Mit Herz

Das alte Leben loslassen, aber Erinnerungen aus zwei Jahrzenten mitnehmen – das passt nicht zueinander. Also nahm ich bei meinem Umzug bewusst nur wenige, ausgewählte Dinge mit. Wertvolle Dinge, wenngleich sich ihr Wert nicht mit Geld aufwiegen lässt.

Der Tisch, der das Wohnzimmer ziert und auf den ich sehr stolz bin, stand über zwanzig Jahre in vollendeter Nichtbeachtung im Keller. Als kleines Kind hatte ich an ihm gegessen und Schulaufgaben gemacht, bevor sich meine Eltern einen stattlicheren leisten konnten und er vorübergehend in meiner ersten Wohnung einquartiert wurde. Das neue Kleid aus schwarzer Farbe, welches ich ihm in dilettantischer Manier verpasst habe, lässt ihn wie ein Designerstück aussehen. Vorausgesetzt, man geht nicht zu nahe ran oder ist kurzsichtig. Der Tisch hat für mich nicht nur Erinnerungswert, er steht nunmehr auch für eine Zäsur in meinem Lebenslauf: In die verschiedenen, nur wenige Monate alten Anstriche mischten sich mancherlei Gedanken, Ängste, Sorgen, Wünsche, Hoffnungen und – mit jeder neuen Farbschicht – wachsende Zuversicht.

Zwei weitere Schätze stellen die beiden Mosaikbilder dar, die noch keinen definitiven Platz gefunden haben, aber in der Nähe des besagten Tisches stehen. Ich kann sie vorläufig nicht trennen, denn sie kennen sich von früher, der Tisch und die Bilder. Letztere hat mein Vater lange vor meiner Zeit selber gefertigt. Sie hingen in der Wohnstube meiner Kindheit und später in meinem Schreibzimmer. Sollen sich allfällige Besucher ruhig über meinen grenzwertigen Geschmack wundern; mit der grimmigen, katzbuckelnden Mieze und dem lächelnden Löwen (und alles sehr, sehr farbenfroh), kann in meinen Augen kein anderes Kunstwerk konkurrieren.

Und dann ist da noch dieses Herz aus Birkenholz. Jahrelang hing es an meiner letzten Haustüre. Nur bei Sturm liess ich es ins Haus, weil es sonst ohne Unterbruch an die Tür klopfte, und entsprechend verwittert schaut es aus. Irgendwann in all den Jahren hat sich ein Astloch, das nur im Ansatz da war, ausgeprägt und lässt es durchbohrt erscheinen. Der oberflächliche Schein trügt aber wie so oft: Das Herz ist noch völlig intakt und würde wohl noch lange Jahre Wind und Wetter standhalten, wenn es denn müsste.

Es muss aber nicht. Neuerdings hängt es wind- und wettergeschützt in einem Treppenhaus. Es macht sich sehr gut an der hellblauen Tür und ich freue mich jedes Mal, wenn ich durch sie eintrete in mein kleines Reich, das ich mit dem Teenager teile. Das Herz passt nicht bloss farblich hervorragend zu unserer Wohnungstür, sondern auch deshalb, weil die Tür ebenfalls ein Loch hat, direkt hinter dem scheinbaren Loch des Herzens. Es ist – wäre! – eigentlich ein Guckloch, durch das man ankommende Besucher oder vorbeihuschende Nachbarn beobachten könnte, so man wollte.

Wir wollen aber nicht.
Wer ein Herz hat, macht so etwas nicht.

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2 Antworten zu Mit Herz

  1. runningtom schreibt:

    Die beiden Mosaiks könntest Du doch mal fotografieren und hier abbilden… oder hast Du etwa schon mal?
    Ich näme dann auch noch eine Kopie des Fotos als Erinnerung 🙂

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