Stürme des Lebens


Bild: U.D.

Als ich ein Kind war fürchtete ich mich, wenn draussen der Sturm tobte. Seinen Anfang hatte dieses unerklärliche Entsetzen wohl in dem Moment genommen, als ich am Radio ein Hörspiel auf meine noch kleinen Ohren bekam, welches einen Hurrikan zum Thema hatte. Die realistischen Schilderungen von Menschen, die sich unter Zäune klemmten, um nicht davon geweht zu werden, durch die Luft segelnde Hausdächer und Kühe, die sich unvermittelt auf einer anderen Weide wiederfanden, noch an den Grashalmen der letzten käuend, hatte mir in meiner kindlichen Fantasie sehr plastisch vor Augen gestanden. Ich erinnere mich noch heute daran.

Wenn fortan der Herbststurm an den alten Rollläden rüttelte, der Wind durchs Schlüsselloch pfiff, und die Schatten der schon damals vorzeitig montierten Weihnachtslichter geisterhaft auf den Wänden meines Zimmers tanzten, wo ich mich allein, scheinbar von der ganzen Welt verlassen fand, dann gab es kein Halten mehr.

Wie oft stand ich zitternd vor Angst vor dem Bett meiner Eltern, die das anfangs verständnisvoll tolerierten, mit der Zeit, verständlicherweise, aber ein bisschen genervt waren. Es dauerte lange, sehr lange, bis ich meine Angst überwunden hatte, und wenn ich eines Tages auch in der Lage war, sie alleine niederzukämpfen; Stürme mochte ich für lange Jahre nicht leiden.

Es ist gut, dass ich nicht mehr so viel Angst habe. Weder vor den Stürmen draussen, noch vor denen des Lebens. Heutzutage kuschle ich mich wohlig in meine gemütliche Wohnung, wenn es draussen – so wie jetzt gerade – pfeift und braust und knallt und scheppert. Ich weiss, dass mir Stürme, egal welcher Art, so schnell nichts anhaben können. Vielleicht bringen sie mich vorübergehend aus dem Gleichgewicht, aber ich bin mittlerweile recht standfest. Das ist gut. Es sind keine Eltern mehr da, zu denen ich mich flüchten könnte.

Dass dies aber auch nicht mehr nötig ist, dass ich diese beruhigende Sicherheit in mir selber spüre, die mich nicht mehr ganz so schnell zittern lässt wie ehemals, das habe ich wohl, so denke ich, zu einem grossen Teil ihnen, meinen Eltern, zu verdanken, die damals, als ich noch nicht so stark war, zwar mit einem Seufzen, aber dennoch einladend, ihre Bettdecke lüpften.

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5 Antworten zu Stürme des Lebens

  1. notiznagel schreibt:

    Wir wünschten allen Kindern solch Eltern.
    Eltern, die wie die deinen ihre Kinder auf alle Stürme des Lebens vorbereiteten.
    Einen gemütliches Stube-Höckeln gönnt dir Müller von seinem Sofa.

  2. mrsweasly schreibt:

    das hast du sehr schön geschrieben.
    ich habe stürme und gewitter geliebt als kind. ich stand immer mit meiner oma am fenster, dass war so toll 🙂
    beim nächsten sturm kommst vorbei, dann mach ich uns kuchen und lecker kaffee 😉

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