Fremdbestimmt oder selbstbestimmt?

Die neue Gewohnheit nervt.
Ich kann’s mir nicht verkneifen, täglich auf die Stellenbörse zu gucken, wo jetzt immer mehr Angebote aller Art erscheinen. Kurze, lange, solche ab sofort und solche fürs nächste Jahr. Einerseits will ich noch nicht, andererseits nimmt’s mich wunder für den Fall, dass ich plötzlich wollte und früher oder später ja auch wollen müsste.
Obwohl ich mir im Hinblick auf meinen Ellbogen noch ein paar Wochen Rekonvaleszenz verordnet habe, stelle ich eine wachsende Unruhe fest und in Teil von mir sähe gern einen Fixpunkt in der Zukunft, um sich dann entspannt nochmals zurücklehnen zu können.
Wie tief verankert doch das in den tiefsten Hirnregionen implantierte Sicherheitsbedürfnis ist, selbst im wohlüberlegten, geplanten Rahmen, selbst in einem Land, wo man sowieso vor lauter Absicherung nur sehr wenig zu fürchten hat. Wie machen das eigentlich die vielen Menschen in anderen Regionen der Welt, die heute nicht wissen, wovon sie morgen leben werden? Die zwangsläufig einen Tag um den andern nehmen, weil der nächste noch ungewisse und unplanbare Zukunft ist? Es müsste doch möglich sein, die Aussicht vom Hochseil etwas unbeschwerter zu geniessen, zumal ich ja nicht ohne Netz unterwegs bin.

Und dann die Sache mit der Jahreszeit.
Nickte mein innerer Coach mir im Sommer und auch während der heute leider zu Ende gegangenen goldenen Herbsttagen noch anerkennend zu, so sehe ich ihn jetzt stirnrunzelnd aus dem Fenster gucken. Er tut sich schwer damit, dass ich mir zu dieser Jahreszeit freinehme, denn: Was bringt das?
Die Erklärung, es sei ein Luxus, an einem grauen und kalten Tag zu Hause bleiben zu können, sich zum Schreiben niederzusetzen, statt in der Kälte das Eis von der Windschutzscheibe kratzen zu müssen, lässt er nur bedingt gelten und fragt zu Recht: Was hast du denn schon geschrieben, in den letzten Wochen? So überaus produktiv warst du jetzt auch wieder nicht… du könntest viel mehr leisten. Und da ist es schon wieder, das böse Wort.
Au Backe!

Die Auszeit wünschte ich mir nicht zuletzt, um mal für eine Weile nicht mehr fremdbestimmt zu sein. Und jetzt stelle ich fest: Wer mir öfters einen Strich durch die Rechnung macht, sind nicht etwa „die andern“, das bin ganz alleine ich. Um wirklich „frei“ zu sein, muss ich nämlich auch den hausgemachten Ballast über Bord werfen können.
Und davon gibt es noch eine ganze Menge.

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4 Antworten zu Fremdbestimmt oder selbstbestimmt?

  1. Tanne schreibt:

    Eine Erkenntnis, die doch schonmal einiges wert ist. Kommt mir auch langsam.

    Viel Erfolg uns

    Tanne

  2. Anhora schreibt:

    „Wie machen das eigentlich die vielen Menschen in anderen Regionen der Welt, die heute nicht wissen, wovon sie morgen leben werden?“
    Ich vermute, sie sind daran gewöhnt und machen sich nicht halb so viele Gedanken über den nächsten Tag wie wir in unseren durchgetakteten Ländern, in denen alles zur richtigen Zeit am richtigen Platz sein muss. Auch Sicherheit hat ihren Preis: Unsicherheit erschreckt uns viel mehr. Ich habe solche Zeiten auch schon erlebt und es tat mir *überhaupt nicht* gut.
    Toi toi toi!

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