Lesemarathon

Ein Schulzimmer ist das, was man in jeder Situation selber gern wäre: anpassungsfähig. Noch nicht lange her mutierte meins anlässlich des Schulhausfests zur verruchten Bar, wo aufsehenerregende Barkeeper bunte Drinks mixten, ständig darauf bedacht, dass die Frisur – bis zu dreissig Zentimeter hoch – nicht darunter litt. Leider musste es wieder in den Urzustand zurückversetzt werden, was eigentlich schade war. Vielleicht würden die Französisch Vokabeln besser haften bleiben, wenn man dazu am Tresen rumhängen könnte.

Auch als Massenlager eignet sich ein Schulzimmer, womit nicht das Schlafen während des Unterrichts gemeint ist. Der Grund, dass gegen acht Uhr die gesamte Mittelstufe mit Matte und Schlafsack, Zahnbürste und teilweise auch mit dem Kuscheltier anmarschierte, war die Lesenacht. Einen grossen Teil des Gepäcks machten also Bücher aus, wobei nicht unbedingt diejenigen am meisten lasen, die am meisten Bücher dabei hatten. Man kann diese nämlich auch geschickt unter die Leute bringen…
Abgesehen von einigen gemeinsamen Programmpunkten war individuelles Lesen angesagt, und zwar open end, nach halb elf Uhr allerdings nur noch mit Taschenlampe. Pech für diejenigen, die vergessen hatten, die Batterien zu wechseln. Clever die anderen, die Lampen mit einem Dynamo dabei hatten, wenngleich es ein bisschen nervte, wenn dieser mitten in der Nacht wieder angeworfen wurde.

Ein paar hartgesottene Leseratten behaupteten am Morgen, sie hätten gar nie geschlafen, was aber nicht stimmt. Ich weiss das. Ich habe praktisch auch gar nie geschlafen, was allerdings nicht am Lesen lag (den ersten erfolglosen Versuch machte ich schon kurz nach ein Uhr). Erwiesenermassen hielten aber ein paar (der Jüngsten!) bis um drei Uhr durch und das ist eine erstaunliche Leistung, bzw. spricht es für die Autoren der betreffenden Bücher!

Am nächsten Morgen bot sich ein herzerwärmendes Bild. Kreuz und quer lagen die Leseleichen herum, einige das Kuscheltier im Arm, andere in Löffelchenstellung mit dem Nebendran und erstaunt stellte man fest: Auch die zartestes Wesen können laut schnarchen!

Mein persönliches Highlight war es, als ich am Frühstücksbuffet eines Viertklässlers angesichtig wurde, der, in einen gestreiften Schlafrock gehüllt, gerade sein Rollköfferchen ins Klo zog, um sich frisch zu machen. Anscheinend hatte er sich als einziger in einem Fünfsternehotel eingemietet. Ich selber hatte in Anbetracht meiner schmerzenden Glieder offenbar keinen einzigen Stern erwischt, aber das macht nichts. In Fünfsternehotels ist es sowieso öde. Und die Lesenacht hat riesig Spass gemacht.

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6 Antworten zu Lesemarathon

  1. Flohnmobil schreibt:

    „Leseleichen“? Eine ganz neue Gattung Menschlein, die du da hervorgebracht hast.

  2. schreibschaukel schreibt:

    Nicht ich …wir (bin ja bloss eine halbe Portion in unserem Viererteam).
    Aber ja – Erstaunliches passierte in diesem „Leselaichexperiment“. 😉

  3. Inch schreibt:

    Ach, den mit dem Rollköfferchen finde ich ja auch herzallerliebst

  4. schreibschaukel schreibt:

    Wir haben zum Glück fast nur Herzallerliebste… 😉

  5. notiznagel schreibt:

    Danke für die Beschreibung eueres Lesemarathon. Viel besser als jedes Foto.

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