Fein(d)sozialisation

Die Strasse, an der ich wohne, ist schmal. Zusammen mit den am Strassenrand geparkten Autos ergibt sich daraus die Unmöglichkeit, ein anderes Auto zu kreuzen. Vorausschauend liess ich deshalb zwei Wagen den Vortritt, um anschliessend freie Bahn bis zur Einfahrt der Parkplätze zu haben. Daraus wurde dann aber nichts, denn dort stand schon ein anderes Auto. Es stand zwar nicht mitten in der Einfahrt, aber eben dort, wo der Schnee weggepflügt worden war, weshalb für mich kein Durchkommen war. Da stand ich nun mitten auf der Strasse und blockierte dieselbe.

Nachdem ich ausgestiegen war und versucht hatte, den Schnee mit dem Fuss flach zu treten – ein erfolgloses Unternehmen – machte ich mich auf die Suche nach dem Besitzer des Autos, denn oberhalb der Treppe hörte ich Stimmen. Ich unterbreitete dem jungen Mann, der offenbar seinen Kollegen zum Training abholte (bestimmt Kickboxen oder etwas Schlimmeres!!) mein Problem und ging dann wieder zu meinem Auto zurück, das die Strasse versperrte. Tatsächlich wartete schon ein anderes Fahrzeug. Der Kickboxer liess sich Zeit mit dem Herunterkommen, er hatte keine Eile, aber ich, mittlerweile selbst zum Verkehrshindernis geworden, war enerviert. Ich bin aber ja eine Frau und dazu erzogen worden, in jeder Situation nett zu sein, weshalb ich nicht sagte, was ich eigentlich hätte sagen wollen. Ich sagte aber auch nicht, was ich vermutlich hätte sagen sollen, nämlich: „Ganz herzlichen Dank, lass dir ruhig Zeit, du bist so oder so mein Held und möchtest du noch eine Schachtel Pralinen?“ Sondern nur (wortwörtlich): „Das war jetzt nicht so gescheit“, gefolgt von einer Handbewegung zum anderen wartenden Auto hin. Der Kickboxer setzte zurück, ich fuhr auf meinen Parkplatz und freute mich, dass Freitagabend und ich endlich zu Hause war

Die Freude hielt nicht lange an.

Noch während ich meine Einkaufstaschen aus meinem Wagen hievte, näherte sich der Kickboxer und zwar nicht, um mir beim Tragen zu helfen. „Blöde Bemerkungen brauche ich im Fall nicht, sonst flippe ich aus“, zischte er durch zusammengebissen Zähne. Ich war perplex und gab spontan das zur Antwort, was mir in den Sinn kam: „Das war keine blöde Bemerkung, sondern bloss eine Feststellung.“ Ich schwöre, ich meinte das nicht frech. Naivität meinerseits war aber nicht gefragt, denn nun ging mit dem Kickboxer eine beunruhigende Veränderung vor sich. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, er ballte die Fäuste, sein ganzer Körper schien sich zu verdichten, er guckte furchtbar böse und …wiederholte genau denselben Satz nochmals. Ob er an meinem Gehör zweifelte oder einen beschränkten Wortschatz hat, traute ich mich nicht mehr zu fragen und als er begann, vor sich hin fluchend, in die Mauer zu treten – was mir das unangenehme Gefühl gab, er hätte viel lieber mich getreten – hielt ich es für angebracht, mich ohne weiteren Kommentar von ihm zu entfernen.

Auf der Treppe kam mir der junge Nachbar, der abgeholt wurde, entgegen und ich konnte mir ein „Dein Kollege ist aber komisch drauf“, nicht verkneifen. Leider. Jetzt habe ich nämlich Angst, dass der andere das gehört hat. Und weil der heute ja vermutlich nochmals hier aufkreuzt, fürchte ich um meine Sicherheit und insbesondere um diejenige meines Autos, das schutzlos auf dem Parkplatz steht.

Ich bereue es, dass ich wieder mal nicht meinen Mund halten konnte. Ich bereue es, dass ich mich unangemessen verhalten habe. Ich bereue es, dass ich einem anderen Menschen empfindlich auf die Zehen getreten bin und ihm möglicherweise den Abend versaut habe (mir übrigens auch). Ich bereue es, dass ich es an Toleranz, Verständnis und Gelassenheit habe fehlen lasse.

Am allermeisten allerdings bereue ich es, dass ich solcherart sozialisiert worden bin und mir länger als fünf Minuten Gedanken über diesen Vorfall mache. Man stelle sich nämlich bloss mal vor, was der Typ (oder sieben von zehn anderen Männern) zu mir gesagt hätte, hätte ICH die Einfahrt blockiert.

Und für den Fall, dass ich plötzlich und unerklärlich von der Bildfläche verschwinde: Der Kickboxer war’s!

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6 Antworten zu Fein(d)sozialisation

  1. runningtom schreibt:

    Es gibt eben Mitmenschen… da kann man gar nicht genug Verständnis haben…

  2. tonari schreibt:

    Oh, das hätte meine Story sein können.
    Aber da wären dann doch noch ein paar andere Worte gegrummelt worden. Hirnstein zum Beispiel. 😉

  3. Flohnmobil schreibt:

    Ach wie gut ich nachfühlen kann. Und ausnahmsweise bin ich der Ansicht, dass du mit deinen Schilderungen kein Quäntchen übertrieben hast.
    Das wär mir doch genau gleich ergangen und am Schluss hätte ich mir noch ein gebildet, ICH hätte die Strasse blockiert. Dass solch unberechenbare Typen in deinem Wohnquartier frei rumlaufen, hast du wirklich nicht verdient. Und dein Autöli auch nicht.

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