Härtetest

Immer wieder wird mein aktuell favorisiertes Selbstbild – dasjenige der gelassenen, entspannten Mutter – erschüttert. Es ist schwierig, gelassen zu bleiben, wenn der Teenager an der Strippe hängt – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Auf den Beinen halten kann er sich nämlich nicht mehr (er hing schon die halbe Nacht über der Kloschüssel) und sich vorstellen, in weniger als sieben Stunden in eine Flugzeug zu steigen, schon gar nicht.
Hätte ich mir in diesem Zusammenhang also gar keine Sorgen zu machen brauchen, ob er, so erkältet wie er ist, den Rückflug ohne permanenten Gehörverlust überstehen wird. Das ist jetzt nämlich Nebensache.
Ich erwäge kurz die verschiedenen Optionen (mich sofort ins nächte Flugzeug zu setzen, den Lehrer aus den Federn zu klingeln, im Hotel einen Grossalarm auszulösen), entscheide mich dann für die realistische Variante und mache – nichts. Schliesslich bin ich hier und nicht dort; die Verantwortung tragen für einmal andere. Immerhin ermöglichen mir die modernen Kommunikationsmittel, in Kontakt mit meinem Kind zu bleiben und ihm wenigstens den bitter nötigen Trost zuzusprechen.

Zwei Stunden später hat sich die Situation insofern entspannt, als sich der Teenager nicht mehr so allein fühlt: Die Hälfte der Klasse ist, wie sich herausstellt, in ähnlicher Verfassung. Einigen geht es noch viel schlechter. Ein bisschen enttäuschend ist das Verhalten des Lehrers, den das alles recht kalt lässt. Aufgrund früherer Erfahrungen geht er wohl davon aus, dass bloss zu viel Alkohol mit im Spiel war, was aber nicht stimmt. Die Fakten sprechen für eine Lebensmittelvergiftung.

Immerhin: Das jahrelange Training in sozialer Kompetenz scheint zu greifen und diejenigen, die sich noch auf den Beinen halten können, kümmern sich um die Bedauernswerten, die es nur noch auf allen Vieren bis zum Bus schaffen.

Endlich dann die Ankunft auf dem Flughafen. Obwohl ich nur die wenigsten der Klasse kenne, ist unschwer zu erraten, wer dazu gehört. Einer nach dem anderen wankt bleich durch die Schranke und fällt erleichtert den ungewöhnlich zahlreich angereisten Eltern in die Arme. Hie und da fliessen Tränen. Man hätte nicht geglaubt, es bis hierher zu schaffen!

Nun ja. Auch als Mutter wächst man an solchen Situationen. So bin ich am nächsten Tag wieder die Ruhe selbst und bewege mich lässig zwischen Apotheke und Krankenstätte, mit dem Ziel, den Teenager schnell möglichst wieder aufzupäppeln.

Die Freude über meine wiedergewonnene Nonchalance hält knappe vierundzwanzig Stunden. Sie findet ein jähes Ende, als sich der Teenager, noch wacklig auf den Beinen und bleich um die Nase, wieder verabschiedet. Auf die Ferien, auf die er sich wochenlang gefreut hat, will er nämlich trotz widriger Umstände nicht verzichten.

Also verzichte ich. Auf meine Entspanntheit.

Dieser Beitrag wurde unter ab abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Härtetest

  1. runningtom schreibt:

    Mir gings ja damals ähnlich: Nach der Rückkehr von der Maturareise war ich im Bett und hatte Magen… Leider war damals niemand von der vorgefassten Meinung abzubringen, dass es nur am Konsum von zuviel Alkohol liegen könne…

  2. schreibschaukel schreibt:

    Ja, ist echt gemein, sowas.
    Und danke – werd’s weiterleiten. 🙂

  3. Flohnmobil schreibt:

    Ich bin mir im Moment noch unschlüssig, mit wem ich mehr Bedauern haben soll, dem genesenden Teenager oder dem hockengelassenen Mami.

  4. schreibschaukel schreibt:

    Weder noch! Alles wieder im grünen Bereich 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s