Eingeladen

Das Reisen an sich mag ich nicht so gern. Mir geht es darum, von A nach B zu kommen. Den Aufenthalt auf Flughäfen und in Flugzeugen, wo man sich oft wie in einer Sardinenbüchse fühlt, widerstrebt mir.

Reise ich standby, dann ist alles in der Schwebe. Werde ich einen Sitz haben und wenn ja – wo? In Tel Aviv kommt man ohne Sitz nicht sehr weit. Man muss dann „draussen“, am Schalter warten, bis einem ein Sitzplatz vielleicht im letzten Moment noch zugewiesen wird. Das ist schade, denn im Innenbereich des Flughafens, der von dem erfrischenden Wasserspiel im Zentrum eines Kreises geprägt ist, lässt sich die Zeit sehr viel schöner totschlagen. Dank Vitamin B habe ich aber manchmal die Möglichkeit, mich bei der Crew anzumelden und wenn sie dem standby Passagier – also mir – wohlgesonnen ist, dann läuft alles viel besser. So wie gestern, als ich auf der Stelle durch die Sicherheitskontrolle durfte, auch ohne festen Sitz, wofür eine sehr hilfsbereite „maître de cabine“ gesorgt hatte. 
Aber gestern war sowieso alles vom Feinsten. Ich hatte Glück und durfte letztlich in der Business fliegen.

Wenn ich standby fliege, buche ich meistens Business. Das kostet nicht viel mehr und hat neben anderen Annehmlichkeiten den unschätzbaren Vorteil, dass ich mich beim Einchecken in der kürzeren Schlange anstellen kann. Ok, ich darf nicht in Jeans und Turnschuhen aufkreuzen, aber für einmal springe ich gern über meinen Schatten und gebe mir Mühe, einigermassen anständig daherzukommen. Nicht immer ist meine Maskerade offenbar überzeugend. In Zürich pfiff mich einst ein Angestellter herrisch zurück mit dem Hinweis „Auch Sie müssen sich hier anstellen, meine Dame“, worauf ich ihm mit ausgesuchter Freundlichkeit meinen BUSINESS Wisch unter die Nase hielt. Nur schon seine peinliche Berührtheit war die paar Franken mehr wert.


In der Business wird man nach Strich und Faden verwöhnt und der einzige unangenehme Teil ist kurz nach dem Einsteigen, wenn die Economie Passagiere nach hinten gehen und einem mit teils neidischem, teils ungehaltenem Blick taxieren.
Klassengesellschaft!
Und ich hier!!
Das fühlt sich politisch extrem unkorrekt an. Schon wieder…

Irgendwann sitzen aber alle und dann geht das Vergnügen los. Mittlerweile kenne ich die Funktion aller verfügbaren Knöpfe, so dass mir Peinlichkeiten weitgehend erspart bleiben und ich mich in der illustren Gesellschaft der Business Passagiere bewege, als gehörte ich dazu. Dass ich beim Essen vielleicht nicht auswählen kann ist nicht weiter schlimm, weil sowieso alles gut ist, was man nun weiter hinten nicht unbedingt behaupten kann. Ich geniesse also das ganze Programm vom Begrüssungsdrink über das auf weissem Tischtuch servierte Essen mit dem abschliessenden Espresso bis zum ausgeklügelten Bordunterhaltungssystem und wenn mir danach ist, mache ich aus meinem Sitz ein Bett und schlafe eine Runde.
Und ab und zu liegt dann für mich als PAD (Passenger available for disembarkation) noch ein Schwatz mit dem oder der maître de cabine drin und beim Adieusagen eine Stippvisite im Cockpit. Um mich zu bedanken. Weil man mich nicht ausgeladen hat.
Das fühlt sich fast noch besser an, als in der Business Klasse zu sein.

Wenn ich es recht bedenke, ist das Reisen gar nicht so schlimm.
Sofern ich standby unterwegs bin.

IMG_1992

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6 Antworten zu Eingeladen

  1. Anhora schreibt:

    Schön, dass die Heimreise gut geklappt hat! Ich musste ja erstmal googeln, was ein Standby-Flug ist. Mein Fall wäre das nicht, aber wahrscheinlich ist es deutlich billiger.

  2. runningtom schreibt:

    Business Klasse fliegen hat was und ich hatte überhaupt kein Problem damit. Das könnte ich mir durchaus wieder antun wenn sich die Gelegenheit ergibt 🙂
    Willkommen zu hause. Schön, dass alles so gut geklappt hat.

  3. Flohnmobil schreibt:

    Ein super Bild!!!!!
    Fast noch besser als die Story dazu.

    • schreibschaukel schreibt:

      Das Bild an sich ist ja nicht grad eine Meisterleistung, aber die Skulptur hat mir auch gefallen. Sie steht in En Hod, dem Künstlerdorf. Und ja – die Assoziation im Zusammenhang mit der heutigen Fliegerei ist wohl auch stimmig 😉 .

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