Alle Jahre wieder

„Wie alt ist das Kind?“, fragte die Kollegin und guckte skeptisch, als ich verkündete: „Es wird demnächst 19.“
Ihr erschien es seltsam, dass ein Kind, das eigentlich keins mehr ist, immer noch auf einem Weihnachtsbaum mit allem Drumherum besteht. Ich zuckte Verständnis heuchelnd mit den Schultern und verschwieg wohlweislich, dass die Notwendigkeit eines geschmückten Baums in der Stube – objektiv gesehen eine Absurdität höchsten Grades – nicht nur auf den expliziten Wünschen des Kindes beruht.

So zogen denn der Teenager und ich los und organisierten uns einen Weihnachtsbaum, den ersten in unserer nunmehr bald einjährigen Wohngemeinschaft, wie immer ein bisschen grösser als geplant. Als der Teenager vor dem Haus grosszügig sagte. „Lass mal, hoch trage ich ihn alleine“, dachte ich gerührt und wehmütig, aber auch mit einer gewissen Erleichterung an die Zeit zurück, als es zumeist meine Aufgabe gewesen war, einen Baum zu beschaffen und ihn in der Folge termingerecht zu schmücken. Will heissen: Pünktlich zur Bescherung am Weihnachtsabend und keine Minute früher. All die Mütter, die auch in diesem Jahr erschöpft und mir letzter Kraft „Oh du Fröhliche“ singend  unter dem Baum sitzen werden – sie wissen, was ich meine.

Wie entspannend ist es dagegen, kann man den Baum schon lange vorher und in aller Ruhe schmücken. Man hat dann ja auch mehr davon. Man hat allerdings auch mehr Zeit, darüber nachzudenken, also über den Baum, und weil der Teenager und ich ihn kitschig mögen, einigten wir uns darauf, noch etwas aufzurüsten. Er ist ja auch ziemlich gross, der Baum.

Wann immer wir nun das Haus verlassen; wir kehren nicht mit leeren Händen zurück. Neben Kerzen und Kugeln zieren immer mehr ulkige Figuren unseren Baum, der als solcher quasi nicht mehr zu erkennen ist. Worüber ich notabene sehr froh war, als gestern der vierbeinige Besucher kurz verächtlich daran schnupperte, um sich dann indigniert abzuwenden.

Jedenfalls ist es gut, wenn endlich Heiligabend ist und das Schmücken ein Ende hat. Wir sind mittlerweile nämlich ein bisschen erschöpft, der Teenager und ich.
Allerdings werden wir in diesem Jahr auch nicht „Oh du Fröhliche“ singen.
Vielleicht aber „Alle Jahre wieder“.

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