Am Fluss der Erinnerungen

Ich liebe es, einem Fluss entlang zu wandern. Das hängt nicht zuletzt mit den topographischen Begebenheiten zusammen. Leicht bergab – das kommt mir sehr entgegen. Meist ist so ein Flussspaziergang auch abwechslungsreich und spannend, denn während das Wasser gleichmässig nebenher rauscht, verändert sich die Szenerie ständig. Ein schöner Gegensatz, der gleichermassen Ruhe wie neue Eindrücke beinhaltet.
Schon lange wollte ich einmal dem Fluss meiner Kindheit folgen. Ich startete auf dem unteren Uferweg nicht weit vom Greifensee, wo mir während der ersten Stunde auf Schritt und Tritt Kindheitserinnerungen begegneten. Die Sportanlage, wo jeweils der schnellste Dübendorfer auserkoren wurde (und wohl noch immer wird). Die Kunsteisbahn, auf der ich so viele Stunden Pirouetten geübt hatte. Die Minigolfanlage, wo sich die ersten Flirts abspielten. Der „Chreis“, neben dem wir jeweils Frösche beobachtet hatten. Der Hof, der früher viele Kleintiere beherbergte. Der Abschnitt, den ich abends Hand in Hand mit meiner Mutter ging, wenn ich Zuspruch nötig hatte. Der kleine Wasserfall, wo mein Bruder und ich unsere Gummigiraffen den Fluten anvertrauten, damit sie ins Meer schwimmen konnten.
Als mir die unvergessenen Gerüche der Givaudan Fabrik in die Nase stiegen, stiess ich langsam aber sicher in unbekanntes Gebiet vor. Erstens waren wir hier früher nie spazieren gegangen und zweitens hat sich auf diesem Abschnitt in den letzten Jahrzehnten einiges getan. Die Bildreihe „Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder“ von Jörg Müller nimmt sich daneben wie eine idyllische Postkartenreihe aus.

Es war seltsam, dem Uferweg zu folgen, wo noch abgeschnittenes Gras liegt, Bäume ihre Äste ins Wasser hängen und Reiher wohnen (ich sah zwei aus nächste Nähe), während die Geräuschkulisse auf die unmittelbar daneben liegende Autobahn hindeutet und durch das dünner werdende Laub all die Betonriesen schimmern. Industriequartier vom Feinsten! An einer Stelle, wo es gerade eine grosse Baustelle hat, gab ich beinahe auf, weil ich keinen Durchgang fand und dem Fluss nicht weiter folgen konnte; Autobahn, Bahngeleis sowie die riesige Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz versperrten mir den Weg. Ich irrte ein bisschen herum, machte einen Umweg, der mich zu einem Bach führte welcher, wie ich scharfsinnig schloss, letztlich wieder in die Glatt führen musste und tatsächlich: Endlich war ich wieder auf dem Uferweg, der sich nach Auzelg wieder idyllischer gestaltet. Vorausgesetzt, man stört sich nicht an startenden Flugzeugriesen, die scheinbar knapp über den Kopf hinweg dröhnen.
In Glattbrugg beendete ich meine Flusswanderung fürs Erste. Aber ich freue mich schon auf den zweiten Teil, der mich hoffentlich bis zur Rheinmündung führen und wieder etwas weniger urban sein wird. Trotzdem möchte ich auch diesen ersten Teil mit seinen vielen Eindrücken nicht missen. „Mein“ Fluss hat seinem Namen alle Ehre gemacht – ich fand es richtig  „glatt“.

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