Mondscheinseufzer

Ja, ja – mein Klavier.

Beinahe dreissig Jahre wich es nicht von meiner Seite, ist mit mir dahin und dorthin gegangen. Im Gegenzug habe ich mir diese Beziehung etwas kosten lassen. Regelmässiges Stimmen, ab und zu einen Umzug und zwei Komplettüberholungen – ich darf gar nicht daran denken, was ich mir dafür hätte leisten können. Aber es gibt nun mal Dinge im Leben, die sind es einem wert.

Immerhin hat dieses Klavier noch echte Elfenbeintasten. Das ist natürlich haarsträubend und ich hatte mit zunehmendem Alter zunehmend Skrupel deswegen. Was mich rehabilitiert ist die Tatsache, dass das Klavier schon in der Junggesellenbude meines Vaters stand (auf der Peterhofstatt übrigens, sehr geschichtsträchtig!) und ich also nichts für die traurige Sache mit den Elefanten konnte. Dafür hörte ich als kleines Kind am Sonntagmorgen meinen Vater die Mondscheinsonate darauf spielen oder auch Chopinwalzer oder „Air“ von Bach. Und bald spielte auch ich auf dem Klavier und es dauerte ein Weilchen, bis ich die Mondscheinsonate und so konnte, aber eines Tages kriegte ich es hin und – bitte vergebt mir, Elefanten: Der Anschlag des Klaviers ist einfach einmalig!

Da half es nichts, dass der Klavierstimmer mich jedes Mal darauf hinwies, er hätte auch neue Instrumente zu verkaufen und – ebenfalls jedes Mal – beklagte, wie tief mein Klavier gesunken sei. Dafür schämte sich mein Klavier nicht mal, nein, im Gegenteil, es wurde mit den Jahren immer lauter. Ich solle halt – der Klavierstimmer wieder – eine Wolldecke zwischen das Instrument und die Wand stopfen. Ich wollte meinem Klavier aber nicht das Maul stopfen und so waren wir weiterhin laut und tief. Das kam mir übrigens durchaus entgegen, weil ich ja nicht in einem Orchester spielte und zudem Alt bin (also stimmässig jetzt).

Gestern wurde das Klavier abgeholt. Von ihm habe ich mich nach reiflichen Überlegungen auch getrennt, denn hier kann ich es meinen Nachbarn nicht mehr zumuten. Ausserdem nimmt es ziemlich viel Platz weg, das Klavier, und deshalb wollte ich es auch dem Handyman nicht mehr länger zumuten – weil meiner ja auch leer ist.

Bevor es abgeholt wurde, hatten das Klavier und ich noch ein letztes, bittersüsses Date. Ich putzte es hübsch heraus, suchte die wichtigsten Noten zusammen und schaute auf mein bisheriges Leben zurück.

Das Präludium aus dem wohltemperierten Klavier war in der Oberstufe mein Gänseblümchentest gewesen: Wenn ich es ohne Fehler schaffte, dann liebte mich das Objekt meiner Begierde. Wie beim Gänseblümchentest war die Erfolgsquote übrigens mässig.
Mit Folksongs wie Five Hundred Miles überwand ich als junge Lehrerin mein Vorspieltrauma aus Mittelschulzeiten.
Dann kam die „It’s Easy to Play…“ Phase, weil ich zu faul zum Üben war und zur Entspannung Schmachtfetzen wie Nights in White Satin oder Phantom of the Opera oder Mercy, Mercy spielte, alles querbeetein. Mein Lieblingsstück The Heart Asks Pleasusre First aus dem Film „Piano“ kriegte ich nur noch ansatzweise hin und ganz, ganz leise versuchte ich mich an meiner letzten Errungenschaft, Turbine Womb von „Soap and Skin“. Es klang nicht so toll – ich war etwas aus der Übung – aber ich genoss es trotzdem.

Und ich bin sehr, sehr froh, dass mein Klavier an einen guten Ort kommt, wo man gut zu ihm ist und wo ich es ab und zu besuchen kann.

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6 Antworten zu Mondscheinseufzer

  1. runningtom schreibt:

    Wow… so weit hab ich es nicht gebracht auf dieser klassischen Art des Keyboards. Immerhin erinnere ich mich noch an das „opus magnus“ des Komponisten Ferdinand Loh.
    Sind die schwarzen Tasten eigentlich auch aus Elfenbein?

    • schreibschaukel schreibt:

      Ich glaube, die sind aus Ebenholz. Hm …da hätte man eigentlich auch nur auf den schwarzen Tasten spielen können… selbst beim Kotelettwalzer gibt es aber noch ein paar andere.
      Ich wollte übrigens nicht angeben; bei der Mondscheinsonate bin ich nicht über den ersten Satz herausgekommen und DASS ich sie gespielt habe, sagt natürlich nicht nichts über die Qualität meiner Darbietung aus.

  2. Flohnmobil schreibt:

    Was für eine Liebeserklärung…
    … vor allem an deine neuen Nachbarn. Die werden deinen Entschluss zu schätzen wissen.

  3. Tamar schreibt:

    War schon seit Ewigkeiten nicht mehr bei „dir“ zu Besuch, weil mir die Zeit fehlte. Berührend, wie du über Abschiednehmen und Neuanfang schreibst.

  4. schreibschaukel schreibt:

    Danke dir. Ich bin froh, dass ich wieder zum Schreiben komme – dabei kann ich so manches „wegschicken“.

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