Seelenschmetter

Ich mag Sprüche. Ergo mag ich auch meine diversen Zettelboxen die mich diesbezüglich versorgen. Während diejenige in der Küche, als Grundlage für meine Einkaufszettel dienend, mit Weisheiten aus dem Kloster bestückt ist, trägt jene neben dem Telefon den schönen Titel „mutig und entschlossen“ und wer jetzt denkt, es wäre sinnvoller andersrum: NEIN. Ich kaufe eh schon zu entschlossen ein.

Manchmal kommt es aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven und Wertvorstellungen, die diesen Boxen zugrunde liegen, zum Clash und zwar auf verschiedenen Ebenen, was ich im Folgenden am Beispiel meiner heutigen aufs Auge gedrückt bekommenen Lebenswahrheiten kurz erläutern möchte. Oder auch länger.

Während in der ersten Box, in unmittelbarer Nähe zum Kühlschrank, zu lesen war „Müssiggang ist der Feind der Seele.“ punktete das Telefon mit „Die einzige Möglichkeit, eine Versuchung loszuwerden, besteht darin, dass man ihr nachgibt.“
Nicht nur, weil mir Oscar Wilde näher steht als ein gewisser Benedikt von Nursia, aber womöglich – unbewusst! – auch deswegen, öffnete ich erst mal die Kühlschranktür und vertilgte die restlichen Schokoladewaffeln, was mein vorangegangenes BBP Hometraining zugebenermassen in Frage stellte.
Das hätte ich mir glatt sparen können, hätte ich die Waffeln belassen, wo sie waren.
Allerdings wäre ich dann während der betreffenden dreiviertel Stunde müssig gewesen und das, so meine logische Folgerung, hätte mir meine Seele wiederum übelgenommen. Eine klassische lose-lose Situation. Schuldbewusst betrachtete ich die nunmehr leere Packung – es war aber nichts mehr zu machen, der letzte Krümel war dahin – und hatte bereits den Mund geöffnet, um mir eine saftige Standpredigt zu halten.

An diesem Punkt mischte sich meine Seele ein. „Ich mag Müssiggang“, warf sie mir, ihre Stirn runzelnd, vor die Füsse. (Doch, Seelen verfügen über eine Stirn, wenngleich sie sich anders als unsereins nicht mit deren Falten beschäftigen. Eine Stirn brauchen sie, um sich dahinter Gedanken zu machen und es würde bestimmt niemand eine Seele ernsthaft als gedankenlos bezeichnen.)

Dieser Einwand erfolgte jetzt zwar mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung (ich war schon beim nächsten Gedanken), allein: Es ist hinlänglich bekannt, dass die Seele öfters hinter den aktuellen Begebenheiten her hinkt.

Ich verdrängte als vorerst die Tatsache, dass ich wieder mal der Versuchung nachgegeben hatte – was ich meist bedaure, selbst wenn Oscar Wilde mir posthum applaudieren würde – und hob diese erstaunliche Bemerkung meiner Seele auf, drehte und wendete sie, besah sie von allen Seiten und legte sie dann an einen Ehrenplatz, auf den Sims vor meinem grossen Fenster, von wo aus ich sie gut sehen kann, wenn ich auf dem Balkon dem Müssiggang fröne.
Es kommt nämlich nicht oft vor, dass ich im Einklang mit meiner Seele bin.

Obwohl ich mich also äusserst zuvorkommend und einsichtig gezeigt hatte – meiner Seele gegenüber – machte ihr demonstrativ zur Schau gestellter Missmut klar: Irgendetwas passte ihr nicht. All mein Fingerspitzengefühl mobilisierend hakte ich vorsichtig nach. Wo der Schuh drücke. Ob ich sie unterstützen könne darin, wieder zum adäquaten Zustand einer Seele – einem Zustand ohne gerunzelte Stirn – zurückzufinden. Es sei mir nicht egal, wie sie sich fühle. Sie solle also kein Blatt vor den Mund nehmen und frei heraus sprechen.

Das hätte ich mal lieber nicht getan. Jetzt entlud sich nämlich ein verbales Gewitter über mir, in einem Wortlaut, den ich meiner Seele nicht zugetraut hätte und den ich hier nicht wiedergeben werde. Auf den Punkt gebracht aber ging es darum, dass die Ferien nun zu Ende gehen, ich ab morgen wieder arbeiten muss und meine Seele mit mir.
Damit tut sie sich schwer.

Gut, dass Benedikt von Nursia schon vor 1467 Jahren aus dem Leben schied. Da kann ich mir die schriftliche Beschwerde an seine Adresse sparen. Ich hätte auch keine Zeit dafür. Die noch zu bezahlenden Rechnungen, der Kommentar, den ich schon seit Tagen durchlesen wollte sowie das T-Shirt, das endlich geflickt werden sollte, müssen ebenfalls warten. Eben hat sich die Sonne gezeigt und ich komme nicht darum herum: Ich muss meine Badetasche packen und zum See radeln.

Etwas anderes würde meine Seele nicht akzeptieren.


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4 Antworten zu Seelenschmetter

  1. runningtom schreibt:

    Wow… so tiefgründige Gedanken… ich bin geplättet. Ich muss gestehen, bei mir wäre nach entschlossenem Wegräumen der leeren Schokoladewaffel-packung Schluss gewesen.

  2. Flohnmobil schreibt:

    15 Kägi Fretli und tags davor ein Brombeer-Törtchen mit Aussicht.
    Keine schlechte Basis für den Neustart in den Alltag.

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