Schein und Sein

Ich wundere mich mal wieder. Wie das Themas des Vorfalls in Arosa aufgebauscht wird, geht auf keine Kuhhaut. Da verfertigt eine vielleicht etwas unbedarfte Hauswartin ein ziemlich dummes Plakat, in dem sie explizit die jüdischen Gäste bittet, sich zu duschen (schon ein bisschen peinlich, zugegeben) und schon ist der Teufel los. Antisemitisch sei das, im höchsten Masse pietätlos, man müsse dieses Appartementhaus schliessen, Schritte gegen das Personal einleiten und ausserdem sei eine Entschuldigung der Schweiz fällig, weil dieses Plakat einen“antisemitischen Akt übelster Art“ darstelle.

Klar ist das Plakat daneben. Offenbar hat die Frau keine Ahnung von der Geschichte und sich auch sonst nichts überlegt. Ausserdem hätte sie vielleicht noch ein Wörterbuch konsultieren sollen. Der ganze Wirbel hätte vermieden werden können, wenn sie, was ja vernünftig gewesen wäre, das Plakat „an die Bewohner“ gerichtet hätte. Daneben, wie gesagt. Und trotzdem finde ich den Aufruhr masslos übertrieben und aber irgendwie auch bezeichnend.

Es ist ja heute nämlich so: Man regt sich viel lieber über die banalen Sachen auf, als sich mit den relevanten zu beschäftigen.

Drei Filme habe ich innerhalb der letzen vierzehn Tage über den Holocaust gesehen und es werden noch weitere folgen. Ich begrüsse das sehr, denn ich finde es wichtig, dass das was war, nicht in Vergessenheit gerät.
Allerdings scheint mir eine grosse Diskrepanz zwischen Schein und Schein. Es ist nämlich aufmerksamen Beobachtern leider nicht zu entgehen, dass der Antisemitismus weltweit im Vormarsch ist.
Ich denke dabei nicht nur an die zunehmend verstörenden Ereignisse der letzten drei Jahre, so wie die Übergriffe in Frankreich, die viele Juden veranlasst hat, ihre Heimat zu verlassen und nach Israel auszuwandern, oder an den haarsträubenden Aufruf einer Facebook Seite, anlässliche einer Demo in Zürich alle Juden in den See zu werfen.
Ich denke dabei an die gewalttätige Entfernung von jüdischen Teilnehmern an einer Loveparade in den Staaten, die optisch nicht zu derjenigen Gruppe passte, die für die Palästinenser mitmarschierte. Ich denke daran, dass sich an praktisch jedem grösseren Marsch wo auch immer und zu was auch immer, neuerdings auch Hassbotschaften an die Adresse von Israel finden. An die vielen, vielen UNO Resolutionen, die sich mit Israel beschäftigen, während zig andere Konflikte recht stiefmütterlich behandelt werden.
Der neue Antisemitismus ist nicht auf den ersten Blick als solcher zu erkennen, denn gegen Juden hat ja niemand etwas. Das verbittet man sich, dass man in diese Kiste gesteckt wird, Gott behüte, so ist man also nicht. Und das will man auch bestätigt haben. Indem man zum Beispiel aus einer Fliege einen Elefanten macht, so wie in Arosa.

Was hätten denn die jüdischen Gäste, die seit Jahren dort Ferien machen, von einer Schliessung des Hauses?
Vermutlich so viel wie die palästinensischen Arbeiter, die ihre langjährigen Arbeitsstellen verloren haben, weil israelische Betriebe im besetzten Gebiet schliessen mussten. Weil die Produkte boykottiert werden.
Weil: Wir wollen uns ja immer moralisch einwandfrei verhalten.

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