Grobfahrlässig

Es begann ganz harmlos. „Sind Sie sich klar darüber“, erkundigte sich der Versicherungsberater mit besorgter Stimme, dass Sie Regressverzicht bei grober Fahrlässigkeit nicht mit dabei haben?“ Ich verzichtete darauf, ihn darüber aufzuklären, dass ich grad keine Ahnung hatte, worum es ging, was vermutlich grob fahrlässig war. Stattdessen griff ich auf eine bewährte Strategie zurück und liess durchblicken, ich sei nach der Meinung Dritter genügend versichert. „Wie können Sie genügend versichert sein“, entgegnete er, „wenn Sie weder eine Rechts- noch eine Reiseversicherung, ja“, hier erhob er anklagend seine Stimme, „nicht eimal eine Hausratversicherung haben.“ Obwohl mich die letzte Bemerkung aufhorchen liess – hatte ich nicht nach meinem Umzug in die Agentur telefoniert und mich exakt danach erkundigt? – gab ich mir keine Blösse und tat so, als sei alles paletti.

Ich verbrachte ein angeregtes Wochenende mit dem Studium meiner nicht mehr vorhandenen Versicherungsunterlagen, um mitten in der Nacht eine kleinlaute Mail zu schreiben, an deren Formulierung ich sorgfältig feilte, um mein Gesicht zu wahren. Ich war zum Schluss gekommen, dass es, sollte ich denn wirklich keine haben, von Vorteil wäre, eine Hausratversicherung abzuschliessen, nicht zuletzt, weil ich beim Unterschreiben des Mietvertrags hoch und heilig geschworen hatte, über eine solche zu verfügen.

Das nächste Telefonat mit dem Versicherungsberater diente primär der Verbesserung der bilateralen Beziehungen. Gnädig kam er meinen Bemühungen entgegen, meine kurz angebundene Reaktion vom letzten Mal zu relativieren und mich selber wieder ins rechte Licht zu rücken. Vielleicht hatte ich ein bisschen übertrieben, wie ich aus der Bemerkung des Teenager schloss („Flirtest du jetzt mit dem Versicherungsberater?“), aber ich sage immer: „Man kann nicht freundlich genug zu seinen Mitmenschen sein.“ Und nein, das hat nichts damit zu tun, dass mein Geburtsdatum in den mir zugesandten Unterlagen gänzlich falsch war und mich der nette Mann fünf Jahre jünger gemacht hatte, als ich bin.

Immerhin: Es scheint so, als ob wir jetzt täglich miteinander telefonieren, denn heute rief er mich schon wieder an. Mein sechster Sinn registrierte sofort, dass sich das Machtverhältnis aus unerfindlichen Gründen verschoben hatte, als er mit einschmeichelnder Stimme fragte: „Wie war gleich nochmals die Nummer ihrer Police?
Seltsam“, meinte er, „unter dieser Nummer ist eine Melissa Meier versichert.“ Ich versicherte ihm, nach einem Moment des Zögerns, in dem ich versucht war, meine Identität abzustreifen und in eine neue, mir gänzlich unbekannte zu schlüpfen, nicht diese Melissa Meier zu sein, auf gar keinen Fall. DARAN hätte ich mich erinnert.

Mein neuer ständiger Telefonbegleiter ist in diesem Moment dabei, das Rätsel zu lösen und ich bin gespannt, zu erfahren, wofür ich während der letzten Jahre mein Geld ausgegeben habe und wie genau ich versichert bin.

Ihnen aber, Melissa Meier, falls Sie hier mitlesen, kann ich nur wärmstens ans Herz legen, sich ausreichend zu versichern, denn: Man weiss ja nie!

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7 Antworten zu Grobfahrlässig

  1. Flohnmobil schreibt:

    Wahr oder gut erfunden?

  2. Colorsigns schreibt:

    Genial ……

  3. Anhora schreibt:

    Sehr geehrte Schreibschaukel,

    besten Dank für die jahrelange Kostenübernahme für meine Hausratversicherung.

    Herzlichst,
    Ihre Melissa Meier.

    😉

  4. Anhora schreibt:

    Es ist auf nix Verlass! 😉

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