Geheimer Code

Der Twenager war für ein paar Tage in Berlin. Er blieb sogar einen Tag länger als geplant, weil sein Rückflug, der letzte am Abend, gestrichen wurde. Des Wetters wegen… „Das ist komisch“, sagte der Twenager, „wenn es wegen des Wetters ist, dann komm ich nie mehr nach Hause.“ Es war womöglich nicht des Wetters wegen, wie sich dann zeigte, aber immerhin rückte die Air Berlin noch ein Flugticket für den nächsten Tag raus.
Zum Glück. Sonst hätte mir der Twenager nicht so schön von seinen Erlebnissen berichten können. Es ist viel lustiger, wenn man ihm dabei zusehen kann.

In Berlin war der Twenager mit einer grösseren Gruppe unterwegs gewesen, die sich ins Nachtleben gestürzt hatte. Das sei schon was anderes als in Zürich. Da gucke man morgens um neun auf die Uhr, erschrecke und merke, man müsse jetzt schnell nach Hause gehen, um noch rechtzeitig einchecken zu können für den Rückflug.

Die grosse Herausforderung läge darin, überhaupt in den Club reinzukommen. Von zwei Freunden, die schon länger da seien und Erfahrung hätten, seien sie deshalb sorgfältig gebrieft worden. Man habe
-maximal zu zweit aufzukreuzen
-sich möglichst abgefuckt anzuziehen
-die Kommunikation aufs Minimum zu beschränken, aber
-zu wissen, wer auflege, wenn man gefragt werde
-zu wissen, wo sich die Toiletten befänden, wenn man gefragt werde
-den Mund zu halten, wenn man nichts gefragt werde 

Ihm sei ein wenig bang gewesen, sagte der Twenager, als die Reihe an ihm gewesen wäre, und er habe sich schon als einziger draussen bleiben sehen, was er ziemlich öde gefunden hätte, aber – grosses Glück – nachdem er taxiert worden sei wie noch nie zuvor in seinem Leben, sei ihm der Eintritt ermöglicht worden, und das habe ihn mächtig gefreut.

In den bekannten Club „Berghain“ zu gelangen habe man allerdings erst gar nicht versucht. Den Code zu knacken sei schwierig, er sei für die zwei Freunde, die es schon seit Wochen versuchten, immer noch ein Mysterium. Das sei aber nicht weiter schlimm, denn eigentlich wolle man da gar nicht hin, so abartig gehe es da zu und her, es wäre einzige nützlich für die Vita, denn dann könnte man sagen: „Ich war im Berghain“.

Er ist ein kluges Köpfchen der Twenager. So klug, dass er womöglich den geheimnisvollen Code geknackt hat. Als wir gestern Abend nämlich in der Barfussbar noch ein bisschen unsere Füsse ins Wasser baumeln liessen und uns überlegten, ob uns Technobeats oder doch was anderes in die Ohren plätscherte und darüber sinnierten, ob die Fische sich tatsächlich im Rhythmus bewegten, hatte er plötzlich einen Geistesblitz.
„Vielleicht ist es das Alter“, sagte er und musterte mich von oben bis unten. „Vielleicht muss man richtig alt sein, um da reinzukommen. Wer weiss“, sagte er, „dich würden sie womöglich reinlassen.“

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2 Antworten zu Geheimer Code

  1. runningtom schreibt:

    War das nicht schon immer so… wenn man was unbedingt haben wollte war es nicht zu kriegen und wenn man es dann habe kann.. will man es gar nicht mehr…. 😉

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