Und das Kind dazwischen

Der erste Tag im neuen Schuljahr und es braucht mich nicht zu kümmern. Wenn ich es mir recht überlege, dann war das seit Jahrzehnten nicht mehr so. Dieser Tag hatte immer eine besondere Bedeutung für mich. Vielleicht gerade deshalb mache ich mir heute ein paar Gedanken dazu.

Als Kind und Jugendliche habe ich mich jeweils auf den Schulanfang gefreut. Das war mein Glück und vielleicht mit ein Grund, wieso ich später wieder in der Schule gelandet bin. Mein allererster Montag als Junglehrerin folgte vermutlich einer schlaflosen Nacht, so genau weiss ich es nicht mehr, und nie, bis heute nicht, gelang es mir, die Nervosität vor dem ersten Schultag abzulegen.
Auch als Mutter hatte dieser Montag nach den Sommerferien eine markante Bedeutung. Ich sehe den Twenager noch vor mir, wie er zum ersten Mal in den Kindergarten ging, begleitet von uns Eltern. „You look SO ready“, sagte die Kindergärtnerin zu ihm (es war eine zweisprachige Schule) und Recht hatte sie. Ich war stolz und mir war auch ein bisschen bange; ich übergab mein Kind praktisch in fremde Hände.
Es war eine Offenbarung, als ich beim ersten Elternabend feststellen musste: Auch als Mutter ist man nervös. Was für ein Bild hatte sich die Lehrerin in den vergangenen Wochen von meinem Kind gemacht und mehr noch – von uns Eltern? Gleichzeitig hatte ich Mitleid mit der jungen Lehrerin, weil ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man vor all diesen Leuten mit den verschiedensten Erwartungen steht und ihr Vertrauen gewinnen muss. Ich wünschte ihr ein ähnlich wohlgesonnenes Publikum wie ich es einst hatte erfahren dürfen, als mich „meine“ ersten Eltern so herzlich aufgenommen und drei Jahre lang kräftig unterstützt hatten. Ein Geschenk nicht nur für mich, sondern eins, das vor allem auch den Kindern zugute kam.

In den darauffolgenden Jahren stand ich „auf der anderen Seite“ und ja – es gab auch Momente, wo ich mich über Dinge im Zusammenhang mit der Schul genervt habe und einige wenige Gelegenheiten, wo ich das auch zum Ausdruck brachte.
Aber.
Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, die Schule als solche schlecht zu machen, schon gar nicht vor meinem Kind. Das wäre mir sehr kontraproduktiv erschienen.

Heute ist das leider gang und gäbe, und wenn ich Artikel lese wie diesen hier, dann macht mich das traurig. Es macht mich traurig, weil in dem Artikel recht negativ über die Schule hergezogen wird, und ich aber weiss, wie sehr sich Lehrpersonen bemühen, allen möglichen Ansprüchen gerecht zu werden. Es macht mich traurig, weil der Artikel einseitig ist und in meinen Augen auch überspitzt.

Nehmen wir die Sache mit den Bezugspersonen: 11 Bezugspersonen hätte ihr Kind im ersten Schuljahr gehabt, führt die Autorin an, während es bei ihr selber damals zwei gewesen seien. Diese Rechnung hält in meinen Augen nicht stand. 5 Hortnerinnen sind darin enthalten, was impliziert, dass es jeden Tag eine andere sei, wohingegen ich vermute, dass es sich um einen grossen Hort handelt, in dem es mehrere Mitarbeiterinnen gibt. Ganz abgesehen davon könnte man sich auch für eine Tagesmutter entscheiden. Die Mehrzahl der Kinder braucht keine Lehrperson zur integrativen Förderung und auch keine Heilpädagogin; falls doch, sollte man sich über das Angebot freuen. Separate Handarbeits-, Schwimm- und Musiklehrerinnen gibt es schon seit Jahrzehnten, das war selbst in meiner Kindheit so. Bleibt also noch eine zweite Klassenlehrperson und die Klassenassistenz (nicht in allen Klassen vorhanden).

Es stimmt, dass es in der Schule heute generell mehr Betreuungspersonen gibt. Die Schule hat sich verändert, genau wie die Gesellschaft. Unterschreiben würde ich auch die Tatsache, dass eine gute Beziehung die Basis für gutes Lernen ist. Es empfiehlt sich deshalb, diejenige zwischen Lehrpersonen und Kindern nicht zu torpedieren.
Aus journalistischer Sicht verstehe ich natürlich, dass der Artikel provokativ ist, aber leider ist eine solche Polemik der Sache nicht dienlich. Der Artikel weckt in den Eltern schon von vornherein die Angst, mit der Schule würden nun Probleme über Probleme auf sie zukommen und haben sie einmal diese Haltung, ist das eine denkbar schlechte Basis für eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen.

Es stimmt, dass mit dem Schuleintritt des Kindes der Rhythmus der Familie verändert wird, das lässt sich nicht leugnen, es liegt in der Natur der Sache. Stundenpläne, vorgegebene Ferien, Elternabende, Schulausflüge, Prüfungsstress, Zeugnisse, Schwierigkeiten mit dem Lernstoff und mit Klassenkameraden oder ja, auch mit Lehrpersonen, und, und, und…es wartet einiges am Wegrand. Vieles was nun mal dazugehört und woran man aber gemeinsam auch wachsen kann. Wenn man bereit ist, sich Zeit dafür zu nehmen, woran es heutzutage leider an allen Ecken hapert. Nicht nur in der Schule. Auch im Elternhaus.
Vor allem andern sollte man miteinander im Gespräch bleiben und darauf vertrauen dass, egal auf welcher Seite man steht, alle hoffentlich das Wohlergehen des Kindes im Auge haben und das – das steht immer dazwischen.

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