Angst essen Seele auf

Ohne den Film selber gesehen zu haben kam mir dieser Titel heute in den Sinn und das hat natürlich seine Gründe.

Ich hätte darauf vorbereitet sein müssen, hätte ich mich selber ein bisschen ernster genommen. Der Wetterwechsel, die graue Hochnebel Decke und die unangenehme Kälte hatten bereits ein Novembertief vorausgeschickt, ein Zustand, der mir nicht ganz unbekannt ist. Ich mag diesen November nicht. Zu frostig. Zu düster. Zu feucht. Der Sommer noch zu wenig lange her als dass man sich bereits auf seine Rückkehr freuen könnte und die Weihnachtslichter noch nicht in Betrieb.
Dieses Jahr wird das richtig fein, hatte ich gedacht, wenn ich nicht arbeiten will, muss ich nicht, schliesslich hab ich mir ein Semester Pause verschrieben. Dann kann ich gemütlich zu Hause sitzen und schreiben oder all die anderen Dinge tun, die mir so viel Freude bereiten.
Irrtum – die Rechnung ist nicht aufgegangen.
Das erwähnte Novembertief streckte seine langen Finger nach mir aus. Ich schreibe wenig bis nichts und vermisse je länger je mehr meine ehemaligen Kollegen. Ist eben doch schön, wenn man irgendwo dazu gehört.
Analytisch korrekt folgerte ich, es sei an der Zeit, aktiv zu werden und mich nach Jobs umzusehen. Das war dann irgendwie auch einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte – Lehrpersonen sind tatsächlich immer noch gesucht – und so steht Mitte nächster Woche mein erster Einsatz als Aushilfe bevor.

Aber.
Jetzt, wo es ernst wird, ist direkt nach der ersten Euphorie eine Welle der Angst über mich hinweg geschwappt. Ich habe einen Heidenrespekt davor, in ein fremdes Schulhaus zu gehen, in eine mir unbekannte Klasse. Auch wenn es nur für ein paar Tage ist. Werde ich überhaupt in der Lage sein, eine fremde Klasse zu führen, so ganz allein, ohne mein ehemaliges Team im Rücken? Oder werde ich total überfordert sein? Wird alles drunter und drüber gehen oder werde ich den Überblick behalten? Werde ich Herrin der Lage sein oder mich total blamieren?

Interessant hatte ich mir das vorgestellt und lehrreich. Vermutlich wird es das auch sein, aber als ich meine Komfortzone verliess, war die Realität noch in weiter Ferne und jetzt, wo sie unmittelbar vor der Tür steht – jetzt hab ich den Salat.
Jetzt habe ich Angst, um nicht zu sagen Schiss.
Angst zu versagen. Angst, der Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Angst, andere zu enttäuschen. Am meisten Angst aber habe ich davor, mich selber zu enttäuschen.
Jetzt komme ich nämlich nicht mehr umhin, mich den Ängste zu stellen, die zu verdrängen mir eine Weile gelungen ist.

Wer auch schon von solchen Ängsten heimgesucht wurde weiss; es ist nicht sehr lustig, ganz besonders, wenn man wie ich ein beachtliches Talent darin hat, sich hineinzusteigern und die wildesten Katastrophen Szenarien auszumalen, sich aufs Schönste selbst zu sabotieren.

Ein bisschen seltsam mutet das den Twenager an. Seine Kollegen, die nach einem Jahr Studium berechtigt sind, Vikariate zu machen, die würden sich nicht so viel überlegen, die fänden es einfach geil, Erfahrungen sammeln zu können und dabei noch so viel Kohle zu verdienen. Ich würde mir viel zu viele Gedanken machen, findet er, und ein Teil von mir nickt beifällig. Der andere aber holt tief Luft, bevor die nächste Welle kommt und mir den Atem nimmt.

Was soll man da machen? Ausser darüber schreiben? Ein Teil von mir (gefühlte 99%) setzt auf Flucht – vielleicht könnte man ja noch absagen. Der andere Teil aber, der darauf insistiert, sich durchzusetzen, der argumentiert rational. Wenn ich mich der Herausforderung nicht stelle, dann werden meine Ängste ins Unermessliche wachsen. Es nicht zu wagen wäre der sichere Misserfolg, während ein Versuch zumindest die Möglichkeit eines Teilerfolgs zulässt.

So wie’s aussieht habe ich ein paar sehr unangenehme Tage vor mir, nicht zu reden von den Nächten. Entspannen werde ich mich paradoxerweise wohl frühestens, wenn es ernst wird, ich übernächtigt und mit flauem Magen in diesem Schulzimmer stehe und mich irgendwie durchwursteln muss.

Dann werde ich nämlich keine Zeit mehr haben, mir all diese blöden Gedanken zu machen.

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5 Antworten zu Angst essen Seele auf

  1. faehrtensuche schreibt:

    Ich vermute, du wirst dich wieder entspannen (können), wenn du den ersten Tag „heil und unbeschadet“ überstanden hast!

  2. anneinsideoffice schreibt:

    Du hast wenigstens Erfahrung im Beruf. Das wird schon werden und damit kannst du die dunklen November Tage ausfüllen.
    Ich kenne es übrigens auch wie du. Ohne Arbeit bin ich nur kurze Zeit glücklich.
    Und wenn es hilft: Ich schleudere derzeit in der Rolle mächtig. Alles neu, keine Kompetenz und vorher kannte ich alles super gut und war sehr kompetent.
    Aber an so etwas wachsen wir!

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