Weckruf

Die neue Freiheit hat ihre Tücken. Das Zeitmanagement hinkt noch. Fast zehn Uhr ist es, bis ich endlich mal zum Schreiben komme. Dass der Twenager noch im Ferienmodus ist hilft mir nichtunbedingt meinen abzulegen. Er ist ja auch noch nicht zu Hause, da kann ich ruhigen Gewissens etwas länger lesen. Kriege ich dann mitten in der Nacht schon wieder Hunger, dann ist es endgültig vorbei mit dem zeitigen zu Bett gehen. 

Das aktuelle Buch legt sich aber auch ganz schlecht weg.

Allein unter Juden heisst es und geschrieben hat es ein Tuvia Tenenbom.
Der ist kreuz und quer durchs Land gereist, „vom Gazastreifen bis zu den Golanhöhen, von Eilat bis zu den Hisbollah-Stellungen im Norden“ und hat dabei mit Menschen jeglichen Couleurs geplaudert. Das konnte er deshalb so gut, weil er nicht nur hebräisch, sondern auch arabisch, englisch und deutsch spricht und sich aber nie als das ausgab, was gerade zu vermeiden war, sondern jeweils die Nationalität wählte, die am jeweiligen Ort auf Sympathie stiess. Die Erkenntnisse aus diesen vielfältigen Begegnungen beschreibt er auf äusserst witzige Art – wenn er zum Beispiel davon ausgeht, in Jerusalem sei das Mobiltelefon erfunden wurde und jeder Priester (der drei monotheistischen Weltreligionen) benutze eine andere App. Das Buch ist aber nicht nur unterhaltsam und erhellend, sondern bietet auch viel Hintergrundwissen geografischer, historischer, kultureller und kulinarischer Art.
Man kann über Herrn Tenenboms Stil natürlich unterschiedlicher Meinung sein und es ist ja nie verboten, sich seine eigene zu machen. Ich mag das Buch, denn weil wirklich alle zu Wort kommen, beleuchtet er den scheinbar unlösbaren Nahostkonflikt von ganz verschiedenen Seiten und legt nicht zuletzt seinen Finger auf ein paar recht absurde Auswüchse der Gesellschaft, wodurch man das Buch trotz schmerzender Lachmuskeln auch als Weckruf sehen kann.
Wie sollte man da noch schlafen können?

 

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7 Antworten zu Weckruf

  1. Yael Levy schreibt:

    Habe das Buch auch gelesen und fand es sehr interessant und witzig. Besonders beeindruckt hat mich, dass Tuvia sich ziemlich unverfroren in die „Höhle des Löwen“ wagt. Er hat „Chuzpe“!

  2. faehrtensuche schreibt:

    Ich muss gestehen, bei Tuvia Tenenbom geht mir das Herz auf! Alles (wirklich alles), was er geschrieben hat, ist äußerst lesenswert und das nicht nur der Unterhaltung wegen!!! Aber das hast du ja auch schon deutlich gemacht. Mit „Allein unter Juden“ bin ich jetzt „fertig“ und lese gerade „Allein unter Amerikanern“! Sehr erhellend!

    • schreibschaukel schreibt:

      Ich bin erst am Anfang und wusste gar nicht, dass es auch eins über Amerika gibt. Mir gefällt seine Art, so drauflos zu fragen, egal wen und egal was.

      • faehrtensuche schreibt:

        Mir auch! Er tut recht unschuldig (und) naiv (wobei er alles andere als das ist) und kitzelt so wirklich das Letzte aus seinen Interviewpartnern heraus. Dadurch kommt er immer zum Wesentlichen einer Sache und geht den Dingen auf den Grund. Klasse! …
        Nebenbei: Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, war „Allein unter Deutschen“. Wer wirklich wissen will, wie es sich mit dem Antisemitismus in Deutschland verhält, sollte dieses Buch lesen.

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