Mal was anderes

Obwohl meine diesmal ausfallen – ich mach gerade Ferien von meinem Leben. Nein, diesmal sind es keine gebrochenen oder zu ersetzenden Knochen; ich darf in die Lehre an einer englischen Schule. Knappe drei Wochen verbringe ich hier und bereits nach den ersten Tagen fühle ich mich so wohl wie ein an Land gegangener Frosch.

Der umgebaute Stall, in dem ich wohne, und der mitten in einem grossen Garten im ländlichen Surrey steht, ist museumswürdig, lässt es mir aber an nichts fehlen, so dass ich mich jeden Tag aufs Nachhause kommen freue.

Auch in der Schule, wo ich herzlich aufgenommen wurde, habe ich mich gut eingelebt. Als Assistentin sind meine Arbeitstage bedeutend kürzer als üblich und meine Rolle lässt eine entspannte Haltung zu. Die vielen neuen Eindrücke fordern mich dennoch.

Es ist eine schöne Erfahrung, für einmal über den Tellerrand gucken zu können und dabei auch gleich einige Vorurteile über Bord zu werfen. Nach vier Tagen ist es noch zu früh, um mir eine endgültige Meinung zu bilden, aber mein erster Eindruck ist ein positiver.

Gut: Das Produkt, sowohl im fachlichen als auch im sozialen Bereich, spielt eine grosse Rolle, und das wird nicht beschönigt. Auf dem Weg dahin aber wird ein weicher Teppich ausgerollt.

Die erreichten Punkte der Kinder vor der ganzen Klasse verkünden oder kompetitive Spiele einzubauen gehört zum Alltag. Die Kinder stets zu loben und zu ermuntern, ganz egal wie es gerade läuft, aber auch. Das führt dazu, dass sie auch mit Misserfolgen gut umgehen und daraus lernen.
Die Werte der Schule und der Klasse stehen nicht bloss auf schönen Plakaten, sondern werden ständig thematisiert, z.B. an der täglichen Schulversammlung, wo nicht nur über ein erreichtes Ziel berichtet wird, sondern auch die dafür nötigen sozialen Kompetenzen benannt werden, wie z.B. Teamarbeit oder Durchhaltewillen. Jeder und jede der Klasse kann einer der zwei „shining stars“ der Woche werden und das Strahlen beim Erhalten des Diploms erinnert wirklich an einen Stern.

Disziplin ist kein Unwort hier. Das äussert sich nicht nur in der Schuluniform und im geordneten Einreihen, sondern auch im vorherrschenden Tonfall. Es verläuft eine klare Grenze zwischen Lehrpersonen und SchülerInnen, aber dennoch ist der Umgang herzlich und humorvoll. Ich hab die Kinder schon richtig ins Herz geschlossen und ich glaube, sie mögen die komische Schweizerin, deren Namen sie nicht aussprechen können, auch.
Als ich am ersten Tag der Klassengrösse gewahr wurde – es sind 30 an der Zahl – dachte ich „Au Backe!“, aber siehe da, es funktioniert.

Ich weiss nicht, ob es überall so ist. Vermutlich nicht. Vermutlich hab ich einfach Glück gehabt, mal wieder. Mein Praktikumslehrer, noch ganz jung, ist in meinen Augen ein Ausnahmetalent.
Nächste Woche bin ich für ein paar Tage in einer anderen Klasse; ich bin gespannt.

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5 Antworten zu Mal was anderes

  1. runningtom schreibt:

    Das kann wohl nur gut sein, mal so eine andere Umgebung aus der Nähe kennenzulernen. Aus der Ferne bildet man sich höchstens Vorurteile die meist falsch sind. Danke für den Bericht. Bin gespannt auf weitere News 🙂

  2. Anhora schreibt:

    Liebe Renate, was du erzählst ist wirklich interessant. Ich kenne das englische Schulsystem ja nur in Form der erwachsenen Kinder meines Lebensgefährten und was man da so mitkriegt. Ich habe den Eindruck, dass britische Kinder nicht nur durch die Schule, sondern auch (im besten Fall) zu Hause sehr in ihrem Ehrgeiz gefördert werden. Bei meinen eigenen Kindern dagegen, also die deutsche Seite, war mir viel wichtiger als Noten, dass sie keine Angst haben. Und siehe da, es gibt auch eine passende Grafik dazu:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaft-in-zahlen/grafik-des-tages-wo-die-ehrgeizigsten-schueler-leben-14981407.html
    Bin gespannt, was du weiter erzählst. 🙂

    • schreibschaukel schreibt:

      Nach vier Tage ist es natürlich viel zu früh, um das zu durchschauen. In meinem eigenen Schulalltag bin ich es aber gewöhnt, dass Noten eine grosse Rolle spielen und dabei manchmal das Wesentliche aus dem Blickfeld verschwindet. Dass die Kinder hier Angst haben, hatte ich jetzt nicht den Eindruck; es war aber auch die erste Woche nach den Ferien. Nächste Woche bin ich in einer sechsten, die sich auf die SAT’s in zwei Wochen vorbereiten. Da bläst vielleicht ein anderer Wind, mal sehen.

  3. Anhora schreibt:

    Ich bin gespannt, was du erzählen wirst! 🙂

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