NEUROSEN

002 (2)

Ich war ein hochgradig neurotisches Kind.
Die Phase, in der ich mir übermässig oft die Hände wusch, dauerte glücklicherweise nicht allzu lange. Sie wurde durch den Anfang meiner Schwimmkarriere beendet, eine Phase meines Lebens, in der ich sowieso meistens im Wasser war.
Um mein neurotisches Potential auszuschöpfen, verlegte ich mich einige Zeit darauf, jeden Satz – und ich meine wirklich JEDEN – mit „hey“ zu beenden, was meine Eltern beinahe in den Wahnsinn trieb. Die mit der Zeit anstrengende Angewohnheit, mich jeden Abend von sämtlichen Stofftieren persönlich, sie beim Namen nennend, zu verabschieden, hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits überwunden.
Man muss ja auch mal schlafen, wenn man sich im Wachstum befindet.
Allerdings hatte ich da meine Strategie, mich mittels rhythmischer Bewegungen und lauten Gesangs selber ins Traumland zu befördern, meinen Eltern zuliebe schon aufgegeben. Zu sehr hatten sie sich einer allfälligen Schädigung meiner Gehirnfunktionen wegen geängstigt und ganz nebenbei befürchtet, die Kündigung zu erhalten. Ich sang laut. Und lang.
Einschlafen gehörte leider nicht zu den Dingen, die mir leicht fielen, weshalb ich mich immer öfters nachts vor dem Bett meiner Eltern wiederfand, um sie über den Stand der Dinge zu informieren, nämlich, dass es mir noch immer nicht gelungen war. Ihr anfängliches Interesse verwandelte sich Im Laufe der Monate in Gleichgültigkeit und schliesslich in unterdrückten und zumindest aus meiner heutigen Sicht völlig verständlichen Ärger.
Vorübergehend konzentrierte ich mich also wieder auf die bewährte Wackel-und-Sing-Methode – als brisantes Detail sei hier erwähnt, dass ich sämtliche Lieder von Heintje auswendig konnte, was das Ausmass des Kummers, den ich verursachte, zu verdeutlichen mag – fand aber bald, ich sei nun zu alt dafür und entwickelte deshalb zahlreiche, sich abwechselnde, kleinere Ticks, die sich schliesslich, irgendwann, verloren. Vielleicht gewöhnte ich mich aber auch nur an sie, so dass sie mir nicht mehr als Ticks erschienen.

Nun ist es oft nicht ganz klar, was ein Tick ist und was nicht. Fällt meine Angewohnheit, mich pausenlos zu bedanken oder zu entschuldigen oder nachzufragen, ob wirklich alles richtig sei oder ob man nicht doch lieber… kurz, ob ich es wirklich JEDEM recht mache, …also – fällt das auch unter Ticks oder läuft das unter „gute Erziehung“? Da ich mich so verdammt schwer damit tue, es mir abzugewöhnen, tippe ich auf letzteres.

Die ultimative Affirmation, die aus meinem Neujahrsvorsatz resultiert, lautet deshalb:
Es ist mir egal, was andere über mich denken.


Ich will schliesslich nicht neurotisch werden – Gott behüte!

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2 Antworten zu NEUROSEN

  1. mrsweasly schreibt:

    das wäre kein tick, auch keine gute erziehung, das ist unsicherheit in einem ausgeprägten masse. ich musste schmunzeln, weil total toll geschrieben, diesen tick haste auf alle fälle 🙂

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