Ungeküsst

Ich habe den Frosch nicht geküsst.
Ich hätte ihn durchaus küssen können, denn er bewegte sich nicht, war vor lauter Schrecken erstarrt, was mit ein Grund dafür war, dass ich ihn nicht küsste. Was hätte ich auch mit einem erstarrten Prinzen anfangen sollen. Ein bewegungsloser Frosch ist bestimmt leichter zu handhaben.
Ich hatte ihn erst gesehen, nachdem ich den Schliessmechanismus der Poolabdeckung in Gang gesetzt hatte. Kaum begann der horizontale Rolladen zu rattern, hüpfte der potenzielle Prinz panisch darauf hin und her. Ich stoppte den Vorgang mehrere Male, um ihm einen ehrenhaften Abgang zu ermöglichen, aber sein königliches Blut war offenbar ziemlich unterkühlt. Kaum stand der Untergrund still, tat er es auch, gerade so, als sei er vorzeitig in die Winterstarre verfallen.
Auf den nächsten Frühling nun wollte ich wiederum nicht warten und so schloss sich schliesslich die Poolabdeckung, obwohl mittendrin immer noch der blinde Passagier sass.

Für einen Frosch wäre es natürlich ein Leichtes gewesen, nun an Land zu gehen, aber vielleicht war es ja wirklich ein Prinz, denn da hockte er nun und wartete, vermutlich auf den roten Teppich. Ich redetet ihm gut zu, versteckte mich vorübergehend hinter einem Baum, um ihn glauben zu machen, ich sei nicht mehr da, aber nichts brachte ihn davon ab, den Erstarrten zu spielen.
„Ich werde dich nicht küssen“, sagte ich zu ihm, „und wenn du die ganze Nacht hier bleibst. Ich wüsste nicht, was ich mit (noch) einem Prinzen anfangen soll und sowieso küsse ich nur, wenn ich Lust dazu habe. Und jetzt hab ich keine! Ausserdem würde mich die Poolabdeckung nicht tragen – nicht nach einer Woche in Frankreich.“ So sprach ich zu ihm, aber er gab keine Antwort. Er zog das mit dem Sichtotstellen bemerkenswert realistisch durch und ich machte mir langsam Gedanken, ob er überhaupt noch lebte. Vielleicht war der ganze Stress zuviel für ihn gewesen? Prinzen sind ja sehr empfindsame Wesen.
Schliesslich gab ich auf und zog Leine. „Da drüben sitzt ein Prinz und wartet darauf, kein Frosch mehr zu sein“, sagte ich zu meiner Freundin. Obwohl ihr auch nicht zum Küssen zumute war, war ihre Neugier geweckt. Aber …“weg, er ist nicht mehr da“, beschied sie mir kurz darauf.

Ich war erleichtert. Es hätte mir leid getan, ihre Hoheit erstarrt in der anbrechenden Dunkelheit zu wissen.
Ich habe den Frosch nicht geküsst.
Aber vielleicht wollte er das ja auch gar nicht. 

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