Das Wunder der Heiligen Nacht

Ich traute meinen Augen nicht: eine Mücke, mitten im Winter. Frech sass sie da und beguckte sich ihre Fingernägel – obwohl ich das jetzt nicht so genau sah, um ehrlich zu sein; sie sind ja winzig, diese Mücken –und war eben dabei, sich in meiner Küche häuslich einzurichten.
Das ärgerte mich ein bisschen.
Ich hatte gedacht, ich hätte jetzt mal einen Moment Ruhe vor diesen Störenfrieden.

Ich will mich nicht herausreden: Mein Ärger über den Hausfriedensbruch war so gross, dass ich dem Eindringling nach dem Leben trachtete. Eine günstige Vorsehung wusste dies allerdings im ersten Anlauf zu verhindern, was wohl meinen andauernden Schlafproblemen zuzuschreiben ist; meine Reaktionszeit verkürzt sich momentan von Tag zu Tag (an dieser Stelle denke man sich das Gegenteil des Wortes „exponentiell“, das leider nicht existiert).

Vielleicht war aber auch bloss die Mücke noch sehr jung und dementsprechend gewandt im Abheben. Während ich ihr noch auf die Spur zu kommen versuchte fiel mir ein, dass Heiligabend war. Schuldbewusst senkte ich meine erhobene Hand und musste unwillkürlich an die Weihnachtsgeschiche denken. Hatte ich dieselbe nicht Jahr für Jahr vorgelesen im Bestreben, den Teenager zu einem gastfreundlichen, barmherzigen Menschen zu erziehen? Zu einem mitfühlenden Wesen, dass seine Tür nicht zuknallt, wenn ein Obdachloser um Einlass bittet? Trotz warmer Temperaturen und angekündigtem Föhnsturm würde es der Mücke arg um ihre kleinen Ohren ziehen, sobald sich Dunkelheit übers Land senkte, ja, vermutlich hätte die einbrechende Nacht ihr baldiges Ableben zur Folge. Kein Wunder also, dass sie ungefragt durchs geöffnete Fenster geflogen war. Dies war einzig und allein ihrem Selbsterhaltungstrieb geschuldet.

Mir wurde warm ums Herz.
Heiligabend.
Der Abend, an dem böse Worte für einmal nicht ausgesprochen, sondern nur gedacht werden, sich nach Geschäftsschluss eine eigentümliche Ruhe über die Bahnhofstrasse senkt, Feinde vorübergehend zwar nicht zu Freunden werden, sich aber immerhin dulden und man ganz sicher KEINE MÜCKEN ERSCHLÄGT.

Gut, war mir das gerade noch eingefallen.

Als ich Stunden später im Bett lag, wieder mal hellwach, drang das altbekannte und gefürchtete Summen an mein Ohr. Kurz nur zuckte meine rechte Hand zum Ohr, doch dann ergab ich mich in mein Schicksal und liess die Mücke gewähren. Sollte sie sich den Magen vollschlagen – letztlich stand ich ja doch auf der Gewinnerseite und würde mich noch meines warmen Blutes erfreuen, wenn sie schon lange im Mückenhimmel sein würde. (Wo sie, falls ich aus Versehen dorthin käme, vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen würde).

Doch siehe:
Der morgendliche Blick in den Spiegel bezeugte meine Unversehrtheit. Kein einziger Stich, soweit ich das beurteilen kann. (Jedenfalls nicht äusserlich).
Es gibt auch heutzutage noch Wunder.
Aber nur in der Heiligen Nacht.

.

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4 Antworten zu Das Wunder der Heiligen Nacht

  1. ericasta schreibt:

    Dito … Habe gestern ganz unchristlich auch eine entfernt. Was ist da los?

    Noch schöne Feiertage wünscht Heidrun

  2. runningtom schreibt:

    Mücken-Amnestie 🙂

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