Zeit ungekürzt

Manchmal rutscht man in unhaltbare Zustände rein, ohne es richtig zu merken oder aber man merkt zwar was, aber man tut sich schwer damit, die Sache in die Hand zu nehmen.

Täte ich mich leichter damit, gewisse Sachen in die Hand zu nehmen, dann führe ich ein Auto mit einer funktionierenden Klimaanlage und einer ebenso reibungslos funktionierenden Schaltung – der Twenager wäre entzückt – , unser Internet wäre ans Glasfasernetz angeschlossen, so dass der Film nicht immer dann einfrieren würde, wenn es spannend wird. Wir hätten ein Telefon, das uns etwas grösserer Bewegungsfreiheit erlaubte und eine nicht gar so hässliche Lampe in der Küche.
Wie die Dinge aber stehen, werden wir einen weiteren Sommer Gefahr laufen, im Auto den Hitzetod zu sterben. Fernsehen ist sowieso blöd im Sommer, das Licht in der Küche an sich ganz okay, da wenigstens hell, und da ich während des Telefonierens an meinem Lieblingsplatz mit Aussicht auf meine Energiequelle sitze, spricht wenig für ein neues Telefon.

Immerhin habe ich es kürzlich geschafft, eine Tageszeitung zu abonnieren. Der Grund, dass ich das Abo damals nicht erneuert hatte, lag in der steigenden Flut der Werbebroschüren, die sich umgekehrt proportional zum Informationsgehalt der immer dünner werdenden Zeitung verhielt.
Obwohl mich ein gesunder Pessimismus denken lässt, daran habe sich nichts geändert, war ich es schliesslich leid, mir die Informationen aus dem Netz zu holen. Den Newsticker zu lesen – egal welcher Tageszeitung- kann meines Erachtens zu schwerwiegenden Depressionen führen und ausserdem fehlte es mir immer mal wieder an Altpapier, um schmutzige Schuhe draufzustellen.

Da kam das Probe Angebot einer Zeitung gerade richtig. Praktisch geschenkt! Also lese ich diese Zeitung jetzt zur Probe, dieselbe notabene, für die ich mal geschrieben habe, aber das brauche ich ja niemandem unter die Nase zu reiben.

Wie schön es ist, endlich wieder eine Zeitung im Briefkasten zu haben. Da ich noch in der Probezeit bin, verschont man mich mit unnötigen Werbebeilagen und das Blatt ist zwar noch schlanker geworden, aber dennoch…

Endlich bin ich wieder im Bild darüber, was auf diesem Planeten abgeht, und es sind ja nicht bloss die wichtigsten Informationen, die bewegen, nein, was wirklich Spass macht, sind die weniger wichtigen. Und so verschlinge ich freudig klopfenden Herzens den Bericht über die städtische Buslinie mit dem kleinsten Romantik Potenzial – ha! wenn die wüssten… – lerne die schönsten Oasen inmitten der Betonwüste kennen, wappne mich mittels zehn Kurzporträts bekannter Protagonisten William Shakespeares für den nächsten gehobeneren Smalltalk und verhindere mein altersbedingtes Abdriften in den virtuellen Analphabetismus. Weil: Ich wüsste gar nicht, was die Snapchat-App ist, obwohl man das Zauberwort überall hört und überhaupt bin ich hin und weg, wie fortgeschritten unsere Gesellschaft in nur wenigen Monaten geworden ist, denn man stelle sich bloss mal vor, wie praktisch das wäre, wenn sich dieser Beitrag direkt nach dem Lesen wieder selber löschen würde. Vermutlich sogar vorher, denn 10 Sekunden reichen dafür wohl nicht. Das würde mich wahnsinnig entlasten, weil ich jetzt keine Pointe finden müsste, sondern immer so weiter schreiben könnte – Meditation pur – und es wäre völlig egal, denn niemand würde bis zum Ende lesen müssen.

Es braucht ja eben schon ein bisschen Zeit, das Lesen. Das merke ich anhand der Spüle, wo sich das Geschirr stapelt, am leeren Kühlschrank und dem übrigen Lesematerial, das sträflich vernachlässigt wird. Was den Fernseher betrifft, kann ich getrost sein, unabhängig vom Wetter: keine Zeit mehr dafür. Ins Auto setzte ich mich sowieso nur noch, wenn es sich nicht vermeiden lässt und auf meinem Balkon – auf meinem Balkon ist das Licht in diesen Tagen sogar noch besser als unter der hässlichen Küchenlampe.

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