Fast wie damals

Dieser Tage – oder soll ich sagen Nächte? – habe ich ein Déjà vu vom Feinsten. So war es doch auch damals:

Ich wache auf, todmüde, und mein Blick streift sofort den Wecker.
Ist schon ein Erfolg zu verzeichnen?
Doch nein, ein schwerer Seufzer entringt sich meiner Brust; nicht mal zwei Stunden habe ich geschlafen. Tief offenbar, aber nicht so tief, dass mich die Umstände nicht mitten aus einem Traum gerissen hätten. Liegenbleiben bringt nichts, ich beisse die Zähne zusammen und klaube mich aus dem Bett, stelle als erstes meine Füsse auf den Boden und dann, widerwillig, auch den Rest. Schlaftrunken wanke ich durch die Wohnung; „Alle schlafen jetzt, nur ich nicht“, bemitleide ich mich.
Immerhin, nach etwa zehn Minuten traue ich mir zu, weiterschlafen zu können (damals dauerte es manchmal deutlich länger) und lege mich wieder hin.
Weitere zwei Stunden vergehen, fast auf die Minute, dann wiederholt sich das böse Spiel.
Einzig in den frühen Morgenstunden, wenn die Erschöpfung wohl am grössten ist, liegen manchmal zweieinhalb oder sogar, welches Glück, drei ganze Stunden am Stück drin, obwohl ich das im Nachhinein büssen muss und ich mich auf die erste Tablette freue. Gut muss ich im Moment nicht zur Arbeit; ich würde zu nichts taugen. Zum ersten mal im Leben ahne ich, wie sich ein richtig fieses Hangover anfühlt.

Aber ein Déjà vu ist häufig nur Illusion.

Anders als damals kann der Twenager nichts für die nächtlichen Ruhestörungen. Es sind meine schmerzenden Muskeln und die Nachwirkungen der Operation, die mich aus dem Bett treiben, wohl wissend, dass ich mir die nächste Runde Schlaf verdienen muss, indem ich mich erst gebührend bewege. Und während der Twenager sich vor über zwei Jahrzehnten keinen Deut um mein Schlafmanko oder andere Unpässlichkeiten scherte, sondern immer das volle Programm von frühmorgens bis spätabends einforderte, ist er jetzt voller Mitgefühl und tut alles, um mir die Genesungsphase zu erleichtern. 
Mein Glück, dass er gerade Semesterferien hat: Er wäscht, kauft ein, fährt mich zur Physiotherapie, kocht, räumt auf und putzt, was das Zeug hält, man kommt kaum nach mit zusehen.

Der Twenager hat heute übrigens Geburtstag. Und in den letzten Tagen habe ich sehr praktisch erfahren können, was „in die Zukunft investieren“ heisst.

Auch wenn wir seinen Geburtstag feiern: Das grösste Geschenk ist er selber.

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4 Antworten zu Fast wie damals

  1. Anhora schreibt:

    Glückwunsch! Glückwunsch an den Twenager zum Geburtstag, und Glückwunsch an dich zum Twenager. Hast du prima hingekriegt mit ihm. 🙂
    Ach ja, und gute Besserung natürlich. Im ersten Absatz hatte ich die schlimmsten Befürchtungen, dass dich eine fortgeschrittene Depression plagt. Aber ist ja „nur“ die Hüfte. Hab Geduld, bis zusammengewachsen ist, was zusammen gehört. 🙂

  2. Yael Levy schreibt:

    Hallo Schreibschaukel! Habe deinen Blog heute entdeckt und werde ihn gerne verfolgen. Wir scheinen einiges gemeinsam zu haben (Schreiben, Schweiz, Israel)…

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