Tragische Romanze

„Alles tiptop. Könnte nicht besser sein. Ich sehe keine Veränderung.“

Obwohl ich Veränderungen, so sehr ich sie fürchte, als erstrebenswert betrachte, freute ich mich über diese Worte, zumal sie aus dem Mund des Herrn Doktors kamen. Er sass ungefähr einen halben Meter vor mir und sah mir intensiv in die Augen. Ein kleines bisschen getrübt wurde der romantische Moment von der Tatsache, dass zwischen uns dieses Ungetüm von Maschine war, aber gut, in meinem Alter sieht man über solche Details grosszügig hinweg. Schliesslich guckt einem nicht jeden Tag ein attraktiver Mann so tief in die Augen und selbst wenn er es aus beruflichen Gründen tat, schwebte ein Hauch von Intimität über der Szene.

Der nette Augenarzt ist übrigens im selben Alter wie ich.
Das weiss ich, weil ich ihn gegoogelt habe.

Obwohl alle das machen, auch ich ab und zu, würde man das natürlich niemals zugeben und ich tue das auch bloss, weil ich auf die Verjährungsfrist verweisen kann. An die zwanzig Jahre ist es her seit dem ersten dieser – soll ich sagen: magischen? – Augenblicke und schon damals dachte ich: Was für ein netter Mann!

Dabei hat der Mann gar nichts Besonderes an sich. Gut, er sieht ganz okay aus, eine wirklich angenehme Erscheinung. Ausserdem strahlt er eine wohltuende Ruhe aus und man realisiert trotz seines bescheidenen Auftretens: Der Mann versteht etwas von seinem Fach. Ob er von anderen Sachen auch etwas versteht, kann ich nicht sagen, auch nach zwanzig Jahren nicht, aber gerade diese Unwissenheit lässt sehr viel Raum für Spekulationen und wer träumt nicht gern ab und zu ein bisschen vor sich hin? Jedenfalls freue ich mich immer sehr auf meine Besuche bei ihm und ich bilde mir ein, dass sie ihm auch nicht unangenehm sind.

Leider sehen wir uns nur alle fünf Jahre. Oder soll ich sagen: zum Glück?
Vielleicht wäre das ja ein Rezept für erfolgreiche Beziehungen? Man trifft sich alle fünf Jahre, versichert sich der andauernden Sympathie und geht dann, gestärkt durch diese Bestätigung, wieder auseinander. Auch wenn vielleicht ein bisschen Wehmut mitschwingt, ja vielleicht sogar ein Hauch von Tragik, wie sie über allen wirklich schönen Romanzen hängt.

Als wir uns beim Abschied nochmals in die Augen sahen und ich ihm fünf schöne Jahre wünschte, meinte er: „Schrecklich!“
Das hat mich gefreut.
Aber vielleicht bezog er es auch bloss auf unser fortschreitendes Alter und darauf, wie verdammt schnell die Zeit vergeht.

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