Unwillkommen

Da war dieser schlacksige Typ in Shorts und Flipflops, der sich einst in Sidney im letzten Moment neben mich plumpsen liess. Das wär’s dann gewesen mit dem zusätzlichen Platz für die nächsten ichweissnichtwieviele Stunden, wie schade!, dachte ich betrübt, während ich freundlich lächelte, denn was will man anderes tun in so einer Situation.
Bereits in Hawai, wo wir den Zwischenhalt gemeinsam verbrachten, waren wir die besten Freunde. Während er in seiner Heimatstadt L.A. blieb, führte mich meine Reise weiter ostwärts, was glücklicherweise auch klappte, aber ich wäre ohne mit der Wimper zu zucken auf sein Angebot zurückgekommen und hätte bei seiner Nummer angerufen, wäre dem nicht so gewesen. Manchmal habe ich mich gefragte, was dann aus mir geworden wäre. Wer weiss, vielleicht würde ich jetzt in den Staaten leben und hätte englischsprachige Enkel. 

Stattdessen flog ich kürzlich mal wieder von Zürich aus in die Ferien
.
Schon freute ich mich, meine Beine wenigsten nach rechts ein wenig ausstrecken um die Nacht irgendwie überleben zu können, da setzte sich ein russisch sprechender Jugendlicher von vielleicht 17 Jahren neben mich. Mein Sitznachbar versuchte zwar, ihn zu motivieren, sich auf den freien Platz vor uns neben seinen vermeintlichen Vater zu setzen, aber erstens wollte er am Fenster bleiben und zweitens war das gar nicht sein Vater, sondern ein Bekannter, der überraschenderweise im selben Flugzeug war. Noch überraschender nicht irgendein Bekannter sondern – welcher Zufall – just der Vater der Freundin, die der junge Mann für eine Woche besuchte und weshalb er vor Vorfreude schon fast platzte.

Innert kurzer Zeit offenbarte sich mir eine berührende Lovestory und nicht nur das, der Mitreisende entpuppte sich als interessanter Gesprächspartner, der in wenigen Jahren schon tiptop Deutsch gelernt sowie einiges von der Welt gesehen hatte und sich überhaupt für sein Alter erstaunliche Gedanken machte.

Was soll ich sagen? Ich vergass, wie eng es war, meinen Nachbarn zur Linken vergass ich auch ein bisschen, was er mir zum Glück verzieh, und auch zum Schlafen kam ich kaum. 

Am Ende des Flugs wäre ich bereit gewesen, den Jungen zu adoptieren.
Das war aber ja nicht nötig  und der Twenager hätte mir das auch übel genommen.
Trotzdem  staune ich einmal mehr darüber, wie man einen Menschen ins Herz schliessen kann, der einem im ersten Moment so unwillkommen ist.

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2 Antworten zu Unwillkommen

  1. anneinsideoffice schreibt:

    Oh ja, ich komme täglich in den vollen S-Bahnzügen Menschen näher als mir lieb ist und doch, denke ich öfters, dass einige dieser Menschen sicher ganz lieb und toll wären. Nur leider spricht man sich höchst selten an, wir Schweizer sind ja so verklemmt und müde bin ich sowohl morgens als abends ohnehin.

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