, weil ich mich sonst verlaufen hätte, im Bemühen, mich auf die kommenden Stunden vorzubereiten.
Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man weiss, dass gleich 23 Kinder das Zimmer fluten werden, die man nicht kennt, in einer Umgebung, die einem neu ist, in einem Setting, das man von einer fremden Person übernimmt, mit der man bloss kurz telefoniert hat.

Spannend ist es, und auch ein bisschen Angst einflössend, aber Bluffen ist alles in so einer Situation. Das Schöne ist, dass alle rundherum ziemlich froh sind, dass man da ist. Na ja, die Kinder hätten wohl lieber frei, aber das liegt heutzutage nicht mehr drin, und so nimmt man zumindest den Kollegen die Last ab, sich um die verwaiste Klasse kümmern zu müssen.

Gestern war es nicht immer ganz einfach; ich musste mir meinen Lohn verdienen. „Das ist jetzt wohl eine normale heutige Klasse“, dachte ich, als es 12 Uhr und ich schon ziemlich geschafft war. Im Lehrerzimmer wurde ich dann aber mitfühlend gefragt, wie es gelaufen sei – ich hätte eine schwierige Klasse erwischt. Obwohl das meinen Puls im Hinblick auf den kommenden Nachmittag noch ein bisschen erhöhte (Nichtwissen kann auch von Vorteil sein), tat mir das auch wieder gut. So schlecht hatte ich mich wohl nicht gehalten.

Nur schon bei diesen drei Vikariaten habe ich die verschiedensten Erfahrungen gemacht, die unterschiedlichsten Menschen angetroffen, drei ganz verschiedene Schulhäuser gesehen. Ja, es ist mit grosser Unsicherheit verbunden, und ja, ich schlafe nicht besonders gut, bevor ich mich am Morgen auf den Weg mache. Aber es bringt auch wieder Schwung in mein etwas sehr bequem gewordenes Leben, es fordert mich, und nicht zuletzt bringt es mir, neben einigen unangenehmen Situationen, auch erhebende Momente. Das anfänglich trotzige Mädchen, das sich am letzten Tag schwer damit tut, endlich zu gehen. Der Rotzlümmel, der lautstark verkündet, das Fach Religion und Kultur hasse er und er hätte seine Unti-Lehrerin schon zum Heulen gebracht, im Fall, der dann aber erstaunlich gut mitmacht. Die Team-Teacherin, die findet, ich hätte es angesichts der Umstände nicht schlecht gemacht. Und – ich muss bei der Erinnerung wieder lächeln – der junge Kollege, der findet, ich würde auch ins Schulhaus passen, ich hätte eine gute Aura.

Sie alle haben meine Schokoladenseite kennengelernt, denn nur die ist man gewillt zu zeigen bei einem beschränkten Einsatz. Aber dass ich einige Male ziemlich unprofessionell war, weiss ich selber und auch, dass meine Aura noch grosses Verbesserungspotential birgt.
Also freue ich mich über die willkommene Bestätigung und arbeite weiter an mir und meiner Aura.
Im nächsten Jahr werde ich hoffentlich noch viele weitere Erfahrungen sammeln, gute und vielleicht auch weniger gute, und am Schluss im besten Fall wissen, was ich für die Zukunft will und was nicht und einen für mich passenden Platz finden.

Wichtig ist, um es einmal mehr zu erwähnen, dass die Schaukel nicht still steht.

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Gilt auch umgekehrt!

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2 Antworten zu Erfahrungen sammeln

  1. anneinsideoffice schreibt:

    Ja, wechseln hilft Kompetenzen aufzubauen. Ich habe als Freelancerin 10 Jahre lang immer nur zwischen 1-2 Jahre lang in der gleichen Firma gearbeitet und dabei enorm viel gelernt. Ich arbeitete mich von mal zu mal schneller ein und wusste, worauf ich achten muss.
    Das hilft mir auch jetzt, beim Wechsel innerhalb der Bank noch. Klar sind es bei dir andere Herausforderungen, aber ich denke du lernst enorm viel dabei. Daraus kannst du dann noch lange schöpfen.

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