Veloziferisch

„Du meine Güte – die Themen …“, stöhnte der Teenager und liess sich erschöpft aufs Sofa plumpsen. Selbst die Prüfungsaufsicht habe mitleidig den Kopf geschüttelt. Es sei nicht einfach gewesen, aber er habe sich für das erste Thema entschieden und immerhin acht Seiten dazu verfasst.
Und so hatte der Teenager das vorläufige Ende einer hektischen Vorbereitungszeit in Form der ersten Maturprüfung sinnigerweise damit zugebracht, sich Gedanken zu Goethes Missbilligung einer immer ruheloser werdenden Gesellschaft zu machen. Für die zunehmende Beschleunigung, die ihm als Inbegriff allen Übels galt, erfand der Meister sogar ein putziges Wort: Veloziferisch nannte er das Gebaren, das dem Einzelnen keine Ruhe mehr liess, die Dinge zu überdenken. Dabei dachte er übrigens nicht an ein Zweirad, sondern verband die beiden Begriffe Velocitas (Eile) und Lucifer miteinander.

Sein in die Literaturgeschichte eingegangener Unmut entlud sich im Jahre 1825 und das ist, aus heutiger Warte, irgendwie lustig: Vor beinahe 200 Jahren ging es doch wohl noch äusserst geruhsam zu und her, oder? Heutzutage hätten wir viel mehr Grund, über das hohe Lebenstempo zu schimpfen. So war kürzlich in der Zeitung zu lesen, dass sich Popcorn für die Mikrowelle nur noch schlecht verkaufe, weil die Leute keine Zeit mehr hätten, drei Minuten darauf zu warten. Der Absatz an Fertigpopcorn sei daher wieder gestiegen. Schon wird , um den sinkenden Verkaufszahlen entgegenzuwirken, die erste App angekündigt, die anhand der „Pop“ Geräusche erkennt, wann die Mikrowelle wieder zu öffnen sei, damit man nicht drei Minuten davor vertrödeln muss.
Wo man diese drei Minuten doch viel sinnvoller nutzen kann!

Das zeigt wieder einmal, dass alles relativ ist. Würde Goethe heute leben, käme er wohl gar nicht mehr nach mit Wortschöpfen oder schlimmer: Er wäre vielleicht nicht mal dazu gekommen, den Faust zu schreiben, sondern hätte bloss eine im Sack gemacht. Er wäre nämlich viel zu beschäftigt damit gewesen, zu twittern und sein Facebook Profil upzudaten und auf WhatsApp sein beschleunigtes Leben zu organisieren.
Und womöglich hätte er sogar noch gebloggt.

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6 Antworten zu Veloziferisch

  1. runningtom schreibt:

    Jedenfalls können wir und unsere Nachkommen sich auf einiges gefasst machen, wenn es so weitergeht…

  2. notiznagel schreibt:

    „Goethe wieder da“, in Anlehnung an den Roman von TIMUR VERMES mit dem Titel „Er ist wieder da“. Stoff für Satire, Persiflage, Literatur-Comedy.

  3. Inch schreibt:

    „Und womöglich hätte er sogar noch gebloggt.“
    Hihihi. ich hau mich weg

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