Wo ist zu Hause?

Ich sitze gefühlsmässig mal wieder in einem Schnellzug.
Noch während die schöne Zeit in England aus dem Blickfeld driftet, breiten sich vor mir bereits gelbe Rapsfelder aus, weidende Kühe in allen möglichen Schwarzweiss und Braun Varianten, der Bodensee, Cumuluswolken, die jedem Segelflieger das Herz höher schlagen lassen, flanierende und Eis schleckende Menschen jeglichen Alters, das erste Sommergewitter und der Geruch der Tropfen auf dem noch sonnenwarmen Boden. Wie schön die Schweiz doch ist! Wie gut, dass der ganze Sommer noch vor mir liegt!

Dennoch schweifen meine Gedanken öfters zurück nach England, wo ich eine so gute Zeit verbracht und mich praktisch zu Hause gefühlt habe. Obwohl – vielleicht lag der Reiz gerade darin, dass ich es nicht war, sondern mir für eine begrenzte Zeit ein anderes Leben übergestreift habe, auch wenn es darin gewisse Parallelen gab.

Wunderbar, dass ich auch dort im Grünen wohnte, des Morgens von Vogelgezwitscher geweckt wurde und mich am Abend aufs Nachhausekommen freute. Wer hätte das nicht, so idyllisch, wie ich wohnte, in meinem eigenen klitzekleinen Cottage inmitten eines grossen Gartens (der einem sehr netten Ehepaar gehört). Am Morgen setzte ich mich nicht ins Auto, sondern spazierte zur nahegelegenen Busstation, wo ich brav die Hand hochhielt, wenn mein Bus in Sichtweite kam und jeden Tag aufs Neue voller Hochachtung für die Fahrer war, die das Gefährt mit stahlharten Nerven durch die engen Landstrassen steuerten.
In der Schule angekommen trug ich mich auf der Liste ein und begann meinen englischen Schulalltag. Der war natürlich um einiges entspannter als daheim, weil ich hier ja nicht in der Verantwortung stand, sondern vornehmlich profitieren durfte. Das tat ich auch und ich konnte tonnenweise gute Ideen und Anregungen mitnehmen aus den drei Wochen. Ein bisschen neidisch war ich auf die moderne Ausstattung; wie gern hätte ich so ein cooles Smartboard in meinem Schulzimmer!
Bald schon fühlte ich mich als Teil des Teams und auch die Kinder akzeptierten mich schnell. Da assistant teachers gang und gäbe sind in England, kam es auf eine mehr im Zimmer nicht mehr an und ich fühlte mich nicht als Fremdkörper. Es ist natürlich überall so: Man kann Glück haben oder nicht und ich hatte welches (nicht alle hatten es offenbar so gut getroffen wie ich). Als ich nach drei Wochen, nach einem sehr berührenden Abschied, den Heimweg antrat, fühlte es sich eher an, als ob ich meine Heimat und gute Freunde verlassen müsste.

Aber gut – man setzt sich in den Zug, der fährt los, und schon bald ist man gefangen von all dem Neuen oder Altbekannten, das sich vor einem auftut und deshalb denke ich jetzt, eine Woche später, zwar immer noch mit ein bisschen Wehmut an mein englisches Leben und die vielen liebenswerten Menschen darin zurück, aber ich komme nicht umhin zu bemerken, gerade an einem Tag wie heute, wie schön auch mein Schweizer Leben ist.

Und vielleicht – vielleicht kommt es gar nicht so drauf an, in welchem Leben von all den möglichen Leben man ist (vorausgesetzt natürlich, man ist nicht in irgendeinem Katastrophengebiet gelandet), sondern dass man es mit offenen Augen und noch viel mehr mit offenem Herzen begrüsst. Dann kann man sich wohl überall zu Hause fühlen.

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„Muh“ oder „Moo“?

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