Vom schönen Leben

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„Wie gut ich es doch habe!“, dachte ich heute Morgen, als ich an meinem Küchentisch in der Sonne sass, beim Frühstück, wohlig seufzend, um endlich den Essay über Voltaire, den wiederentdeckten Helden Frankreichs, zu lesen.
Diesen Satz dachte ich, während ich noch vor Voltaire mit Alain Botton zum Primerose Hill spazierte und einer Slampoetin, die sich todesmutig in 50 ihrwisstschonwas gewagt hatte, über die Schulter sah. Bei beiden war die Quintessenz dieselbe: Die meisten würden lieber jemand anders sein. „Glaub ich nicht“, dachte ich da, und es ist tatsächlich so, dass ich sehr zufrieden bin mit meinem Leben und zumindest in diesem mit niemandem würde tauschen wollen,

Das habe ich gestern auch ohne langes Nachdenken in das „Mein Freunde“ Buch einer Schülerin geschrieben, auf die Frage hin, was ich mir von einer guten Fee wünschen würde: Dass mein Leben so schön bleibt, wie es das ist.
Nun ist das Wort „schön“ ein übles Allerweltswort, aber trotzdem schien es mir passend. Erstens war ein Adjektiv an dieser Stelle unabdinglich – wenn mein Leben so bleiben würde wie es ist, dann würde es stagnieren und unabhängig von seiner Qualität langweilig werden – zweitens bringt es für einen zehnjährigen Menschen ziemlich gut rüber, was ich meine.
Auch mein Leben besteht ja aus Höhen und Tiefen, wie könnte es anders sein, aber genau die machen es zu dem, was es ist, und eben deswegen, trotzdem, immer wieder, denke ich ungelogen beinahe täglich: „Was für ein schönes Leben ich doch habe!“

Der Herr Arouet, übrigens, besser bekannt als Voltaire, der war gar nicht der, wofür man ihn heutzutage hält, weshalb ich nach Abwägen der Fakten davon abraten würde, mit einem „Je suis Voltaire T-Shirt“ durch die Gegend zu marschieren. Aber schreiben konnte er, und wie! Und ein paar gute Ideen hatte er auch. Allerdings wäre er, jede Wette, nicht für die Meinungsfreiheit in den Tod gegangen, wie ihm das nachgesagt wird. Dieser Mythos ist auf seine Biografin Evelyn Beatrice Hall zurückzuführen, aus deren Feder das geflügelte Wort stammt.

Viel eher hat auch er des öfteren zu sich selber gesagt: „Was für ein schönes Leben ich doch habe.“ Und tauschen, denke ich mal, hätte er auch nicht wollen.

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3 Antworten zu Vom schönen Leben

  1. anneinsideoffice schreibt:

    Wunderschön geschrieben, mann hörte dein Schnurren durch die Zeilen. Schön, wenn man so rundum zufrieden mit seinem Leben ist!

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