Entschleunigung

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Mein letzter Ferientag. Obwohl: Ferien?
Die ersten Tag war ich im Spital, darauf brauchte ich eine Weile, um mich mit meinen vorübergehend beschränkten Möglichkeiten im Alltag zu organisieren und gleichzeitig meine Enttäuschung über die verpasste Reise zu verdauen. Ich fühlte mich wie ein Kind, dem man einen Tag vor Weihnachten verkündet, das Fest falle heuer aus. Es blieben ein paar wenige Tage, bevor ich mich mit den Kollegen zum Vorbereiten traf, denn auch wenn die ärztlich bestätigte Arbeitsunfähigkeit bis Ende Ferien Sinn macht: Ich kenne, allen Vorurteilen zum Trotz, keine Lehrperson, die am Montag des neuen Quartals unvorbereitet auf der Matte steht. So funktioniert das nämlich nicht.

Und doch bin ich jetzt, in diesem Moment, zufrieden und würde mit niemandem tauschen wollen.

Ich freue mich darüber, dass ich mich in meiner gemütlichen Wohnung geborgen fühle, dass es Menschen gibt, denen ich in Liebe oder Freundschaft verbunden bin, die sich um mich sorgen, dass ich bei den Nachbarn klingeln darf, falls nötig (Stichwort: Gurkengläser!), dass mir meine Kollegen halfen, trotz der Behinderung produktiv zu sein.

Und – ich erinnere mich mit einem leisen Lächeln an denjenigen, der mir meine Schiene verpasste und mir dabei ein paar Worte mit auf den Weg gab, die mindestens so heilsam waren wie alles andere: „Ich werde mit den Jahren philosophisch“, meinte er, während er fachmännisch die Bandagen um meinen Arm wickelte und bepinselte. „Sie könnten diese Reise vermutlich machen, wenn es denn sein müsste, aber sie hätten nichts davon.“ Mit sicheren Handgriffen schnitt er mit einer gigantischen Schere die meinen Arm umschliessende und starr gewordene Hülle auf und versäuberte die Kanten mit Klebband. „Vielleicht tat in ihrem Leben eine Entschleunigung Not?“ In der gegenüberliegenden Ecke des Gipszimmers bohrte er ein paar Löcher und ergänzte mein neues Accessoire mit drei praktischen Laschen. „Sie sind nicht krank, Sie haben sich bloss was gebrochen. Also geniessen Sie die Zeit, die Ihnen das gibt, aber gehen Sie’s langsam an.“

Es dauerte ein paar Tage, bis die Worte bei mir angekommen waren, aber jetzt, wo ich die Schiene von weitem sehe, weil ich sie nicht mehr tragen muss, erinnere ich mich wieder an sie und realisiere, dass die Entschleunigung auch innerlich stattgefunden hat. 
Ich hatte sozusagen ein bisschen Ferien von mir selber.
Manchmal braucht es wohl einen Bruch, damit man das Ganze wieder sehen kann.

Die Schiene werde ich ab und zu noch montieren, damit ich nicht vergesse, dass ich den Arm noch ein paar Wochen nicht belasten darf und …nicht zu sehr beschleunige.

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7 Antworten zu Entschleunigung

  1. Flohnmobil schreibt:

    Und früher oder später wird sich ein mehr oder weniger netter Mensch finden, der dir die Schiene fachgerecht als mahnendes Kunstwerk an die Wand dübelt. Du musst nur wollen. 😉

  2. anneinsideoffice schreibt:

    Ja, es braucht Zeit solche Dinge anzunehmen. Ich habe auch erst mit der Zeit gesehen, dass mich die beiden Rückenoperationen und dass lange liegen danach und dazwischen auch bereichert haben. Ich konnte tagelang lesen, soviel wie seit der Kindheit nicht mehr und ich konnte abgeben. Mein Mann hilft heute viel mehr mit als früher.

  3. Anhora schreibt:

    Ich glaube, ich sollte mir auch den Arm brechen. 😉
    Schön, wie du sowas angehst! 🙂

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