50 plus

Der Tag wäre eigentlich ganz in Ordnung gewesen.

Wäre da nicht diese Beilage in der Tageszeitung, „50 plus“ mit dem Untertitel „Lebensträume verwirklichen“ sowie, unmittelbar darunter, das Titelthema „Kreuzfahrten“. Als ich mit spitzen Fingern umblättere, sehe ich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Ab 50 wird man als „alt“ gehandelt.

Zwischen Artikeln, die sich vorwiegend um die (schwindende) Gesundheit drehen und solchen, die die Vorzüge der besagten Kreuzfahrten (alternativ auch Busfahrten) anpreisen, sind grosszügig Werbung platziert, für die man mit 50 plus offenbar das Zielpublikum stellt. Angepriesen werden unter anderem: ein Blutdruckmessgerät, eine Therapie gegen Ohrensausen, ein Haarwuchsmittel, Comfortschuhe, Inkontinenzeilagen, Hormone gegen Hitzewallungen, ein Buch mit Tipps bezüglich der Ordnung des Nachlasses und Patientenverfügung, ein Programm zum Abnehmen und die Totalsanierung des Gebisses. Letzteres in nur einem Tag. Es muss ja schnell gehen; man lebt womöglich nicht mehr so lange.

Gut, irgendwo muss man das Seniorenzeitalter festmachen und 50 ist eine ziemlich runde Zahl, sie drängt sich zugebenermassen als Schallgrenze auf. So spreche ich zu meinem inneren Kind und will nun wenigstens wissen, was mich und die anderen 50 plus Menschen in den Augen von drei namhaften Persönlichkeiten auszeichnet, welche Bedürfnisse ich habe, wie im Dienstleistungssektor auf diese Bedürfnisse eingegangen werden kann und welche Bedeutung ich zusammen mit meinen gleichaltrigen Gspönli für die betreffenden Unternehmen habe.

Kreuzfahrten, zum Beispiel, sind es nämlich nicht, meine Herren, und auch keine Busfahrten!

Die Lust auf neue Erkenntnisse kommt jedoch schnell zum Erliegen. Die in den Ausführungen verwendeten Formulierungen befremden mich zutiefst. Ständig wird von „diesen“ Menschen geredet. Es klingt nach etwas Schlimmem und macht mir schmerzhaft bewusst: Ich gehöre ja auch, nicht erst seit gestern, zu „diesen“ Menschen. Beim Weiterlesen allerdings fällt es mir trotzdem schwer, mich mit meiner sozialen Gruppe zu identifizieren. Weder bin ich daran, die Weichen für mein Leben nach dem Ruhestand zu stellen – ich hab sie ja erst grad umgestellt – noch habe ich ein Einfamilienhaus oder einen Zweitwagen. Darüber, wie ich mein Vermögen anlegen soll, muss ich mir auch keine Gedanken machen; ich habe nämlich keins. Zudem fühle ich mich nicht auf dem Zenit meines Könnens, ganz im Gegenteil, ich beginne gerade zu begreifen, wie viel ich noch lernen muss.

Ich gebe deshalb auf und lasse die ganzen Erkenntnisse über meine Bedürfnisse und Ziele im Dunkeln ruhen. Es wird auch ohne gehen; die letzten drei Jahre habe ich ja auch irgendwie hinter mich gebracht. Immerhin ist mir klargeworden, warum mich kürzlich im Lift des ultramodernen Gebäudes die Stimme aus dem Off so störte. „Abwärts“ sagte sie und obwohl ich tatsächlich nach unten wollte, ging mir diese Ankündigung total gegen den Strich.

Es ist nämlich so: Von jetzt an geht es aufwärts.
Da bin ich mir ziemlich sicher.

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18 Antworten zu 50 plus

  1. Flohnmobil schreibt:

    Danke für die Zusammenfassung des Zeitungsbunds. Du hast mich davor bewahrt, diesen aufzubewahren, damit ich ihn in ein paar Wochen „dann“ lesen kann.

  2. blumenelfe schreibt:

    Diese Beilageheftchen habe ich auch schon häufig gesehen & man bekommt meistens leider den Eindruck als wäre das Alter eine Krankheit.
    Dann schau ich mir doch lieber meine Oma an, die mir das Gegenteil beweist. 🙂

  3. notiznagel schreibt:

    Frau oder Mann sind so alt wie sie sich fühlen möchten, ob mit oder ohne Kreuzfahrt.

  4. tonari schreibt:

    Wenige Tage nach meinem Start in die zweite Hälfte des Jahrhunderts erhielt ich Werbung von einem Reiseveranstalter, mit dem wir einmal unterwegs waren.
    Er bot mir doch tatsächlich Fernreisen mit ärztlicher Begleitung an. 😉

  5. lesbomat schreibt:

    Hihi, wohlgesprochen, Schreibschaukel. Sind 50 nicht die neuen 30?

  6. mrsweasly schreibt:

    wir sollten uns lösen und einfach nur lebendig geniessen 🙂

  7. wholelottarosie schreibt:

    Man muss sich einfach mal nur Keith Richards angucken. Der Gitarrist der Stones wurde gestern 70 (!!) Jahre alt. Als ihn ein Journalist fragte, wann er denn aufhören wolle, die Bühnen zu rocken, antwortete er: „Wieso denn jetzt schon?“
    LG von Rosie

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