Entscheidenendes

Mit Entscheidungen tue ich mich schwer. Ja gut, bei den wenigen grossen, umwälzenden, da kriege ich das gerade noch so hin. Bei den vielen, jeden Tag aufs Neue zu fällenden aber brauche ich Hilfe, sonst wird das nie etwas.
Dank dem Teenager hatte das ewige Hin und Her endlich ein Ende und wir bestellten das DortdrinhabenallunsereübrigenSachenPlatz Möbel im Landhausstil. Der passt nämlich zum Schreibtisch des Teenagers. Mein Einwand, das Pult stehe aber ja ganz woanders, wurde glücklicherweise mit einem Ischdochgliich! entkräftet, sonst wäre ich immer noch am Entscheiden.
Heute war der grosse Tag. Die zwei Möbel wurden geliefert und montiert. Schon in den ersten Minuten schwante mir nichts Gutes. Der Mann, der bei mir vorstellig wurde, war zwar schon einmal hier gewesen, damals aber als etwas ungeschickter Gehilfe.

Diesmal war er der Chef.

Er konnte sich leider weder mit mir noch mit seinem Kollegen verständigen; wir alle sprachen eine andere Sprache. Immerhin lächelte er so nett wie beim ersten Mal und das zieht bei mir immer. Ich verschwand also in mein Zimmer, um mich von den beängstigenden Geräuschen abzulenken. Nach einer Weile streckte der zweite Mann seinen Kopf herein. Er wollte, wie ich nach einer Weile erkannte, nicht bloss hallo sagen; er wollte einen Lappen. Den Lappen brauchte er, um ihn seinem bleichen Kollegen zu reichen, der sehr bekümmert im Zimmer des Teenagers stand und wiederholt zwei Worte von sich gab, nämlich „nicht gut“. Dass es nicht gut war, sah ich dann auch: Der ganze Boden war voll Tipp Ex. Es möge mich niemand fragen, was das Tipp Ex in der Werkzeugkiste sollte, ich fragte auch nicht; ich hätte es sowieso nicht verstanden. Ich verstand aber, dass das eine ziemliche Sauerei war, so auf dem Parkettboden und um ehrlich zu sein: Ich sagte das auch.

Das war natürlich nicht nett von mir.
Ich bin aber dazu erzogen worden, nett zu sein.
Ich bekam deshalb auch sofort ein schlechtes Gewissen.
Zumal mich der Mann mit flehenden Augen, Hände ringend ansah und nicht mehr lächelte. Das fand ich schwer zu ertragen, schwerer noch als das Tipp Ex auf dem Boden. Mit leisem Zweifel (würde ich damit alles noch schlimmer machen?!) griff ich schliesslich zum Nagellackentferner, in dessen Besitz ich aufgrund günstiger Umstände kürzlich geraten war. Die nächste halbe Stunde rutschten wir einträchtig auf dem Boden herum und machten die schöne Erfahrung, dass eine gemeinsame, sinnvolle Aktivität alle Sprachgrenzen überwindet. Während ich so wischte, schon im gnädigen Halbrausch, besann ich mich meiner eigenen beiden linken Hände. In einem Flashback sah ich mich selber, wie ich vor noch nicht so langer Zeit mit einer Kiste durchs ganze Schulhaus spaziert war. Die Kiste enthielt eine GROSSE Tube prall gefüllt mit roter Deckfarbe. Am Anfang jedenfalls. Da bin ich mir ganz sicher. Nur dank einer liebenswürdigen Kollegin, die sich an der Schadensbegrenzung beteiligte, war ich vor Mitternacht zu Hause. Diese sehr persönliche Erinnerung veränderte meine innere Einstellung zu dem unglücklichen Monteur und irgendwie merkte er das vermutlich, so dass er wieder lächelte und alles wieder gut war (vor allem, weil das Tipp Ex abging) und wir uns alle wieder lieb hatten.

Um das fragile Glück nicht zu gefährden und weil ich weiss, wie mir selber in so einer Situation zumute gewesen wäre, belästigte ich den armen Mann nicht weiter und liess ihn, während ich in meinem Zimmer ein paar VaterunserdubistdochimHimmeroder? sprach, seine Arbeit zu Ende bringen. Das war auch besser so und es war insbesondre und für uns alle besser, dass ich sein Werk erst begutachtete, als er schon wieder weg war.

Ja, und jetzt steht es da. Gross und ein bisschen schief und – im Landhausstil.
Dabei habe ich doch gar kein Landhaus.

Wie gut, dass man die Front relativ einfach auswechseln kann. Wenn ich spare, kann ich mir das nächstes Jahr oder so leisten. Vielleicht nehme ich dann die rote Hochglanzfornt. Oder das Birkenimitat. Oder…

…vielleicht behalte ich aber auch die aktuelle Front, die im Landhausstil.

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4 Antworten zu Entscheidenendes

  1. Flohnmobil schreibt:

    Landhausstil? Jetzt wo du in die Grossstadt gezogen bist?
    Ganz abgesehen vom Stilbruch eine herrlich zu lesende Geschichte. Sie hat sich doch in allen Details so ereignet, oder?

  2. T.M. schreibt:

    Niemals Möbel aufbauen lassen. Mir haben mal so ein paar Experten (und die sprachen alle die gleiche Sprache, nämlich Deutsch) einen grossen Wäscheschrank in sich zusammenfallen lassen, weil sie die alles stabilisierende Rückwand als letztes einbauen wollten, als das Ding schon stand. Und zwar geschah der Zusammenbruch so, dass gleich mehrere Teile ernstlich beschädigt und Scharniere ausgebrochen waren und sie den ganzen Haufen wieder mitnehmen mussten. Was ich dann ein paar Wochen (!) später geliefert bekam, hatte natürlich eine geringfügig andere Farbe als das Übrige, das ich schon besass ….

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